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Im Netz der Impfkritik

Wie sich selbsternannte ImpfkritikerInnen im Netz organisieren und warum unterschiedliche Meinungen kaum Platz haben.

Von Ali Cem Deniz

Keuchhusten, Masern und Röteln sind wieder auf dem Vormarsch, sagen Ärztinnen und Ärzte. Dabei handelt es sich eigentlich um Krankheiten, die nach gängiger schulmedizinischer Meinung vermeidbar wären. Ein möglicher Grund für ihr Comeback: Immer mehr Eltern wollen ihre Kinder nicht impfen lassen.

Das auch Impfen nicht ganz ungefährlich ist, zeigt sich aber ebenfalls immer wieder. Die philippinische Regierung bringt zum Beispiel gerade drei Todesfällen in Zusammenhang mit einem zu früh zugelassenen Impfstoff gegen das Denguefieber.

Offene geheime Clubs

In FM4 Auf laut diskutieren wir heute ab 21.00 über das Impfen

Dienstag, 6.2., ab 21.00 Uhr

Anrufen und mitdiskutieren: 0800 226 996

Solche Meldungen heizen die Debatten über das Impfen an - besonders im Netz. Auf Facebook tauschen sich ImpfkritikerInnen rege untereinander aus.

Gruppen wie „Gegen Impfen - IMPFormier dich!“ haben tausende aktive Mitglieder. Sie erzählen von persönlichen Schicksalen, teilen Videos und Bilder. Zu sehen sind dann zum Beispiel kranke Kinder und Babies, die angeblich nach einer Impfung unter Schlaganfällen leiden. Was alles davon stimmt und woher das Material stammt, ist kaum zu überprüfen. Doch eines ist sicher: Die Bilder emotionalisieren.

Schnell bekommt man das Gefühl, dass jede Sekunde ein Kind auf der Welt durch eine Impfung unheilbar verletzt oder gar getötet wird. Wer sich beim Thema Impfen unsicher ist, findet zumindest in diesen großen Gruppen keine nennenswerde Informationsvielfalt.
Die ist auch nicht erwünscht ist. Bei „IMPFormier dich“ werden beispielsweise verpflichtende Impfberatungen angegriffen. Stattdessen will die Gruppe „Infos jenseits der von Lobbyisten gesteuerten Mainstream-Medien“ anbieten.

Frageformular einer Anti-Impf-Facebookgruppe

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Die Suche nach dem Mittelweg

Dank dem sich immer selbst bestärkenden Facebook-Algorithmus werden BesucherInnen solcher Seiten dann auch in erster Linie weitere einschlägige impfgegnerische Seiten vorgeschlagen.
Dabei gibt es genauso viele Facebook-Gruppen, die für das Impfen sind. Die bestehen hauptsächlich aus halblustigen Memes und auch hier sind gegnerische Meinungen ebenso nicht gern gesehen. Das verraten schon Gruppen-Namen wie „Dinge, die Impfgegner sagen“. Viel gehaltvoller sind die Diskussionen hier also auch nicht.

Kein Mittelweg?

Einen „Mittelweg“ scheint es kaum zu geben. Einzelne Gruppen versuchen, beide Seiten abzuwägen, aber das scheint nicht immer gut zu klappen. In der Gruppe „Impfen - Pro & Contra“ heißt es: "Aus gegebenem Anlass und da leider beide Parteien des Öfteren die Beherrschung verlieren: Jeder Kommentar der eine direkte Beschimpfung mit sich bringt wie „dumme Nuss“ oder „du bist lächerlich" etc... wird nach Erkennen dieser oder einer Bitte darum entfernt.“

Das erklärt wohl auch, wieso die meisten Gruppen nicht öffentlich sind. Wer beitreten möchte, muss in der Regel ein paar Fragen beantworten: Wie man die Gruppe entdeckt hat, welche Impfstoffe man für besonders gefährlich hält oder wieso man sich überhaupt für das Thema interessiert.

Dass es bei diesem Thema offenbar keine Kompromisse gibt, liegt wohl auch daran, dass sich die Überzeugungen zu grundsätzlich Widersprechen: Die „gemäßigten“ KritikerInnen zweifeln zwar die Notwendigkeit von (zumindest einzelnen) Impfungen mehr oder weniger an, nicht aber grundsätzlich ihre Wirksamkeit. Für sie stehen bei vielen Impfungen einfach die Risiken in einem schlechten Verhältnis zum Nutzen. Bei den Hardcore-ImpfgegnerInnen sieht die Sache aber oft nochmal anders aus. Da treffen dann verschiedenste Verschwörungstheorien aufeinander und da wird dann überhaupt bezweifelt, dass Viren die Krankheiten auslösen, gegen die geimpft werden soll. Und spätestens hier gibt es zwischen Schulmedizin und Impfgegnern natürlich keine Kompromisse mehr, sondern einen Glaubenskrieg.

