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Menschen beim AMS

APA/ ROLAND SCHLAGER

Ein „Einblick in die Verzweiflung der Arbeitslosigkeit“

Eine Studie der Universität Wien findet keine DurchschummlerInnen. Über 1200 Arbeitslose zwischen 18 und 28 wurden dafür befragt. In ihren Antworten wird deutlich, was Arbeitslosigkeit mit jungen Menschen macht.

Von Irmi Wutscher

Anfang des Jahres ist eines der ersten großen Vorhaben der neuen Regierung bekannt geworden: ÖVP und FPÖ möchten die Notstandshilfe abschaffen zugunsten der Mindestsicherung. Das würde bedeuten, dass auf das Vermögen der Betroffenen zurückgegriffen werden kann, sobald sie kein Arbeitslosengeld mehr beziehen. Weil es dagegen viele Proteste gab, hat Sozialministerin Beate Hartinger-Klein beschwichtigt. Nach einem Ministerrat Mitte Jänner haben Kanzler Kurz und Vizekanzler Strache angekündigt, es werde nur auf das Vermögen von so genannten „Durchschummlern“ zurückgegriffen, die erst „kurz ins System eingezahlt hätten“.

Auch der Kurier hat nach Durchschummlern gesucht, anhand von Bezugszeiten und Totalsperren des Arbeitslosengelds.

Stellt sich die Frage: Gibt es Zahlen zu diesen „Durchschummlern“?

Eine groß angelegte Studie unter jungen Arbeitslosen in Wien hat jedenfalls keine gefunden. „Unter unseren Befragten haben wir keine Durchschummler gefunden“ sagt Bernhard Kittel, Professor am Institut für Wirtschaftssoziologie. „Die Aussage ist so gut, wie die Stichprobe tatsächlich war. Nach all den Instrumenten, die wir verwendet haben, um das abzutesten, ist unser Eindruck: Sie ist nicht so schlecht. Wie müssten zumindest ein paar Durchschummler gefunden haben, wenn es sie in größerer Zahl gäbe“.

Großangelegt Studie unter jungen Arbeitslosen

Gerade sind Ergebnisse der groß angelegte Studie „JUSAW - Jung und auf der Suche nach Arbeit in Wien“ in Wien erschienen, die vom Institut für Wirtschaftssoziologie der Universität Wien durchgeführt wurde. Die Studie wurde finanziert vom Sozialministerium und unterstützt vom AMS. Bernhard Kittel hat gemeinsam mit Nadia Steiber die Idee zur Studie entwickelt. Mitgearbeitet hat Monika Mühlböck.

Hier die Abschlussberichte von Teil 1, Teil 2 und der qualitativen Begleitstudie.

Für die Studie wurden über 1200 junge Menschen zwischen 18 und 28 befragt, die gerade zum ersten Mal beim AMS arbeitslos gemeldet waren. Die Befragten wurden zufällig an verschiedenen AMS-Standorten ausgewählt. Außerdem wurden ihre Daten beim AMS abgeglichen. So konnte festgestellt werden, inwiefern sie dem Durchschnitt der arbeitslos gemeldeten Jungen entsprechen, und die Antworten wurden dementsprechend gewichtet.

Doch nicht nur die erste Befragung war sehr umfangreich: Die Hälfte der Befragten wurde ein Jahr später noch einmal interviewt, und ein kleiner Teil dann noch einmal in längeren Tiefeninterviews befragt, um herauszufinden, was Arbeitslosigkeit mit jungen Menschen macht. „Es ist ein tiefgehender Einblick in die Verzweiflung der Arbeitslosigkeit,“ sagt Studienautor Bernhard Kittel. „Ein Kampf gegen das andauernde Ausgestoßenwerden.“

Menschen beim AMS

APA / HERBERT PFARRHOFER

Besonders hohe Arbeitsmotivation

Die Befragung zeigt, dass der Wunsch zu arbeiten unter jungen Menschen besonders hoch ist. „Die intrinsische Arbeitsmotivation, das ist das Arbeiten-Wollen aus sich heraus, einen Sinn in Arbeit sehen, das ist bei jungen Arbeitslosen extrem hoch. Sogar etwas höher als beim Rest der Bevölkerung“, sagt Kittel. Die Studie zeigt aber auch – weil sie ja den Zeitverlauf dokumentiert – wie sich das ändert, je länger jemand arbeitslos ist. Die Menschen sind immer isolierter, sie ziehen sich aus ihrem Umfeld zurück.

