FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

New Order + Liam Gillick

Joel Chester Fildes

Wiener Festwochen

Hab keine Angst

Eine Fußball-Performance, ein Auschwitz-Minimundus, eine Geisterbahn für Angstbürger und jede Menge Clubkultur: Das Programm der Wiener Festwochen 2018

Von Daniela Derntl

Die Wiener Festwochen haben am Donnerstag, 15.2., ihr vollständiges Programm für 2018 präsentiert. Unter der Leitung des neuen Intendanten Tomas Zierhofer-Kin stand das Festival vergangenes Jahr heftig in der Kritik. Die Festwochen seien eine „pseudo-revolutionäre Kunst-Bubble“, schrieb das Profil; einen „Absturz in die Bedeutungslosigkeit“ konstatierte Die Presse. „Verloren in Diskursistan“, titelte Die Zeit.

Zierhofer-Kin über die Kritik

Auf diese Kritik reagierte die Leitung mit Personalumbau, und bei der gestrigen Programm-Präsentation gestand Tomas Zierhofer-Kin „kommunikative Fehler“ ein:

„Wenn man Kritik erntet, dann gibt es zwei Möglichkeiten, entweder man blockt es ab oder nimmt es ernst. Sehr vieles, was über die Wiener Festwochen geschrieben wurde, habe ich wahnsinnig ernst genommen, vieles war mir ein bisschen zu polemisch. Die Herangehensweise dieses Jahr hat natürlich sehr viel davon gelernt, was im letzten Jahr passiert ist. Und passiert ist meiner Meinung nach etwas, was ein kommunikativer Fehler war, dass wir möglichst versucht haben, demokratisch die unterschiedlichen Produktionen der Wiener Festwochen darzustellen. Der Parsifal hat zum Beispiel gleich viel Platz gehabt wie eine kleine Diskussion der Akademie des Verlernens oder ein Workshop. Somit haben sich sehr viele Menschen nicht mehr in diesen Festwochen wiedergefunden. (…) Und aus diesen Fehlern habe ich gelernt.

"Deep Present" von Jisun Kim

Euiseok Seong

Performance „Deep Present“ von Jisun Kim

Ich wollte ein Programm machen, das nichts Sektiererisches hat, im Sinne der Kommunikation und der Programmierung. Akademie des Verlernens, Performeum, das hat eine bisschen eine Ghettoisierung innerhalb des Programms hergerufen. Ich wollte diesen Kurs schon weitergehen, aber ich wollte ihn schärfen, mehr auf den Punkt bringen und wollte nicht mehr separate Programmschienen haben. Hyperreality ist ein Kosmos für sich, der Einzige, aber der kommuniziert natürlich schon noch mit dem restlichen Programm. Insofern glaube ich, dass es jetzt ein sehr klares Programm geworden ist, das genügend Möglichkeiten hat, anzudocken, wenn man die Festwochen schon 20 Jahre besucht hat, aber auch genügend Möglichkeiten hat, wenn man von den Festwochen bislang noch nichts gehört hat. “

Performance "Crowd" von Gisèle Vienne

Estelle Hanania

Performance „Crowd“ von Gisèle Vienne

Die Wiener Festwochen 2018

Am 11. Mai starten die Wiener Festwochen in die nächste Saison. Die Eröffnung findet wie gewohnt am Wiener Rathausplatz statt, doch am Auftakt-Programm wird noch gefeilt, es wird erst im April bekanntgegeben.

Viele Festwochen-Produktionen beschäftigen sich heuer mit dem Thema der Angst und ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft: „Kunst zeigt uns auch immer eine Art der Utopie“, sagt Zierhofer-Kin im Interview. „Die Welt muss nicht unbedingt so sein, wie sie uns einige Idioten im Moment ruinieren wollen. In vielen Arbeiten geht es um Angst, die Fragilität der Demokratie, das Infragestellen von Systemen, aber es geht schon auch darum, wie es aussehen könnte, wenn wir ein bisschen was lernen würden, was uns Kunst, Künstler und Künstlerinnen ermöglichen könnten.“

Angst, Auschwitz, Geisterbahn

Die Wiener Festwochen ermöglichen fünf Wochen lang – von 11. Mai bis 17. Juni - zeitgenössisches Theater, Musik, Tanz, Film, Diskurs, Performance und Visual Arts. Mit dem Schwerpunktthema Angst beschäftigt sich auch der niederländische Theatermacher Dries Verhoeven im Museumsquartier. In seinem „Phobiarama“ errichtet er eine echte Geisterbahn für europäische Angstbürger.

