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Pressekonferenz #klappeauf

Mirjam Siefert

Die Berlinale macht die #KlappeAuf

Österreichische FilmemacherInnen rufen auf der Berlinale unter #KlappeAuf gegen die „Verhetzung und Entsolidarisierung“ in unserer Gesellschaft auf.

Von Petra Erdmann

Die Initiative und Petition #KlappeAuf, die mittlerweile rund 600 heimische Filmschaffende unterzeichnet haben, richtet ihr Anliegen auf der Pressekonferenz am Dienstag an die Österreichische Regierung, „die Zusammenarbeit mit Burschenschaften und allen Mitgliedern rechtsextremer Organisationen sofort zu beenden!“

Noch mehr prominente Namen wie Birgit Minichmayr, Klaus Maria Brandauer oder Ulrich Seidl, sind Teil von #KlappeAuf geworden, heißt es in Berlin. Zu Wort haben sich vor Ort in Berlin im Publikum neben Barbara Albert, auch Arash T. Riahi und Kathrin Resetarits gemeldet.

Persönlich und politisch

Am Podium und an vorderster Front haben die österreichischen Berlinale-Teilnehmerinnen Ruth Beckermann („Waldheims Walzer“ , Ludwig Wüst („Aufbruch“), Wolfgang Fischer („Styx“) und Katharina Mückstein ihre Filmarbeiten zu diesem Anlass auch in einen engagierten gesellschaftspolitischen Kontext gestellt.

Mücksteins starker Coming of Age Film „L´Animale“ erzählt von der Teenagerin Mati (Sophie Stockinger), die sich mit ihrer männlichen Moped-Clique in einem ländlichen Kaff behaupten muss. Mati hadert mit der Findung ihrer Sexualität und Position in der Gruppe. Die starren Kategorisierungen machen ihr Angst und zu schaffen - genauso wie ihren Eltern.

Frau Motorrad

Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH

„L´Animale “, so die Filmemacherin Katharina Mückstein, sei ein Film, der zur persönlichen Emanzipation aufruft. Er verbinde das Persönliche mit dem Politischen: „denn wenn wir uns nicht von unseren eigenen Ängsten befreien, können wir uns auch nicht mit offenen Herzen und klaren Verstand unserer Gesellschaft gegenüber verhalten.“

Katharina Mückstein ist Vorstandsmitglied bei FC Gloria, einem Verein für Frauen-Vernetzung in der Filmbranche. Mückstein engagiert sich in der #metoo-Debatte. Auf der Berlinale-Pressekonferenz von #KlappeAuf verwehrt sie sich gegen die politische Strategie, heteronormative Familienkonzepte und „dass es einen wortwörtlich Unterschied zwischen Mann und Frau gäbe“ im Regierungsprogramm zu verankern. Andere Beziehungs- und Lebensformen sieht sie diskriminiert.

Gegen Rechtspopulismus in ganz Europa

„Wir sind hier in Berlin einer der modernsten Städte der Welt. Wir, Menschen, die in bestimmten Blasen leben, können tun, was wir wollen. Wir müssen erst einmal anerkennen, dass sehr viel kulturelle Entwicklung nebeneinander passiert, ob politische oder Alltags-Realitäten, die parallel existieren“ so Mückstein.

Die Initiative #KlappeAuf, die sich im Jänner bei der Verleihung des Österreichischen Filmpreises gegründet hatte, plant auf der Berlinale auch eine internationale Vernetzung unter Filmschaffenden und will so den Mund gegen Rechtspopulismus in Regierungen in ganz Europa und weltweit aufmachen.

Ab April will #KlappeAuf im öffentlichen Raum mit ihrer Forderung weiter mobil machen. In „der Art von Wochenschauen“, sagt Schauspieler Lukas Miko, sollen u.a. regelmäßig künstlerische Film- und Videobeiträge sich aktiv gegen das „Gift der Spaltung“ und für ein „Mehr an Solidarität“ wenden. Geplant sei, die Produktionen auf den Info-Screens der Verkehrsbetriebe, in den Kinos als Vorfilme sowie über diversen Social Media Kanäle zu verbreiten.

