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Jugend ohne Plot

Schmerzhaft und peinlich ist das Jungsein, so Autorin Batuman und schreibt im Roman „Die Idiotin“ schmerzfrei und unpeinlich über das erste Studienjahr einer jungen Frau in Harvard im Jahr 1995.

Von Pia Reiser

Ein guter Name oder noch besser ein besserer Schmäh sind Grund genug für einen Twitter-Account. Banana Karenina nennt sich Autorin Elif Batuman dort und im Grunde fasst das ganz gut zusammen, was ihren Stil so eigen und großartig macht: Die Kenntnis der Klassiker und die Fähigkeit, einen guten (trockenen) Witz drüber zu machen. „Like Dostoevsky, I wrote books called THE IDIOT + THE POSSESSED. Mine are shorter.“ steht auf ihrem Twitter-Profil, gleich unter einem Bild, das die russische Schauspielerin Tatiana Samoilova in ihrer Rolle als Anna Karenina zeigt, auf den Hut wurde ihr die Warhol-Banane gephotoshoppt. Das nur für den Fall, dass jemand nachfragen wollte, ob ihre Komik auch in Bildform funktioniert.

Statt einfach nur mit Referenzen um sich zu werfen, konstruiert Batuman komische und oft verschrobene Verschränkungen von Popkultur und klassischer Literatur oder vergleicht gleich ein ganzes Land mit einem russischen Wälzer.

“Ungarn kam mir immer mehr so vor, als würde ich „Krieg und Frieden“ lesen. Alle fünf Minuten tauchten neue Figuren mit ungewöhnlichen Namen und eigentümlichen Ausdrucksweisen auf und man musste ihnen eine Zeitlang Beachtung schenken, obwohl man ihnen im ganzen restlichen Buch vielleicht nie mehr begegnen würde.“

buchcover "die idiotin"

s.fischer

„Die Idiotin“ ist bei S. Fischer in der Übersetzung von Eva Kemper erschienen

Ahnungslos ins Erwachsenenleben

Diese flapsige Spitzfindigkeit legt sie in „Die Idiotin“ der Titelheldin Selin in den Mund. Selin ist eine große junge Frau, die 1995 in Harvard zu studieren beginnt und deren Jugend mit entwaffnender Orientierungslosigkeit verschlungen ist. Jugend ist hier nicht dieses Unbändige, Energetische an unendlichen Möglichkeiten, sondern eher eine Atlas(mythologische Figur, nicht Nachschlagewerk)-gleiche Belastung. Selin stellt sich die üblichen Fragen nach dem Sinn und Unsinn der eigenen Existenz, sucht nach einem Nachschlagwerk oder noch besser nach einem Handbuch für das erwachsene Leben.

Ivan, der Schreckliche

Selin liebt die russische Literatur, doch ist das immerwährende Lesen hier keine Flucht vor dem für sie schwer entschlüsselbaren neuen Alltag als Studentin. Warum sollte etwas Gelesenes weniger wichtig sein als etwas selbst Erlebtes. Diese Frage stellte sich Elif Batuman schon in ihrem wunderbar verschrobenen Essayband „The Possessed - Adventures with Russian Books and the People Who Read Them“. Dieser Titel würde auch als Untertitel von „Die Idiotin“ funktionieren. Der Roman ist keine schmachtende Verehrung, sondern eine Liebeserklärung auf Augenhöhe an Literatur im Allgemeinen und die russischen Klassiker im Speziellen. Wenn sie keine Antworten auf brennende Fragen des eigenen Lebens geben können, dann zumindest Trost - und eine interessantere Sprache als die des eigenen Alltags: “Ich versuchte immer, früh ins Bett zu gehen, damit ich lesen konnte - eine lange Folge von Sätzen in einer flüssigen, atmosphärischen Sprache, ganz im Gegensatz von ‚Simon sagt, berührt eure Knie mit den Ellenbogen‘“.

Selin ist fasziniert und frustriert zugleich von den Möglichkeiten - und Unzulänglichkeiten der Sprache. Ihre Gedanken kreisen um höchst philosophische Konstrukte, was Sprache und Kommunikation angeht. Doch wenn sie jemand fragt, wie es ihr geht, fehlen ihr die Worte. Nicht aus Schüchternheit, sondern aus Unfähigkeit zum Small Talk und dem simplen Fehlen einer aufrichtigen Antwort.