Dries Verhoeven "Phobiarama" Geisterbahn der Angst

Willem Popelier

Anlässlich des Erinnerungsjahres 1938 und den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland, zeigen die Wiener Festwochen das 2005 entstandene Miniatur-Modell von Auschwitz, „Kamp“ von Hotel Modern, erstmals in Wien. Das Minimundus der Lager-Hölle versucht anschaulich und ohne Worte, das Unvorstellbare vorstellbar zu machen.

Freier Eintritt

Die Stadt Wien subventioniert die Wiener Festwochen mit 11,4 Millionen Euro, durch private Sponsoren kommt man auf ein Budget von 12,5 Millionen Euro. Insgesamt werden 40.000 kostenpflichtige Karten aufgelegt, hinzu kommen Veranstaltungen, für die kein Eintritt verlangt wird. Wie zum Beispiel für die Performance-, Musik- und Visual-Arts-Reihe „Deep Fridays“, die an drei Freitagen im Juni in den Gösserhallen in Wien 10 stattfinden. Dort kann man, ebenfalls bei freiem Eintritt, die fünf Stunden lange, verstörende Expedition „Häusliche Gewalt Wien“ von Markus Öhm sehen.

Virgin Suicides

Die deutsche Theaterregisseurin Susanne Kennedy adaptiert „Die Selbstmord-Schwestern/The Virgin Suicides“ von Jeffrey Eugenides und inszeniert den Tod der pubertierenden Schwestern als psychedelischen Trip, inklusive Tibetanischem Totenbuch und LSD-Guru Timothy Leary.

Fußball

Passend zur im Juni startenden Fußball-WM dreht sich in Mohamed El Khatib’s Stück „Stadium“ alles um das runde Leder und seine Fans. Ein französisch-österreichisches Freundschaftsspiel dient 90-Minuten lang als Kulisse einer spannungsgeladenen Feind- und Freundschafts-Analyse.

Presebild Fußballfans zu "Stadium" von Mohamed El Khatib

Reuters / Russel Cheyne

Hyperreality

Hyperreality, die Clubkultur-Schiene der Wiener Festwochen, wird heuer von 24. bis 26. Mai im F23, der ehemaligen Sargfabrik in Atzgersdorf, stattfinden. Drei Nächte lang kann man dort auf zwei Floors zeitgenössische, elektronische Musik entdecken.

Ein heißes Eisen aus avancierten Pop, Future-Bass und klassischen R’n’B schmiedet etwa die amerikanische Sängerin Kelela und auch einer ihrer Mitproduzenten, der venezolanische Performer und Körperpolitiker Arca, der auch schon mit Björk und Kanye West zusammengearbeitet hat, wird dem Namen des Hyperreality Festivals alle Ehre machen.

Ebenfalls in der Hyperreality: der Detroiter Ghetto-Tech und Hip-Hop-Produzent DJ Assault. Nina Kraviz, die vor kurzem vom Mixmag-Magazin zum „DJ of the Year“ gewählt wurde. Karen Gwyer, die mit großer Dringlichkeit ihr fantastisch knisterndes und lange brennendes Kraut aus Ambient, Acid, Techno und House anzündet und Mike Q., der in den Ballroom zum Voguing bittet.

Mike Q

Sailey Williams

MikeQ

Experimentell mit Ensemble präsentiert die Wiener Produzentin Fauna ihr neues Album „Infernum“. Kryptische Weisheiten und kunstvollen Schwachsinn aus dem Berliner Untergrund kondensiert der Rapper Taktloss als „Real Geizt“ und Hype-Alarm könnte bei Gaddafi Gals schrillen, dem neuen Projekt der Rapperinnen Ebow und Slimgirl Fat aka Nalan Kara.

Rave und New Order

An der Clubkultur vergangener Tage streifen auch zwei weitere Produktionen: Zum einen „Crowd“, das Tanz-Theater der französischen Chroeographin Gisèle Vienne. Inspiriert von archaischen Riten und den Raves der 90er Jahre tanzen 15 PerformerInnen in Slow-Motion durch die Gösserhallen. Für die Musik-Auswahl sorgt Editions-Mego-Chef Peter Rehberg. Es wird ein spirituelles Fest mit zuckenden Körpern, bei dem die Magie des Dancefloors, veränderte Wahrnehmungen und Extase die Hauptrolle spielen.

Einen weiteren, musikalischen Abstecher in die Vergangenheit macht „So it goes“ von Liam Gillick und New Order. In einer raumgreifenden, architektonischen Installation - siehe auch das Titelbild dieses Artikels - durchleuchten und dekonstruieren die New Wave- und Post Punk-Helden aus Manchester zusammen mit einem 12-köpfigen Synthesizer-Orchester ihren Backkatalog, inklusive des Joy Division-Opus Magnum. Zu sehen am 12. und 13. Mai in der Halle E im Museumsquartier.

mehr Musik:

Aktuell:

Werbung X