M.I.A ist geschockt

Rapperin M.I.A. hat nun auch auf der Berlinale ihre Klappe aufgemacht, nachdem sie sich schon beim Sundance Film Festival missverstanden gefühlt hat. Und zwar von ihrem ehemaligen Studienkollegen und Freund am Londoner Saint Martins College of Art and Design. Steve Loveridge hätte den Megastar in seiner Dokumentation "Matangi/Maya/M.I.A“ zu eindimensional porträtiert, findet M.I.A.

„Es war zuerst ein richtig großer Schock, so viel persönliches Material in dem Film wiederzufinden. Plötzlich habe ich mich gezwungen gefühlt, es so zu akzeptieren oder mich komplett dagegen zu stellen. Ich war nicht zufrieden damit, dass der Film über meine Geschichte von einem nach England immigrierten Mädchen erzählt oder von Flüchtlingen im Allgemeinen."

Andrew Goldman, Sara Kiener, Lori Cheatle, Marina Katz, Maya Arulpragasam, Steve Loveridge, Paul Mezey

Berlinale

Es ging M.I.A. um mehr, als sie bereits vor sieben Jahren ihrem Freund Loveridge mehr als 1.000 Stunden Filmmaterial übergeben hatte. Sie war als Kind des Begründers der tamilischen Unabhängigkeitsbewegung geboren worden und mit 9 Jahren in London gelandet. Mathangi „Maya“ Arulpragasam wollte eigentlich Dokumentarfilmemacherin werden. Die im Film sehr präsenten und privaten Aufnahmen in ihrer Familie, die Teenagerin Maya auf Sri Lanka Trip besucht hatte, montiert Loveridge als Beginn einer ausgedehnten Identitiätssuche der Künstlerin.

MATANGI / MAYA / M.I.A.

Cinereach / Berlinale

Doch "Matangi/Maya/M.I.A“ ist eine bessere Popstar-Doku mit unbekannten Homemovie-Appeal als der Film „Amy“, der in die gleich intime Kerbe schlagen wollte. Steve Loverigde konzentriert sich nur am Rande auf die kontroverse Musikvideo- und Superbowl-Eröffnungsdebatte, in der M.I.A. der Fernseh-Madonnna-Sidekick den Mittelfinger ausrichtete. Vielmehr versucht die Doku, hinter das provokant- glamouröse Agit-Pop-Image eines politisch Megastars mit Hirn zu blicken.

Steve Loveridge zeigt die Diskrepanz der aktivistischen Popsängerin, die keine offenen Türen bei den konservativen US-Medien wie Fox einrennen kann. Im CNN News-Interview will M.I.A. mehr als nur ihre Fans da draußen auf Youtube wachrütteln, indem sie die Verfolgung der Tamilen als Genozid anprangert – ein Herzens-Statement, das CNN letztlich rausgeschnitten hatte. "Matangi/Maya/M.I.A“ hat die unbekannte Seiten der bekannten Aktivistin herausgearbeitet ohne die intelligente Künstlerin hinten anstehen zu lassen, deren Pop-Karriere eigentlich als Art-Directorin und Videoclip-Regisseurin bei „Elastica“ und der befreundeten Indie-Frontfrau Justine Frischmann begonnen hatte.

M.I.A. hat auf der Berlinale erklärt, dass sie einen eigenen Film plane, „aber mein Film ist aktuell noch zu kontrovers. Ich muss darauf warten, dass sich die Gesellschaft ändert, um ihn zu drehen.“ Bis dahin kann sich auf der Berlinale die Zeit mit der Musik-Doku „Shut up & Play the Piano“ vertreiben und über einen weiteren Tausendsassa des Pops sinnieren – Chilly Gonzales.

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