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Obdachlosigkeit in Athen

Die Anzahl der Obdachlosen in Griechenland wächst ständig, doch es gibt keine ausreichende staatliche Infrastruktur, um sie zu unterstützen. Durch Zwangsversteigerungen könnten bald noch mehr Menschen auf der Straße landen.

Von Chrissi Wilkens

Die langjährige Wirtschaftskrise hat viele Menschen in Griechenland an den Rand der Gesellschaft gebracht. In der Stadt Athen, schätzt man, leben 1.100 bis 2.000 Menschen auf der Straße, Hunderte andere in verlassenen Gebäuden. Die Gemeinde selbst stellt nur 212 Schlafplätze in Häusern, die bereits voll besetzt sind. Das Heim der staatlichen Behörde für soziale Fürsorge (ΕΚΚΑ) hat weitere 60 Plätze, ebenfalls fast alle besetzt. Eine magere Anzahl, wenn man an die Menge Obdachlosen denkt und an die Tatsache, dass die Lage noch schlimmer werden kann.

Obdachlosigkeit in Athen: Mensch schläft auf Haustorschwelle

Salinia Stroux

Es wird nämlich befürchtet, dass durch die Forderungen der Gläubiger nach Zwangsversteigerungen die Anzahl der Menschen, die auf der Straße landen, zunehmen wird. Es wird geschätzt, dass in Griechenland sieben von zehn Einwohner in ihren eigenen vier Wänden leben. Ein großer Teil der faulen Kredite der griechischen Banken sind Immobiliendarlehen.

Laut einer Studie der griechischen NGO Klimaka waren bereits im Jahr 2011 in Griechenland, also während der ersten Jahre der Wirtschaftskrise, an die 20.000 Personen obdachlos. Im Jahr 2016 wurde die Zahl auf 40.000 geschätzt.

Obdachlosigkeit in Athen: Menschen schlafen im Park unter Planen

Salinia Stroux

Ein neues Gesetz erleichtert nun Zwangsversteigerungen, wenn Hausbesitzer ihre Kredite nicht mehr bedienen oder bei der Bezahlung ihrer Steuern in Rückstand geraten. Die letzten Monate gab es während den Auktionen heftige Proteste vor den Gerichten. Die Notare haben im November aus Sicherheitsgründen sogar entschieden, von Auktionen abzusehen. Im Jahr 2016 hatten sie durch einen Streik die Zwangsversteigerungen blockiert.

Obdachlosigkeit in Athen: Mensch schläft in Gebäudeeingang

Salinia Stroux

Diesmal entschied sich die Regierung für elektronisch abgewickelte Zwangsversteigerungen, die ab Ende Februar beginnen sollen. Polizisten wehren sich dagegen, Notariate zu bewachen, die Auktionen durchführen. „Wir werden die Griechen nicht obdachlos machen!“, erklärt die Panhellenische Polizistenvereinigung (POASY) in einer Pressemitteilung.

Bis 2021 soll es laut Forderung der Gläubiger 130.000 Zwangsversteigerungen geben . 10.000 sollen dieses Jahr stattfinden. Es geht auch um den Erstwohnsitz. „Die Regierung garantiert, dass keine Menschen in Not wegen elektronischer Auktionen auf der Straße landen werden. Wir haben den gesamten gesetzlichen Rahmen, der uns hilft, mit dieser Situation umzugehen”, sagt Theano Fotiou, stellvertretende Ministerin für gesellschaftliche Solidarität.

Obdachlosigkeit in Athen: kleine Demonstration

Salinia Stroux

Die Regierung von Alexis Tsipras will den Wohlfahrtstaat wiederherstellen. Mit einer Reihe von Maßnahmen wie z.B. einem Mietzuschuss für Tausende Familien in Not soll die Bevölkerung geschützt werden. Mit einem umfassenden Programm plant man, die Obdachlosigkeit zu bekämpfen.

Demnächst soll die obdachlose Bevölkerung registriert und eine neue Infrastruktur aufgebaut werden. 20 neue Strukturen für Obdachlose soll es geben, neun davon in der gesamten Attika-Region.

