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Ein alter Godzilla

Es ist egal, ob er lügt. Herr H erzählt sehr schön von seinen Abenteuern.

Von Todor Ovtcharov

Mein Gesprächspartner sieht aus wie Godzilla. Oder mehr wie ein Godzilla im Ruhestand, der einige Jahre im Lager des Filmpavillon verbracht hat. Die Zähne des Biests sind ausgefallen. Dort, wo früher eine Panzerhaut war, ist es jetzt kahl. Ein pensionierter Godzilla, der sich wie Baron Münchhausen verhält.

Godzilla Puppe vor rosa Hintergrund

pexels / Mike Navolta / Creative Commons (CC0)

CC0

„Es war vor zwei Jahren in London. Ich sehe ein bekanntes Gesicht. Mir fällt nicht ein, woher ich es kenne... Bis ich erleuchtet werde. Ich habe seine Augen für Sekunden gesehen. Ich renne ihm nach und klopfe ihn auf die Schulter: ‚Hallo, Herr Inspektor! Vor zwanzig Jahren haben Sie mich ins Bein geschossen!‘ Er erschrak erst einmal, glaubte, ich wolle mich rächen. Aber ich freute mich bloß, ihn zu sehen: ‚Erinnern Sie sich? Das waren so schöne Jahre. Ich war der Bodyguard einer Rotlichtgröße. Ihn gibt es schon lange nicht mehr...‘ Nichts ist geblieben, die goldenen Jahre sind lange vorbei. Dann trennten wir uns als Freunde.“ So beendet Herr H. seine Erzählung.

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Herr H. hat sein halbes Leben im Gefängnis verbracht. “Immer aus Loyalität! Um die anderen zu decken.” All seine Geschichten hören sich an wie romantische Gangsterfilme. Bereits mit 16 überfiel Herr H. eine Tankstelle und landete im Häfn (genau wie Clyde Barrow aus “Bonnie und Clyde”). Als er heraus kam, kaufte er sich eine Magnum.44 (genau wie Clint Eastwood im “Dirty Harry”). Aber leider hat jemand ein Geschäft damit überfallen und auf den Verkäufer geschossen. Herr H. wurde wieder verhaftet. Er entkam aus dem Gefängnis mit Hilfe einer Schaukel (wie in “Tango & Cash”).

Um dem Gesetz zu entkommen, meldete er sich bei “Blackwater” an, einer privaten Söldnerarmee im Irak und in Afghanistan. Dort beschützte er lokale Warlords. Seine Geschichten sind eine Mischung aus „Rambo 3“ und “Three Kings”. Sie sind voll mit Einsatzkommandos, russischen Gangstern und orientalischen Schönheiten.

Es ist egal, ob er lügt - Herr H. erzählt sehr schön. Über das Gefängnis spricht er mit Liebe. Dort hat er nur weise Typen wie Morgan Freeman in „Shawshank Redemption“ getroffen.

Herr H. will zurück nach Afghanistan, weil er dort am glücklichsten war, doch man lässt ihn nicht. Sein Reisepass wurde ihm abgenommen und er kann Österreich nicht verlassen. Gegen ihn laufe ein Verfahren, da er einen Polizisten entwaffnet habe. Ich sage ihm, dass sich sein Leben wie ein Film anhört. Im echten Leben wollen die Leute raus aus dem Irak und Afghanistan, und er will dorthin. „Ich habe nur noch einen Zahn!“, sagt er, „und den will ich in der Wüste verlieren.“

Herr H. ist nobel wie Humphrey Bogart in „Casablanca“. Er lässt mich die Rechnung nicht zahlen und verschwindet in den Straßen. Ein alter, müder Godzilla in unserer langweiligen Realität.

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