Aufregender E-Mail-Verkehr

Die Tochter türkischer Immigranten, die in New Jersey aufgewachsen ist und ihr Herz an die Literatur verloren hat, bringen wir doch da die öde Frage nach dem autobiografischen Bezug gleich hinter uns, ja, diese Beschreibung passt auf Selin genauso wie auf Elif Batuman. Sie beginnt ebenfalls 1995 in Harvard zu studieren - und wenn man Interviews mit ihr liest oder auch nur ihre Tweets überfliegt, würde es einen nicht wundern, wenn sich Szenen am ersten College-Tag tatsächlich wortwörtlich so abgespielt hätten, wie in „Die Idiotin“:

"‘Was sollen wir mit dem Ding machen, uns aufhängen?‘, fragte ich und hielt das Ethernetkabel hoch.“

1995 hören Studentinnen in Harvard den „Legenden der Leidenschaft“-Soundtrack (ein Beispiel dafür, wie Baumann ihre Textstellen popkulturell anstreicht, ohne dafür den Pinsel in die Referenzen zu tunken, die im Kanon oder im kollektiven Gedächtnis viel eher auf der Hand liegen würden - später taucht mal ein Poster des Danceprojekts Mr. President auf und man atmet erleichtert auf, dass die Neunziger Jahre irgendwann den Anstand hatten, zu Ende zu gehen). Und eine neue Kommunikationsform namens „E-Mail“ ist voller Verheißungen.

Selin beginnt einen so geistreichen wie altklugen E-Mail Verkehr mit Ivan, einem enigmatischen ungarischen Mathematik-Studenten. Natürlich verliebt sich die junge Frau in den unnahbaren Ivan, genaugenommen in seine Worte und seine Art, zu schreiben, denn - so Autorin Baumann über ihre Protagonistin - „Jungsein kann so schmerzhaft und peinlich sein“.

Auf der Suche nach dem eigenen Narrativ

Doch „Die Idiotin“ ist keine bittersüße Collegeromanze und selbst das „Coming-of-Age“-Label greift hier nicht wirklich, weil Batuman die üblichen Plot-Mechanismen und Konventionen, die damit einhergehen, umschifft. Kein einschneidendes Erlebnis, kein Erwachsenwerden im Zeitraffer, keine Drei-Akt-Struktur inklusive Katharsis. Schon in ihrem Essayband „The Possessed“ drückt Batuman ihr Bedauern und ihren Ärger über das Ewiggleiche, die Konvention in der amerikanischen Gegenwartsliteratur aus, wie sich lobgepriesene Short Stories im Grunde immer ähneln, dem gleichen Regelwerk folgen. Und sie beschreibt vor allem ihren Widerwillen vor dem Verständnis vom Schreiben als Handwerk.

“What did craft ever try to say about the world, the human condition, or the search for meaning? All it had were its negative dictates: ‘Show, don’t tell’; ‘Murder your darlings’; ‘Omit needless words.’ As if writing were a matter of overcoming bad habits — of omitting needless words.”, so Batuman in „The Possessed“.

„Die Idiotin“ verweigert den Geschichtenpfad, den man sich anhand der Grundpfeiler des Romans - Studienbeginn, Sich Verlieben - erwarten würde. Kann sein, dass manche LeserInnen vom (fehlenden) Narrativ frustriert sind, das ist nur konsequent, so geht es auch Selin. Sie, die abgesehen von Dostojekwski und Tolstoi auch jegliche nicht-russische klassische Literatur liest, von Thomas Mann bis Bram Stoker, ist auf der Suche dem eigenen Narrativ. In einem kleinen Meta-Moment wünscht sie sich, in der eigenen Geschichte vorblättern zu können. “Ich konnte nichtmal das Genre absehen oder erahnen, welche Rolle für mich vorgesehen sei“. Sein bezeichnet sich selbst aber auch als unfähig, ihr eigenes Narrativ zu starten. Beklagt zwar nicht, aber notiert, dass sie nicht weiß, wie sie sich verlieben soll, Sex haben soll, mal eine eigene Wohnung haben soll. What’s the story (morning glory) fragen ja auch Oasis 1995.

So ahnungslos die junge Frau das beginnende Erwachsenenleben betreffend ist, so unfassbar aufmerksam und klug beobachtet und kommentiert sie die Welt, alleine wegen der Ansammlung an satirischen Vignetten, die Batumann in „Die Idiotin“ pinselt, sollte man den 500-Seiten-Roman lesen. Während Batumann im Vorwort Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zitiert, dass die Jugend die einzige Zeit sei, in der man etwas lernt, so wird man während des Lesens das Gefühl nicht los, „Die Idiotin“ sei eine Ausdehnung eines berühmten Sartre-Zitats, dass wir nicht nur nicht danach gefragt haben, geboren zu werden, sondern auch nicht danach, erwachsen zu werden.

Batuman hat die Fähigkeit etwas Neues zu Sagen zu bis zur Zergatschtheit durchgekauten Themen wie den Beatles oder Thomas Manns „Zauberberg“ und das auch noch mit trockener Komik zu formulieren. Romanfigur Selin mag zwar der Rätselhaftigkeit menschlichen Verhaltens im Allgemeinen und Ivans im Speziellen manchmal mit schulterzuckendem und mauloffenem Staunen gegenüberstehen, das heißt aber nicht, dass sie nicht weiß, wie man eine langweilige Vorlesung übersteht: “Ich kaute direkt hintereinander neun Kaugummis, damit ich nicht vergaß, dass ich noch lebte.“

Meine Autokorrektur hat aus jedem Selin Sein gemacht und aus Batuman Batman. Sein und Batman, ich glaube, das würde Elif Batuman gefallen.

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