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Portraitfoto Autor Hans Platzgumer

Sandra Bellet

Buch

Auf der Suche nach dem Ich

Von der heißen Hafenstadt über den Big Apple in die Großstadt-Eishölle. Hans Platzgumer begibt sich in seinem neuem Buch „Drei Sekunden Jetzt“ auf Identitätssuche am Rand der Gesellschaft.

von Andreas Gstettner-Brugger

Hans Platzgumers kreatives Schaffen und sein enormer Output war immer schon bewundernswert. Sei es in jungen Jahren mit seiner legendären Indie-Rockband H.P. Zinker, als Singer/Songerwriter mit Convertible oder auch mit seinen diversen elektronischen Sounderkundungsreisen. In den letzten Jahren hat sich Hans Platzgumer jedoch von der Musik weg und zum Schreiben hinentwickelt.

„Ich hab meine Musik an den Nagel gehängt, weil mich die Schriftstellerei viel mehr ergreift und mir passender und aufregender vorkommt. Und ich merke, dass ich da viel mehr Herzblut reinstecke, denn beim Schreiben ist alles möglich. Du brauchst nur das klassische weiße Blatt Papier und dann kannst du die ganze Welt und mehr erschaffen. Die Limits sind nur in deinem Kopf. Das ist eine wahnsinnig tolle Freiheit, die mich begeistert.“

In seinem letzten Buch „Am Rand“ hat er es 2016 in die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Ein düsteres Werk, dass von Tod, Moral und Einsamkeit handelt. Und jetzt, zwei Jahre später, legt Hans Platzgumer wieder einen grandiosen Roman vor, der sich an den exestenziellen Themen des Lebens abarbeitet.

Vom Verlorengehen und Gefundenwerden

Buchcover Hans Platzgumer "Drei Sekunden Jetzt"

Zsolany Verlag

Hans Platzgumers neuer Roman „Drei Sekunden Jetzt“ ist im Zsolnay Verlag erscheinen.

Ich nenne mich François und weiß nicht, wer ich eigentlich bin, aber dass ich nicht verlorengehen soll, das habe ich verstanden.

François wird als dreizehn Monate altes Baby in einer Zeitschriftenabteilung eines großen Supermarktes in Marseille sich selbst und dem Schicksal überlassen. Er wächst bei Pflegeeltern auf, wobei der strenge Adoptivvater ihm schon ganz früh eine schmerzhafte Lektion erteilt. Er solle sich auf einen Baum setzen und rücklings fallen lassen, er würde ihn schon auffangen.

Hart schlug ich auf der Wiese auf. Ich bekam keine Luft mehr und meinte zu Ersticken. Tagelang noch schmerzte mein Rücken. Tatenlos hatte mein Adoptivvater zugesehen wie ich zu Boden stürtzte.
Jetzt hast du die wichtigste Lektion deines Lebens gelernt, sagte er. Traue niemanden. Hörst du? Niemanden, Nur du allein bist für deine Taten verantwortlich.

Von da an setzt François alles daran, diesem harten Regime zu entfliehen. Nach der Schule verlässt er seine Adoptivfamilie heimlich und beginnt seine abenteuerliche Reise auf der Suche nach seiner Identität.

Sie führt ihn in ein zwielichtiges Hotel am Rande von Marseille, verschlägt ihn nach New York, weiter in die winterliche Eishölle von Montreal und schließlich zum Abgrund seines Lebens.

Das Abenteuer Leben

Es ist schon ein Markenzeichen von Hans Platzgumers Büchern geworden, dass die ersten Zeilen einen sofort in die Geschichte hineinziehen. Man kann gar nicht anders, als sich mit dem Findelkind François sofort zu identifizieren und ihm einen großen Empathie-Vorschuss entgegenzubringen. Denn selbst die schikanösem Erziehungsmethoden des Adoptivvaters scheinen den Jungen ohne Herkunft nicht zu brechen.