Die höchsten Instanzen

Obwohl impfkritische Gruppen regelmäßig Mainstream-Medien, Schulmedizin und moderne Wissenschaft angreifen, bilden auch in diesen Kreisen ausgerechnet JournalistInnen und MedizinerInnen bzw. ForscherInnen die höchsten Instanzen. Das sind allerdings keine „Mainstream“-ExpertInnen, sondern jene, die ihre eigene „wirkliche Wahrheit“ entdeckt haben und sie verbreiten.

Einer von ihnen ist der Filmemacher Michael Leitner. Seine Doku „Wir impfen nicht!“ ist in der Szene besonders beliebt. Auch in seinem Film vermischt sich Kritik gegenüber Pharma-Konzernen mit Verschwörungstheorien. Ein anderes aktuell besonders beliebtes Video zeigt einen Arzt aus Ohio der unter Tränen beichtet, wie er unter dem Einfluss der „Impf-Propaganda“ seinen PatientInnen schädliche Injektionen verabreicht hat.

Besonders gewichtig ist in der Szene die Meinung von Promis. Robert De Niro, Billy Corgan, Jim Carrey, Robert Kennedy Jr., Jenny McCarthy oder Donald Trump. Die Liste der berühmten ImpfskeptikerInnen ist lang. Was sie eint, sind persönliche Erfahrungen. De Niro hat nach einer Autismus-Diagnose bei seinem Sohn angefangen, die Ursache dafür in den Impfstoffen zu suchen.

Grafik Spritze

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Bild hier und ganz oben: Pixabay / Creative Commons CC0

Shops, Politik und alte Ängste

Während die Pharma-Industrie an den Pranger gestellt wird, verpassen viele impfkritische Seiten nicht die Gelegenheit, ihre eigenen Produkte zu vermarkten. Besonders beliebt sind Aufkleber mit Sprüchen wie „Impfst du noch? Oder denkst du schon?“, Bücher und natürlich Dokus.

In den meisten Gruppen sind politische Postings ausdrücklich verboten und die UserInnen scheinen sich an diese Regel zu halten. Auch wenn sich die Szene unpolitisch gibt, sind viele namhafte ImpfkritikerInnen politisch leicht zuordenbar. „Vaccine-free mom“ Meghan Rose, deren Postings in allen Gruppen auftauchen, ist Trump-Anhängerin. 

Die besonders im deutschsprachigen Raum beliebte Facebook-Gruppe „Impfen - Nein Danke.“ wird vom Ufologen, Reichsbürger und ehemaligen NPD-Funktionär Frank Reitemayr betrieben. Auch die AnhängerInnen der „Germanischen Neuen Medizin“, die vom Arzt Ryke Geerd Hamer begründet wurde, zweifeln an Impfungen und betrachten die Schulmedizin als eine jüdische Verschwörung.

So intensiv die Debatten über das Impfen derzeit sind, die sogenannte Impfkritik ist kein neues Phänomen. Schon seit im 18. Jahrhundert in Europa Menschen mit Kuhpocken-Erregern gegen die gefährlicheren „normalen" Pocken immunisiert wurden, gibt es neben den Befürwortern auch vehemente Gegner. Der Theologe Edmund Massey veröffentlichte zum Beispiel bereits 1772 "The Dangerous and Sinful Practice of Inoculation“, in dem er eine sehr frühe Form der Impfung kritisierte. Er behauptete die Krankheit sei Gottes Strafe für die Sünde. Pocken verhindern zu wollen also eine „teuflische Handlung“.

FM4 Auf Laut: Impfen! Pflicht oder nicht?

Masern-, Mumps- und Rötelnausbrüche legen nahe, dass in Österreich nicht ausreichend geimpft wird. Während Ärztekammer und Volksanwaltschaft für eine Impfpflicht - oder zumindest eine verpflichtende Impfberatung - plädieren, weisen Skeptiker auf unzumutbare Nebenwirkungen und Spätfolgen von einzelnen Impfstoffen hin.

Ist jeder Mensch bloß für sein eigenes Immunsystem verantworltich? Was ist mit Ansteckungsgefahren? Und wo ist eine mit der Pharmaindustrie kollaborierende Medizinerzunft überhaupt glaubwürdig?

FM4 Auf Laut diskutiert leidenschaftlich sachlich übers Impfen in Österreich. Dienstag, 6.2., ab 21.00.

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