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Filmstills aus "Wind River"

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FILM

Winter is coming

Taylor Sheridan, der gefeierte Drehbuchautor von „Sicario“ und „Hell or High Water“ präsentiert sein Regiedebüt. „Wind River“ fasziniert als eisiger moderner Western.

Von Christian Fuchs

Warme Kleidung ist vor dem Betreten des Kinosaals wirklich dringend empfohlen. „Wind River“ spielt fast zur Gänze in einem verschneiten Indigenen-Reservat in Wyoming, die Minusgrade auf der Leinwand übertragen sich in den Zuschauerraum. Man friert mit der FBI Agentin Jane Banner mit, die ohne passenden Wintermantel aus Las Vegas anreist, um in dem Reservat zu ermitteln. Dabei ist das konstante Frösteln noch ihr geringstes Problem. Kaum jemand im Ort spricht mit der noch eher unerfahrenen Beamtin (Elisabeth Olsen) über die Leiche der jungen Frau, die von dem Fährtenleser Cory in der Wildnis gefunden wird.

Überfordert von dem rätselhaften Fall bittet Jane den wortkargen Mann, der auch als staatlicher Wildtierjäger arbeitet (ein zurückhaltender Jeremy Renner in seiner besten Rolle seit Jahren), um Mithilfe. Der geschiedene Cory hat selbst vor geraumer Zeit seine 16-jährige Tochter auf tragische Weise verloren. Trotz seiner Kontakte in dem Reservat stößt das ungleiche Paar bei den Nachforschungen zunächst auf eine Eiswand aus Schweigen und Ablehnung.

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Apathie und Alkoholsucht

Wie schon in seinen Drehbüchern für die zurecht gefeierten Thriller „Sicario“ (2015) und „Hell or High Water“ (2016) benutzt Taylor Sheridan auch in seinem Regiedebüt klassische Genrekonstellationen eher als Aufhänger. In Wirklichkeit geht es ihm um die emotionale, ökonomische und politische Vergletscherung in seinem Land. Widmete sich Sheridan zuvor dem Drogenkrieg an der mexikanischen Grenze und dann der Perspektivlosigkeit in der texanischen Provinz, ist „Wind River“ ein bitterer Kommentar über die triste Lage der Native Americans. Apathie, Arbeitslosigkeit und Alkoholsucht dominieren die indianische Community in dem Film.

Dass seine Geschichten aber nie zum puren Sozialporno mutieren, sondern auch als atmosphärisches Hochspannungskino funktionieren, macht Sheridan zu einem Ausnahmetalent im Hollywood-Fließbandbetrieb. Nur wenig andere Autoren vermischen Actionansätze und Anspruch so fesselnd.

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Meditativer moderner Schneewestern

Einzig von feministischer Seite erntet der 47-jährige Texaner bisweilen Kritik. In „Sicario“ verstrickt sich Emily Blunts toughe FBI-Agentin in einem Strudel aus Gewalt und Korruption, um am Ende gegenüber abgebrühten Männern machtlos und deprimiert dazustehen. In „Wind River“ scheint ihre von Elisabeth Olsen dargestellte Kollegin zunächst ebenso sehr an maskulinen Mauern zu scheitern. Aber der Film ändert mit einem drastischen Twist seinen Tonfall. Und Sheridan verwandelt die Spurensuche im Schnee letztlich in ein Pamphlet für starke Frauen und gegen gefühlskalte Typen, die an Männlichkeitsbildern hängen, wie sie nur noch reaktionäre Polit-Dinosaurier predigen.

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Apropos Tonfall: „Wind River“ ist großteils ein extrem ruhiger, reduzierter Film, muss man Actionfans fairerweise warnen, ein meditativer moderner Schneewestern, der vom gespenstischen Soundtrack von Nick Cave und Warren Ellis perfekt untermalt wird. Erst gegen Ende zerreißen Schüsse die Stille der endlosen Winterlandschaft. Und ein archaischer Gewaltausbruch sorgt für zusätzliche Gänsehaut. Freunde intelligenter und aufwühlender Thriller sollten sich diesen Film nicht im Kino entgehen lassen.

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