Wie schon bei Platzgumers Buch „Korridorwelt“ beweist auch hier der Held des Romans Stärke. Er stellt sich dem fatalistischen Lebenskonzept, sich seinem Schicksal zu ergeben, immer wieder mutig entgegen. Selbst wenn er immer wieder daran scheitert die Kontrolle über sein Leben zu erlangen, so sind es doch die neuen Erfahrungen, die ihn nach und nach zu dem Menschen werden lassen, den er eigentlich sucht.

„Wie erschaffen unsere Identität erst im Laufe unseres Lebens. Wir bauen uns eine Existenz auf, verändern sie ständig, machen viele Fehler und vielleicht auch gute Sachen, und es geht darum, all das anzunehmen ohne Angst davor zu haben. Keine Angst vor dem Scheitern und dem Hinfallen und keine Angst vor der Ungewissheit.“

Insofern deutet auch der Buchtitel „Drei Sekunden Jetzt“ darauf hin, dass wir immer nur in einem kurzen Moment des Lebens wissen, wer wir sind, die Zukunft noch nicht geschrieben ist und genau das uns die Lust am Abendteuer Leben entfachen kann.

Der Protokollführer

Die dichte und sehr intensive Atmosphäre des Buchs entsteht durch die sehr präzise Sprache Hans Platzgumers. Durch Wegstreichen und Reduktion entfernt er unnötigen Ballast und selbst wenn Wiederholungen auftreten, werden sie nicht dem Zufall überlassen. Vielmehr sind es clevere Kunstgriffe, die uns die Richtung der Geschichte schon andeuten. So wie sich eben auch unsere eigene Lebensgeschichte erst im Rückblick zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügt.

Auch Hans Platzgumer lässt sich beim Schreiben auf das Ungewisse ein und gibt seine Geschichte sozusagen aus der Hand:

„Ich bin ja nicht Gott, sondern nur der Protokollführer der Geschichte. Denn wenn ich der Allwissende wäre, der die Geschichte leitet, dann wäre es nicht nur für mich sondern vor allem auf für die Leser*innen langweilig. Ich muss daher selber der Unwissende sein und mich soweit hineinfallen lassen, mitleiden und mitfühlen, dass ich dann selbst überrascht bin, was passiert und wie man dann aus diesen Twists wieder herauskommt.“

Genau diese Herangehensweise macht „Drei Sekunden Jetzt“ zu einem extrem spannenden und realitätsnahen Buch, bei dem man sich oft die Frage stellt, wie unser Held wohl aus der Unwegsamkeit wieder herausfindet.

Bergab kanns rasend schnell gehen

Zu einem der stärksten und zugleich gesellschaftskritischsten Momenten zählt der schnelle Abstieg François in die Obdachlosigkeit. Wenn er in der eisigen Kälte auf den nächtlichen Straßen Montreals herumirrt, dann bekommt man hautnah zu spüren, wie sich das Überleben am äußersten Rand der Gesellschaft anfühlen muss. Vor allem wollte Hans Platzgumer vermitteln, wie rasant so ein Fall passieren kann. Vielleicht ist der Auslöser nur eine unbedachte Entscheidung, die eine Kettenreaktion an lebensbedrohlichen Konsequenzen mit sich führt.

„Drei Sekunden Jetzt“ ist mit all seinen dramatischen Wendungen und den existenziellen Bedrohungen ein zutiefst humanistisches, hoffnungsvolles und lebensbejaendes Buch, das die Grundlage zu einer erfüllenden und lebendigen Existenz deutlich macht.

„Natürlich geht es ganz stark um Vertrauen. Wenn man mit dem Vertrauen aufhört, hört man auch mit dem Leben auf. Wir müssen ständig vertrauen, sonst wird es wirklich düster auf der Welt. Und wir dürfen uns das Vertrauen auch nicht nehmen lassen durch schlechte Erfahrungen, die sich im Laufe jeder Biographie ansammeln. Das soll dieses Buch zeigen.“

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