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Füße von tanzenden Leuten

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Tanzen im Spiegelsaal ist ein Alptraum

Beim bulgarischen Volkstanzkurs sehen mich von allen Seiten Todors aus dem Spiegel an.

Von Todor Ovtcharov

Ihr kennt sicherlich alle die verspiegelten Turnhallen, in denen Ballerinas das Tanzen üben. Anscheinend müssen sie jede Bewegung ihres feinen Körpers verfolgen. Als ich in so eine Halle kam, hab ich mich erschreckt. Von allen Seiten sahen mich Todors an. Alle in ihren FM4 T-Shirts und Basketballhosen. Langsam füllte sich die Halle mit Frauen - im Alter von 20 bis 60. Sie kannten sich, sie lachten, sie umarmten sich. Mir kam es vor, dass sie mich die ganze Zeit anschreien und auslachen. Ich war das einzige männliche Wesen. Ich befand mich in einem Albtraum. Bald kam auch meine liebe M. dazu, die mich zu diesem bulgarischen Volkstanzkurs gebracht hatte. Sie hatte sich verspätet. Ich fühlte mich noch unwohler. Bevor ich ihr sagen konnte, dass ich fehl am Platz bin und dass ich unbedingt weg muss, fingen wir mit dem Aufwärmen an. Ich stellte mich ins hinterste Eck, damit mich niemand anschaut. In der verdammten Spiegelhalle gab es aber kein „hinterstes Eck“. Egal, wo ich war, ich sah mich immer an. Ab morgen werde ich mit dem Bier aufhören, sagte ich mir, als ich mich anblickte.

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Das Tanzen fing an. Der bekannteste bulgarische Volkstanz heißt „Horo“. Das Wort kommt aus dem Griechischen - „horos“ heißt Tanz. Ähnlich dem bulgarischen „Horo“ ist der serbische oder kroatische „Kolo“ und der mazedonische „Oro“. Jede Region auf dem Balkan hat mindestens fünf unterschiedliche Arten von „Horo“. Alle haben gemeinsam, dass die Tänzer ihre Hände zu einer Reihe oder zu einem Kreis schließen. Der Kreis symbolisiert wahrscheinlich die Gemeinschaft. Alles, was ich im Kreis spürte, war, dass ich anders bin. Die Spiegel zeigten meine Unfähigkeit, sie wirkten wie Lupen auf mich. Ich kann doch nicht so unbegabt sein und keinen einzigen Schritt richtig machen! Es kann einfach nicht sein! Ich gab mir Mühe, den Schritten zu folgen, aber ich wurde immer mehr zur Lachnummer. Die Kursleiterin versuchte mich zu ermuntern: „Mach weiter!“. Ich machte weiter. Im Spiegel sah ich ein springendes Stück Speck.

Ja, genau so fühlt sich der Speck in der Pfanne an, er wird nasser (ich wurde immer verschwitzter) und röter (ich fühlte mich wie ein chinesicher Lampion)...

Das Tanzen wird von sporadischen Schreien begleitet. Diese Schreie zeigen die spontane Freude der Tänzer aus dem kollektiven Nirvana, in dem sie sich befinden im endlosen Horo. Hier wurde auch geschrien. Einige der Schreie der Tänzerinnen ähnelten denen der Tennisspielerinnen bei den Australian Open. Andere waren länger und rauer - wie ein Urschrei aus dem Dschungel. Ich wollte auch schreien, aber stoppte, als ich mich im Spiegel sah. Ich sah aus wie ein Hahn, der das letzte mal vorm Schlachten schreien will. Ich sah nicht mehr auf.

Nach dem Kurs sagte mir M., dass sie einen anderen Kurs für uns gefunden habe - dieses mal für Kirgisische Volkstänze. Auf Youtube schauen die sehr lustig aus, M. will uns anmelden. Man tanzt Kirgisische Tänze mit den Schultern. Ich habe nichts dagegen, solange der Saal, wo der Kurs stattfindet, nicht verspiegelt ist.

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