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Wenn Clemens Setz sich langweilt, springt Clemens Setz ein

Clemens Setz lässt in seinem neuen Buch „Bot. Gespräch ohne Autor“ den Autor sterben und sein Werk an dessen Stelle treten. Was nach Germanistik-Seminararbeit klingt, funktioniert über weite Strecken erstaunlich gut.

Von Simon Welebil

Buchcover von Clemens Setz' "Bot"

Suhrkamp Verlag

„Bot. Gespräch ohne Autor“ von Clemens Setz ist bei Suhrkamp erschienen.

Als Kulturjournalist kommt man öfter in die Situation, dass ein Interviewpartner, dessen Musik, Kunst oder Bücher man verehrt, auf die sauber und intensiv vorbereiteten Fragen nur langweilige Antworten gibt. Selten passiert es, dass dem Interviewten auffällt, wie langweilig seine Antworten sind. Zu diesen seltenen Fällen gehört allerdings Clemens Setz.

Sein Verlag wollte mit ihm und der Lektorin Angelika Klammer einen Gesprächsband herausbringen. Mehrere Tage lang hat Angelika Klammer Clemens Setz interviewt. Als danach die Abschrift des Interviews vorlag, war allen klar, dass damit nichts anzufangen war.

Lass doch das Dokument antworten

Anstatt das Interview mühsam und aufwendig zu redigieren, um es interessanter zu machen, hatte Clemens Setz eine andere Idee. Das Grundgerüst der Fragen wurde belassen, die Antworten aber in seinen „Journalen“ gesucht, einer elendslangen Word-Datei, die er seit Jahren mit allerlei Notizen, Gelerntem und Rants füllt. Die Antworten sollten so weit wie möglich automatisiert kommen, ähnlich wie bei einem Gesprächs-Bot. So führt Clemens Setz sein Vorhaben im Vorwort zu „Bot. Gespräch ohne Autor“ aus.

Was klingt wie ein Projekt, das dem Tod des Autors-Diskurs von Roland Barthes und Michel Foucault entspringt, und wohl bald in Hunderten Germanistik-Seminararbeiten besprochen wird, liest sich teilweise erstaunlich frisch:

Die „grelle Absurdität ihres Lebens unter der Sonne“ - was wäre das?Wieder einmal bekam ich eine Spam-Mail von der Adresse von Maruša Krese, die vor dreieinhalb Jahren starb. Die irgendeinen seltsamen Link enthaltende Mail ging an verschiedene Empfänger. Unter ihnen auch David Šalamun, Marušas Sohn, der letztes Jahr starb.

Manche Antworten sind nur wenige Wörter oder Zeilen lang, andere umfassen mehrere Seiten. Die Verbindung zwischen Frage und Antwort wurde über simple Volltextsuche nach zentralen Wörtern der Frage oder Synonymen hergestellt, manchmal auch mittels Zufallsprinzip. Das macht die Antworten mal mehr, mal weniger sinnvoll und unterhaltsam. Vieles ist lustig, anderes interessant, wieder anderes skurril, einiges sehr poetisch.

Sie sprechen gerne von der „kostbaren Kategorie absichtslos entstandener Kunst“. Was zählt dazu?Zufallslyrik in den Abendnachrichten:
„So war es vor allem diese Frage
über die an diesem Tage
die Delegierten
diskutierten“

Immer wieder gibt es auf den etwa 160 Seiten „Interview“, die in Interviewtage gegliedert sind, Entdeckungen, die einen wundern oder lachen lassen, wenn Setz etwa die Handlung einer Geschichte von Gabriel García Márquez in die Steiermark versetzt. Manchmal lassen einen Setz’ Beobachtungen gar schaudern, etwa die Beschreibung der Gebärde für „Staat“ in der österreichischen Gebärdensprache, für die mit den Fingern eine Pistole geformt wird, die eine Distanz markiert. „So geht STAAT“, notiert Setz dazu in sein Journal.

Schon im Vorwort zu „Bot“ hat sich Clemens Setz überlegt, wie die Kommunikation mit einem Bot ablaufen und wie nahe sie einem realen Kommunikationserlebnis werden könnte. Setz hat aber auch im normalen Leben schon mit Bots kommuniziert, mit Chat-Bots auf Twitter etwa. Diese Erfahrung, die lauter Missverständnisse produziert hat, kommt im Buch wiederum als Antwort auf eine Interviewfrage vor und bringt noch eine weitere Meta-Ebene in das Buch.

Die Idee alleine reicht nicht

Die Idee, die dem Buch zugrunde liegt, ist interessant, allerdings auch schnell erschöpft. An ein Durchlesen in einem Zug ist nicht zu denken, die Klammer der Interviewfragen reicht wohl nur sehr eingefleischten Setz-Fans aus und selbst die sehnen sich wohl bald nach einem größeren Erzählbogen wie in den grandios verstörenden Romanen „Indigo“ oder „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ .

Wie „Bot. Gespräch ohne Autor“ allerdings sehr gut funktioniert, ist als kurze Zwischendurchlektüre und Inspirationsquelle in der U-Bahn, denn Setz erweist sich als Meister der kurzen Form. Und falls man mehr davon will, kann man gleich Clemens Setz’ Kanäle auf Twitter und Instagram abonnieren. Auch die sind voller Alltagspoesie.

Erscheinung eines traurigen Pilgergesichts in den Kohlsprossen

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