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Ment Festival Plakat

Kaja Brezocnik

Noten, Wörter, Wirrniss

Das Ment Festival in Ljubljana, Slowenien, wirft die Frage nach der „richtigen“ Singsprache auf. Englisch? Muttersprache? Ein Meinungsquerschnitt durch Publikum, KonzertbesucherInnen und Panel-Speaker.

Von Lisa Schneider

Soll eine Band in der jeweiligen Nationalsprache ihres Mutterlandes oder in der universalen, vermarktbaren Musiksprache Englisch singen?

Spätestens seit 2015 muss man in Österreich sofort die Namen Wanda und Bilderbuch sagen. Aber diese beiden Bands sind nur die aktuellsten Ausreißer einer langen Tradition österreichisch gesungener, auch international erfolgreicher Musik, die sich über Falco noch viel weiter zurückstreckt, etwa in Genres Wienerlied, Volkslied oder Schlager.

Das Ment Ljubljana - Festival & Conference findet immer Ende Jänner / Anfang Februar in verschiedenen Locations in der Innenstadt von Ljubljana statt.

Nähere Infos: ment.si

Das Ment Festival in Ljubljana, das am vergangenen Wochenende zum vierten Mal über die Bühnen gegangen ist, hat nicht nur bei den BesucherInnen der Konferenz, sondern auch bei den Bands und Fans die Frage nach der Beziehung zwischen Sprache und Musik aufgeworfen.

Schwerpunkt Osten

Das Ment ist ein international ausgerichtetes Festival mit dem Anspruch, vor allem auch neue Talente Osteuropas in den Fokus zu stellen. Die heimische Szene ist stark vertreten, in der sowohl Slowenisch als auch Englisch gesungen wird. Ein Festivalbesucher, der sich unter anderem um die Betreuung einer Venue des Ment kümmert, erzählt: „I’d like more bands to sing in Slowenian. But it’s pretty tough to make it sound good“. Weil die slowenische Sprache eine sehr verkopfte ist, sagt er, die sich noch dazu in sehr viele Dialekte aufspaltet.

Will man als slowenische Band national kommerziellen Erfolg erzielen, kommt man an der Landessprache nicht vorbei: „The mainstream acts from Slowenia, they all sing in Slowenian. You need to. It’s a different thing in the alternative scene, there you find everything - Slowenian, English, Croatian and so on.“ Slowenen und Sloweninnen konsumieren sehr viel kroatische und serbische Musik, aber das gilt nicht vice versa. Aus dem einfachen Grund, dass die meisten Slowenen die genannten anderen Sprachen verstehen, das aber umgekehrt nicht der Fall ist. Und das wiederum hat keine einfachen, sondern tiefgreifende politische, teils vom Nationalstolz bedingte Gründe.

In Bosnien-Herzegowina etwa gibt es drei Amtssprachen, Bosnisch, Kroatisch und Serbisch - und diese sind sich von der Grundstruktur her sehr ähnlich. Das ist in weiterer Folge sehr gut für die dort lebenden MusikerInnen, denn auch dort ist die Mainstream-Popszene, die in der jeweiligen Nationalsprache singt, sehr erfolgreich.

Kino Šiška, Eröffnungsabend Ment Festival 2018

Kaja Brezocnik

Das Kino Šiška, eine der Venues des Ment Festivals, ein Stück außerhalb des Stadtkerns von Ljubljana. Die meisten Panels und Diskussionen finden im benachbarten M Hotel statt.

beehype-Panel: Language & Music

Im Rahmen eines der vielen Panels am Ment Festival hat die internationale Musik-Plattform beehype einige der weltweit verstreuten Speaker nach Ljubljana eingeladen, um kurz über die Erfahrungen aus ihrem Gastland zu berichten. Unabhängig von nationalen Gegebenheiten, seien diese politisch oder gesellschaftlich, sind kollektiv gesehen meistens jene Bands, die in der Landessprache singen, die kommerziell erfolgreichsten. So wie eben auch in Slowenien.

