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Depeche Mode

APA/HERBERT P. OCZERET

Depeche Mode in Wien

Hits aus vier Jahrzehnten, ein volles Haus und ein tanzender Dave Gahan: Depeche Mode waren in der ausverkauften Wiener Stadthalle.

Von Christoph Sepin

Depeche Mode kann man in letzter Zeit auch fast überall sehen. Nicht nur spielt die Band heuer auf zahlreichen Sommerfestivals, bereits letztes Jahr waren sie mit ihrer „Global Spirit Tour“ in Europa unterwegs.

Mir bleibt davon eine Stadionshow in Bratislava im Gedächtnis, ein Konzert, das leider eher weniger getaugt hat. Wetter- und locationtechnisch waren damals die Probleme, trotz großem Spektakel der Band on stage.

Aber man kann es ja nochmal versuchen. Diesmal in der Wiener Stadthalle, diesem Ort der Brezeln und Plastikflaschen, Eistüten und grellen Einkaufszentrumslichter. Besser als letztes Jahr, soviel sei gehofft, sollte das aber trotzdem werden. Und so ist es dann auch gewesen.

Depeche Mode haben ein sehr gutes Gespür für Opening Acts: In Bratislava waren das letztes Jahr noch die großartigen Raveonettes, in der Stadthalle ist das die ebenso großartige EMA. Vor ein paar Monaten hat die Musikerin aus Portland noch vor einer Handvoll Leuten in der kleinen Halle der Arena Wien gespielt, jetzt steht sie schon auf der Riesenbühne.

Funktionieren tut das trotzdem, den guten Songs sei Dank und EMA grüßt ihre Eltern, die sich im Publikum befinden. Das bekommen nur nicht so viele Leute mit, weil, wie so oft bei Vorbands, noch ein bisschen geplaudert, angestoßen und gewartet wird. Auf Depeche Mode. Das Publikum ist, wie erwartet, im Durchschnitt eher älter und anscheinend ganz gut betucht. Kein Wunder, die Tickets waren ja ganz und gar nicht billig. Man prostet sich mit Plastiksektflöten zu.

Where’s The Revolution?

Revolution, das ist so ein bisschen das derzeitige, große Thema für Depeche Mode. Seit einiger Zeit gibt es den gleichnamigen John-Lennon-Klassiker vor der Show zu hören, so auch in der Stadthalle, bevor die Band die Bühne betritt.

Schön bunt ist der Backdrop hinter der Band, die sich zuerst mal im Dunkeln zurechtfindet, bevor Dave Gahan langsam nach vorne tanzt. Wie so oft ist das vor allem die Show des Frontmanns, der jaggerhaft über die Bühne stolziert, mal die Hände in den Hüften, mal ausgestreckt und in Pirouetten rotierend.

Depeche Mode

APA/HERBERT P. OCZERET

Das hat schon alles seinen Sinn, das kennt man und erwartet man. Wie so vieles bei Depeche Mode, einer Band, die sich weniger auf Überraschungen als auf stabile Routine verlässt. Lieder wie „Barrel of a Gun“ und „Precious“ sind natürlich in der Setlist zu finden, es wird abgeliefert und performed, die Depeche-Mode-Maschine kommt in die Gänge.

Es gibt da aber so ein Problem mit dieser seit knapp vier Jahrzehnten existierenden Band: Über die Jahre ist Depeche Mode zu einem absoluten Musikindustriegiganten geworden. Welttourneen werden gemeinsam mit Konzertveranstaltern im Videolivestream angekündigt, Setlists ändern sich selten, Erwartungen werden strikt erfüllt. Die von Depeche Mode angefragte Revolution, die findet sich zumindest nicht in der Musik der Band.

Andere Zeitgenossen der Gruppe haben das anders geschafft. Authentizität ist so ein bisschen das Schlagwort. Wenn sich die Visuals von Show zu Show wiederholen, die Lieder programmatisch abgerackert werden und die Interaktion mit dem Publikum rar bleiben, dann hat das was Maschinelles und einen tiefst in der Musikindustrie eingebetteten Beigeschmack. Der irgendwie in Dissonanz zu dem steht, was Depeche Mode ausstrahlen sollten.

In Dissonanz zu der Outsider- und Weirdo-Musik und den Hardcore-Fans der Band, die sich in der Front of Stage Area vor der Bühne zusammenquetschen. Dass das alles trotzdem funktioniert, das verdankt die Band den hervorragenden Liedern, die sie sich über die Jahrzehnte scheinbar mühelos aus dem Ärmel geschüttelt haben.

Und vor allem den großen Hooks: Bei „Enjoy The Silence“ ist das die eine große Melodie, die das Publikum zum begeisterten Mitklatschen bringt, während sich Dave Gahan vor dem in Pink getauchten Backdrop um sich selbst dreht und alle die Zeilen mitsingen, die jeder und jede kennt. „All I ever wanted, All I ever needed, Is here in my arms“.

Dann feuert Gahan eine T-Shirt-Kanone in die Luft, bedankt sich nochmal und singt „Personal Jesus“. Das kennt man, das ist zu erwarten, aber trotz der ganzen Routine trotzdem sehr gut. Die große Frage „Where’s The Revolution?“, die Depeche Mode im gleichnamigen Track stellen, bleibt aber auch in der Wiener Stadthalle unbeantwortet.

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