Bis dahin bleibt aber ein großer Teil der Obdachlosen, insbesondere in der griechischen Hauptstadt, ungeschützt, kommt nicht einmal in eine Notunterkunft, denn die Gemeinde hat noch keine Schlafsäle, aber bald soll es einen geben, heißt es. Schlafsäle, die von privaten Trägern betrieben werden, sind derzeit voll. Auch obdachlose Flüchtlinge und Migranten, die einen großen Teil der obdachlosen Bevölkerung ausmachen, finden dort Zuflucht. Bei extremer Kälte werden zudem beheizte Hallen oder Metrostationen in der Athener Innenstadt geöffnet.

Vor allem wegen der Bürokratie gibt es keine ausreichende Infrastruktur, betont Eleni Katsouli, Vorsitzende des Athener Solidaritätszentrums. “Die Gemeinde verfügt über keine dem Zweck entsprechenden Gebäude. Es ist sehr schwierig, in den Miet-Wettbewerb für ein solches Gebäude einzusteigen - wenn man überhaupt das Geld hat. Gleichzeitig gibt es immer diejenigen, die keine Gebäude für Obdachlose in ihrer Nachbarschaft wollen.“

Essen und Trinken, Decken, Medikamente, beheizte Hallen - dies kann derzeit das Solidaritätszentrum jemandem anbieten, der auf der Straße landet. Außerdem gibt es eine sehr gute Kooperation mit den anderen Organisationen und mit privaten Trägern, um einen Platz in einem Schlafsaal oder Heim zu finden, sagt Katsouli.

Ein paar Straßen weiter vom Solidaritätszentrum, auf einem kleinen Platz nahe dem Athener Rathaus bereiten Freiwillige in einem großen Topf Gemüse und Nudeln zu. Dutzende Obdachlose warten auf die warme Mahlzeit. Zweimal wöchentlich wird hier von Freiwilligen und NGOs Hilfe angeboten. Giorgos ist 43 Jahre alt, arbeitslos und lebt seit mehr als drei Jahren auf der Straße oder in verlassenen Gebäuden. Bis jetzt hat er keine Unterstützung vom Staat bekommen, sagt er: “Die Voraussetzungen sind absurd und oft gibt es einen sozialen Rassismus gegenüber griechischen Obdachlosen." Giorgos nimmt damit Bezug auf die Millionen an Notgeldern, die in den letzten drei Jahren von der EU nach Griechenland flossen, während das Land und seine Menschen sich unter den Sparmaßnahmen der Troika weiter krümmen. “Der Staat ist abwesend. Nicht nur für mich, sondern für viele Menschen. Hilfe gibt es nur von Freunden und Organisationen. Eine Chance auf ein Obdachlosenheim hat man quasi nicht. Man braucht mehrere Papiere, und es vergehen Monate, bis man einen Platz bekommt“, sagt Giorgos.

Tasos Smetopoulos beim Kehren

Steps

Tasos Smetopoulos ist Gründer und Koordinator der Organisation Steps

Ein Waschmaschinenmobil steht auf dem kleinen Platz, Mitarbeiter einer NGO führen kostenlose HIV-Tests durch. Eine junge Freiwillige färbt die Haare einer obdachlosen Frau. Auch psychosoziale und medizinische Hilfe werden angeboten. Tasos Smetopoulos ist Gründer und Koordinator der Organisation Steps und hat langjährige Erfahrung als Streetworker.

Tasos Smetopoulos im Einsatz

Steps

In den letzten drei Jahren sieht er immer mehr Menschen zwischen 35 und 44 Jahren, die auf der Straße landen, Griechen und Ausländer. Man fürchtet, dass die Zwangsversteigerungen früher oder später noch mehr Menschen in die Obdachlosigkeit zwingen. Die Situation werde immer brutaler - auch unter den Obdachlosen selbst. “Auf der Straße gibt es viel Wut. Die Stimmung ist sehr angespannt.“ Der Staat in Griechenland aber auch in anderen Ländern ziehe sich von allem zurück, was wir Sozialdienst nennen, sagt Tasos Smetopoulos. “Das wird der Zivilgesellschaft und den Organisationen überlassen. Wir können aber nicht vorwärts gehen, indem wir Leichen hinter uns lassen“.

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