Andraž Kajzer, Manager Ment Festival

Kaja Brezocnik

Andraž Kajzer ist einer der beiden Manager des Ment Festivals, und spricht am beehype-Panel kurz über die slowenische Musikszene.

Ausnahmen der Regel wären etwa Griechenland, wo sich seit der Wirtschaftskrise 2009 vor allem zwei Genres - teils auf Englisch, teils auf Griechisch - etabliert haben: Postpunk/Punkrock und Hiphop. Ein Land, in dem der nationalsprachliche Musikexport überhaupt nicht funktioniert, ist Luxemburg. Von den gut 600.000 Einwohnern sprechen die wenigsten Luxemburgisch. Will eine Band erfolgreich sein, singt sie Englisch oder Französisch.

Es waren noch viele weitere Sprecher zu hören, unter anderem aus China, der Slowakei oder Tschechien. Spannend, weil etwas komplett anderes, war das Beispiel „Naher Osten“. Mit dem Arabischen Frühling und vor allem dem Einzug des Internets, von Tunesien und Marokko bis Dubai und die Vereinigten Arabischen Emirate, war die Situation eine komplett neue. Internationale Musik strömte erstmals durch offene Tore. Auch die Musikfestivalkultur hat in diesen Ländern so begonnen.

... bald auch am Waves Vienna Festival in Wien

Am Ment Festival sind heuer auch einige russische Acts aufgetreten - etwa Glintshake oder Lucidvox. So viel darf schon verraten sein: Eines der Gastländer am kommenden Waves Vienna Festival wird ebenfalls Russland sein.

Ein Fokus des Ment Festival liegt heuer auf russischsprachigen MusikerInnen - die nicht nur aus Russland kommen, sondern auch in ihrer Muttersprache singen. Ein Beispiel wäre die Psychedelic-Rockband Lucidvox, ein anderes Glintshake: Die 2012 gegründete Garagerockband hat begonnen, ihre ersten Songs und Alben von englischen Texten begleitet aufzunehmen. Vor drei Jahren aber hat sich die Band entschlossen, ältere Songs neu, auf Russisch, erneut aufzunehmen - und die Texte ab jetzt überhaupt nur mehr in ihrer Muttersprache zu schreiben und zu singen. „When you’re kinda reworking your past and childhood influences, you’re trying to dive into something you really enjoyed when you were at school. But when we grew up, we just realised it’s not that kind of music that reflects ourselves as kind of artists. It’s not honest.“

Es ist aber nicht nur der Wunsch, den künstlerischen Ausdruck auf eine authentischere Ebene zu heben; Glintshake machen es sich nicht wirklich leicht, Russisch zu singen. Es ist eine harte, kantige Sprache, Sängerin Kate NV verzieht dazu passend beim Auftritt das Gesicht in die wildesten Grimassen. „There are so many words that actually just sound stupid in Russian. It is quite a challenge I can tell.“ Seit Sie ihre Texte in russischer Sprache schreiben, sind sie national wie international aber erfolgreicher als zuvor.

Glintshake am Ment Festival 2018

Kaja Brezocnik

Glintshake spielen am Eröffnungsabend des Ment Festivals, Sängerin Kate NV wird tags darauf noch eimal, solo, auf der Bühne stehen. Glintshake singen mittlerweile nur mehr auf Russisch, Kate NV Solo mischt Englisch, Russisch und Japanisch zu einem gänzlich neuen Sprachansatz.

Die Glintshake-Sängerin ist außerdem zwei Mal am Ment Festival aufgetreten: mit Band und mit ihrem Solo-Projekt. Das ist, weg von Gitarrengeschrammel und bibbernden Drums, ein Elektropopprojekt, inspiriert vor allem von der japanischen Kultur. Und auch hier gibt es einen auffälligen, sprachbezogenen Aspekt: Kate singt in einer Art Phantasiesprache („not equally as good as Tolkien’s, but, tho“, lacht Kate), die sie anhand ihrer phonetischen Assoziationen mit der englischen, der russischen und der japanischen Sprache entwirft. Side Fact: Eine österreichische Band, die ebenfalls schon so gearbeitet hat, sind Kids’N’Cats.

