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Steven Soderbergh

Stefanie Loos

Amerikanische Horrorträume auf der Berlinale

Schon mehrmals hatte Star-Regisseur Steven Soderbergh angekündigt, dem Filmemachen endgültig den Rücken zu kehren, weil er vom ineffizienten Studio- Business frustriert ist. Mit seinem neuen Exploitation-Horror-Movie „Unsane“ macht er sich davon unabhängig - gedreht wurde der Film gänzlich mit dem iPhone.

Von Petra Erdmann

„Er ist billig, schnell und redet nicht viel", das sagt der Regisseur über seinen Kameramann Peter Andrews. Bloß, seinen Superkollegen gibt es gar nicht. Hinter dem Allerweltsnamen tritt Soderbergh selber auf. Und die Zusammenarbeit mit sich selbst macht ihn glücklich: „Erst bei der Arbeit für das Fernsehen und die Serie „The Knick“ habe ich verstanden, dass ich vom Filmgeschäft frustriert war und es nicht vom Regieführen.“

„Unsane“

In „Unsane“ landet die junge Frau Sawyer unfreiwillig in einer psychiatrischen Einrichtung und kommt nicht mehr raus. Ihr langjähriger Stalker gibt sich dort als Pfleger aus, quält seine Angebetete samt der renitenten Mitinsassen bis auf´s Blut .

Joshua Leonhard , der einst als Autor von „The Blairwitch Project“ Ende der 90er Jahre die Independent-Filmproduktion und ihre Ästhetik auf den Kopf gestellt hat, liefert den wahnsinnigen Normalo genauso fesselnd wie Claire Foy aus der Netflix-Serie „The Crown“ das gefangene und wütende Girl next door.

Filmstill Unsane

© Fingerprint Releasing / Bleecker Street

Soderbergh schüttelt mit „Unsane“ seinen aufgeladenen Spannungs-Mix aus Torture-Horror und einer leider ironiefreien psychologischen Systemkritik am gewinnorientierten US-Gesundheitssystem locker aus dem Handy-Ärmel. Der nahegehende Kontroll- und Identitätsverlust seiner weiblichen Hauptfigur überträgt sich affektreich und in situ. Letztlich klebt „Unsane“ mehr am konventionellen Genrefilm. Er ist zwar zwar auf der technologischen Höhe seiner Zeit, bleibt aber nicht mehr als ein B-Movie mit einem wenig smarten Plot.

„Don`t worry, he won´t get far on foot“

Einer der zwischen Hollywood und Avantgarde-Film-Experiment noch viel mehr zwischen den Stühlen sitzt, ist Gus Van Sant. Auf der Berlinale steht der 65jährige weniger als Queer-Cinema-Ikone im Wettbewerbsprogramm. Einmal mehr hat Van Sant („Good Will Hunting“ ) einen Außenseiter-Weg im Feelgood-Movie-Format beschritten. Dafür hat er den längsten Filmtitel des Festival gewählt vor dessen deutscher Übersetzung man sich schon jetzt fürchten muss. In „Don´t worry, he won´t get far on foot“ heißt der unbequeme Protagonist John Callahan, der als alkoholkranker Cartoonist und Rollstuhlfahrer berühmt geworden ist.

Filmstill Don´t worry he wont get far

AMAZON CONTENT SERVICES LLC / Scott Patrick Green

Nicht nur die orangefarbene 70er Jahre Frisur sitzt schwer auf Hauptdarsteller Joaquin Phoenix – sondern auch Tonnen von Problemen, die das optimistische Drama mit einigen guten politisch inkorrekten Witzen angeht.
Außerdem sieht Jake Blake darin aus wie Burt Reynolds. Kim Gordon als gehemmte Beverly Hills-Gattin und Beth Dito („I´m a Vokuhila Yankee“) im karierten Flanellhemd sind so unauffällig im Kreise der Anonymen Alkoholiker Runde, dass es auffällig vergnüglich ist, ihnen zuzuschauen, wie sie von einem reichen Guru (und erschlankten Jonah Hill) missioniert und therapiert werden. Alles wäre zeitlich heiter und melancholisch verlaufen, wenn ich nicht bei Danny Elfmans Musik die Nerven weggeschmissen hätte. Da stört der penetrant andersartige Score und bereitet einen großen Filmkater, der stärker nachwirkt als die zig Flaschen Tequilla, die hier zitternd geleert werden.

„Madeline´s Madeline“

Ob man näher an der Realität oder am eigenen Wahnsinn zerbricht, verhandelt auf der Berlinale visuell weit beeindruckender als die Herren Van Sant und Soderbergh ihre amerikanische Regie-Kollegin Josephine Decker. Ihr Sundance-Hit „Madeline´s Madeline“ ist nun auch auf der Berlinale in der Neben-Sektion „Forum“ angekommen. Decker erzählt von dem psychischen Ungleichgewicht einer Teenagerin (Helena Howard), die ihre Krankheitsgeschichte und den Konflikt mit ihrer Helikopter-Mutter (quirky Miranda July) in einem Theaterprojekt weg(ver)arbeiten möchte.

Filmstill Madeline´s Madeline

Ashley Connor

Mal robbt Madeline in einem Meeresschildkröten-Kostüm am Strand, mal glaubt sie sich in der Rolle einer Katze. Dann wieder verbrennt sie die Mutter mit einem glühend heißen Bügeleisen oder wehrt sich gegen die Theaterregisseurin, die Madelines Kreativität und Geschichte zur eigenen umformen möchte. „Madeline´s Madeline“ besitzt die seltsame Eigenwilligkeit eine Außenseiterin-Geschichte kraftvoll visuell und inhaltlich zu verschränken. Eine Eigenschaft, die im Wettbewerb der Berlinale bisher eher schablonenhaft eingelöst wurde. Wir werden sehen, ob Sieger anders aussehen - am Samstag, wenn der Goldene Bär verliehen wird.

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