Und sie versuchen über andere Wege Bestätigung zu bekommen. „Ein Phänomen, das wir da gefunden haben, ist die Bedeutung von zum Beispiel Fitness-Centern“, erzählt Kittel. „Die geben nicht nur dem Tag ein Gesicht, sondern dort messen sich die Jungen auch mit anderen Leuten, bekommen Anerkennung. Denn fehlende Anerkennung ist ein zentrale Erfahrung.“

Biografie von Enttäuschungen

Die StudienautorInnen Bernhard Kittel und Monika Mühlböck sagen aber auch, dass die Schwierigkeit, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, oft schon von früheren Problemen herrührt. „Bei fast allen Interviewten haben wir Lebensläufe gefunden, die geprägt sind von schlechten Erfahrungen“ sagt Kittel. Das kann der Gymnasiast sein, der durchfällt und dann nicht mehr richtig Fuß fasst. Oder auch junge Menschen, die Verwahrlosung erlebt haben. Die soziale Herkunft spielt dabei keine Rolle. „Es ist oft eine Diskrepanz zwischen dem Wollen und dem Können, wo jemand nächste Stufen nicht erreicht und das werden ab einem bestimmten Alter dann eben AMS-Erfahrungen.“

Was sich in dieser Studie wieder bestätigt hat, ist, wie wichtig formale Bildung in Österreich ist, um einen Job zu bekommen oder wieder einen zu finden. Die StudienautorInnen begrüßen daher die Ausbildungspflicht bis 18, die es seit letztem Sommer in Österreich gibt.

Das Bild, nach dem junge Menschen einem illusorischen Traumberuf hinterherjagen, stimmt so nicht. Je niedriger der Bildungsabschluss ist, desto weniger haben sie überhaupt einen Wunschberuf, sagt Monika Mühlböck. Sie können sich teilweise gar keinen Beruf vorstellen, den sie gerne machen möchten. Wenn es einen Wunschberuf gibt, ist es oft sehr schwer, ihn zu bekommen: „In der Ausbildung gibt es noch die Vorstellung von einem Wunschberuf. Wenn sie einen Job bekommen sind sie oft enttäuscht, weil es nicht das ist, was sie wollten und ihrer Ausbildung nach auch könnten“, sagt Mühlböck. „Hier gibt es viele enttäuschte junge Leute, die ihren Traum ein Stück weit aufgeben müssen.“ Je länger die jungen Menschen arbeitslos sind, zeigt sich, desto weniger glauben sie noch daran, in ihrem Wunschberuf eingestellt zu werden.

Was sie auch gefunden haben, sind junge Arbeitslose, die in Minijobs sozusagen festhängen, sagt Studienautorin Monika Mühlböck: „Wie haben in unserer Umfrage viele Leute, die arbeitslos gemeldet sind, geringfügig arbeiten und sehr darauf hoffen, dass sie irgendwann einmal von diesem Arbeitgeber in einem höheren Stundenausmaß beschäftigt werden. Diese Erwartungen erfüllen sich häufig nicht oder nicht in dem Ausmaß, wie sich das die jungen Menschen erhoffen.“

Mit der Zeit schwindet dann immer mehr der Glauben daran, noch einen Beruf zu finden, der ihren Erwartungen entspricht. „Eben weil die Arbeitswelt ihre intrinsische Arbeitsmotivation – dass sie etwas lernen wollen, sich entwickeln wollen – nicht erfüllt.“

Menschen Anstellen beim AMS

APA/ ROLAND SCHLAGER

Das sind nur ein paar Ergebnisse dieser sehr großen Studie über junge Arbeitslose. Finanziert wurde die Untersuchung vom Sozialministerium; die Ergebnisse liegen dort vor. Und fließen hoffentlich ein in die zukünftige Planung von Maßnahmen für junge Arbeitslose.

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