Eine Theorie darüber, wie sehr das Publikum verstehen muss, um was es in einem Text geht, wird damit komplett obsolet.

Musik aus Österreich am Ment

Am Ment Festival sind auch heuer wieder österreichische Acts aufgetreten, unter anderem Wandl, Mavi Phoenix und 5KHD. Auf die Frage, ob für sie immer klar war, dass sie die Texte für 5KHD in englischer Sprache verfasst, sagt Sängerin Mira Lu Kovacs: „Für mich ist Englisch eine sehr natürliche Sprache, ich musste mir das nicht antrainieren. Für mich ist das deshalb auch ein sehr natürlicher Zugang. Auf Deutsch schreibe ich schon, aber nicht Musik. Englisch zu singen ist wie Theaterspielen, eine Geschichte ausdenken, eine andere Persönlichkeit sein. Vielleicht ist da was dahinter, dass man sich hinter dieser ‚wall‘ ein bisschen verstecken kann. Nicht, um Kontakt zu vermeiden, sondern gerade um dahinter eine andere Art von Freiheit zu finden.“

5KHD @Ment Festival 2018

Nejc Ketis

5KHD spielen am Ment Festival im Stara Elektrarna.

Lukas König, ebenfalls Mitglied bei 5KHD, sinniert kurz, „es wäre interessant zu wissen, wie uns englische oder amerikanische Bands beurteilen, oder bewerten würden.“ Wenn er rappt, erzählt er, schleichen sich nicht selten englische Phrasen ein, die er oft einfach so im Gedächtnis hat - ohne jetzt immer genau sagen zu können, was sie bedeuten. „Mann kann Sprache ja außerdem nicht nur als Sprache verwenden, sondern als Ausdruck diverser Rhythmiken und ähnlichem.“

Viele BesucherInnen des Ment Festivals sind sich einig, die Sprache wiegt nicht so schwer wie die Atmosphäre des Songs, sie transportiert nicht dasselbe, nicht dieselbe Dichte.

Wie man die Sprache wählt, in der man singt, hängt schließlich auch nicht unwesentlich von den Vorbildern ab, mit denen man aufwächst, die die eigene musikalische Sozialisation prägen. Mira Lu Kovacs erzählt, gerade zurück vom ersten Teil ihrer kleinen 5KHD-Europatour (AT-CH-UK, bevor es Ende März in Deutschland live weitergeht), dass sie den „british accent“ so gut wie nicht verstanden hat, weil sie einfach immer nur amerikanische bzw. kanadische Sängerinnen gehört hat, früher, Celine Dion, Whitney Houston. Hier kann man eine Parallele zur russischen Musikerin Kate NV erkennen, die mit ihrem anfangs noch englischsprachigen Projekt ebenfalls die (englischsprachigen) popkulturellen Einflüsse ihrer Jugend verarbeitet hat.

Idealistisch, wieso nicht

Ein Fan von Glintshake erzählt nach dem Konzert, wie er sich gefühlt hat, beim Nichtverstehen der russischen Texte, einfach so, im Flow mit Band, Bass und Tambourin: „It doesn’t need to be English, but you do need to be good. You do need to have your own identity - and then the language doesn’t matter.“

Mit diesen Worten lässt sich gleichzeitig die Grundstimmung des Ment Festivals beschreiben. Oder man borgt sich diese hier, einmal mehr von Mira Lu Kovacs:

„Das ist einfach die Sprachrevolution, da wachsen wir mit der Sprache mit - und umgekehrt. Und ich finde, man darf die Entwicklung nicht aufhalten, und nur sagen ‚Oh Gott, wir müssen den deutschen Sprachstamm erhalten.‘ Sprachen vermischen sich wie die Menschen, und das ist sehr gut so.“

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