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cakes da killa

Justin Eisner

Rave der klugen Narren

Zum Elevate Festival in Graz kommen heuer die Kuckuckskinder der Clubmusik. Ben Frost, DJ Koze, Nurse With Wound, Cakes da Killa, John Maus oder gar Julian Assange. Letzterer halt via Videostream.

Von David Pfister

In einer Handvoll Tage ist es wieder soweit, das Elevate Festival kommt über Graz und wird die steirische Hautptstadt vom 28. Februar bis 4. März für fünf Tage zum Nabel tiefst-alternativer Subkultur verwandeln. Bevor wir uns in ein paar besonders spannende Programmpunkte des Elevate versenken, erinnnern wir uns an den selbstgewählten Auftrag des Elevate.

Elevate Festival von 28.02-04.03 in Graz

Ähnlich wie das andere große österreichische Avantgarde-Pop-Festival, das Donaufestival, versteht sich das Elevate als Plattform für zeitgenössische Musik, Kunst und politischen Diskurs. Besonders der politische Diskurs wird dieses Jahr stark betont, wenn zum Beispiel Polit-Superstar Julian Assange ein Podium geboten wird. Kollegin Maria Motter hat die diesbezüglichen Festivalhighlights schon in einer schönen Geschichte kanalisiert.
Unter der zeitgenössischen Musik versteht das Elevate seit jeher elektronische Musik, deren Sonne der Club ist, dessen Umlaufbahn aber oftmals schwer aus dem Ruder läuft und die in den herkömmlichen Discos nur schwer überlebbar ist.

Katharina Seidler hat sich dem diesjährig schönsten Elevate-Disco-Planeten in einer Story bereits angenommen. Den Plan der Open Air Bühne musste man nun wegen der Kälte wieder verwerfen, die Freiluftbühne am Schlossberg wird nun ins ehemalige Varietétheater des Orpheum Graz verlegt.

Dj Koze

Dj Koze

Die besten Narren

Nun möchte aber ich ein paar Worte über meine Lieblingsnarren des diesjährigen Elevate verlieren.

Am Freitag den 02. März veranstalten wir von FM4 im Dom im Berg die Radio FM4 Stage. Das Programm bestehend aus Nosaj Thing, Kamaal Williams, Iglooghost, Wandl, Sofie, Joja und Cakes Da Killa. Ein schwerst heterogenes Programm, dass aber aufgrund der hedonistischen Narretei die alle ProtagonistInnen verbindet, dann auch wieder eine Homogenität in sich birgt. Denn alle biegen und ranken sich auf Umwegen der Discokugel entgegen.

Der Star der FM4-Stage ist wohl Cakes da Killa. Ein amerikanischer Rapper aus New York der seit etwa 2011 unterwegs ist und in der LGBT-Blase rund um Mykki Blanco oder House Of Ladosha einordenbar ist. Ähnlich wie diese KollegInnen kann der stets fröhlich anmutende Cakes da Killa außerordentlich aggressiv auf der Bühne agieren, was vielleicht auch dem Umstand geschuldet ist, dass der Killa als Inspiration auch auf Genres wie Hardcore oder Noise verweist. Ein Konzert von Cakes da Killa vor ein paar Jahren im Rhiz Wien wird gerne als legendär gehandelt.

Das Genre Noise muss bei Festivals wie dem Elevate selbstverständlich einen großen Platz einnehmen. Aber es ist ein schwer zu programmierendes Genre. Aufgrund der lärmigen Eigenschaft dieses Musikstils, gibt es sehr viel Acts die auf hohem Niveau agieren, Meister des Fachs gibt es aber wenige. Ein sicherer Orientierungspunkt ist immer, wenn auch Struktur und Sonne in dieser mäandernden meist kalten Musik sichtbar werden. Ein Meister des Fachs ist der Australier Ben Frost. Der spielt am Freitag dem 02. März gemeinsam mit Fennesz, Lilevan, Schallfeld Ensemble, Onoxa, Mia Zabelka und Tina Frank im Orpheum Graz.

Die seltesten Narren

Stichworte Hardcore und Noise lassen mich zu einem anderen versteckten Highlight des Elevate kommen: Nurse With Wound. Ein 1978 vom britischen Musiker Steven Stapleton gegründetes Projekt. Das stilistisch aber wirklich gar nicht fassbar ist. Legendär wurde Stapleton aufgrund seiner Kooperationen mit britischen Industrial- und Neo Folk-Legenden wie Current 93, Foetus oder Whitehouse. Im Unterschied zu vielen dieser Veteranen des englischen Dark Wave hegt Stapleton aber stets großes Interesse an der momentanen Entwicklung elektronischer Musik. So kann man Stapleton auch immer mal wieder im Dunstkreis von Stereolab oder Björk finden oder flirtet mit Missy Elliott-Beats. Die größte Freude macht man Stapleton wohl wenn man ihn Krautrocker nennt.

Und mit ein wenig Verbiegen kann man diesen Titel auch dem uneingeschränkten Star des Elevate Festivals verleihen; John Maus.

Der amerikanische Musiker der erstmals so richtig in der Band von Ariel Pink auffiel, wird am Sonntag gemeinsam mit Greg Fox und Ana Threat das Festival zu einem Finale spielen. John Maus liebt und beherrscht ebenso wie Steven Stapleton von Nurse With Wound, scheinbar jedes Genre und Instrument auf der weiten Welt, sess- und wohnhaft ist es aber in einer kühlen Synth-Pop-Welt in der nur Neonlicht-Monde scheinen. Alle paar Jahre haut John Maus ein aus der Zeit gefallenes Album-Meisterwerk raus, auf dem jede Sekunde mit zärtlicher Hingabe gewebt wurde. Sein vordergründig luftig-einfach wirkender Electro-Pop, steht meist auf Beinen die aus Musiktheorien aus der 12-Tonmusik oder dem Barock bestehen. Reduktion und Opulenz in einer perfekten Balance.

John Maus

John Maus

John Maus‘ große Kunst ist die Auslassung im richtigen Moment, das Nicht-Spielen. Und so agiert er auch in seinen Texten, die meist nur Parolen sind, welche aber oft etwas Unheilvolles anrühren. Genau wie bei seinen Melodien, wo er gerne einen Akkord, einen Ton ein wenig aus der Rolle fallen oder daneben fallen lässt und damit einen leichtfüßigen Popsong zu etwas bedrohlich Transzendentem verwandelt.

Das alles würde schon reichen für eine attraktive, rätselhafte Aura; aber um seinen Exotismus ins Unendliche zu treiben hat John Maus auch noch einen Doktortitel in politischer Philosophie in der Tasche. Der französische Philosoph Michel Foucault ist ihm beispielsweise wichtig. Und mit diesem Wissen über John Maus Privatleben verwandeln sich die parolenhafte Texte des Künstlers über Furcht, Kontrolle oder Freiheit von adoleszenten Federpenal-Kritzeleien zu klugen, raffinierten Zeitgeist-Kommentaren. Und um seine emotional kiloschwere Kunst gleich wieder mit Selbstironie abzufedern, verfällt John Maus bei seinen raren Live-Auftritten meist in waidwunden Aktionismus. Da erinnert er oft an kluge Narren des frühen Industrial wie etwa Monte Cazazza.

John Maus ist der mysteriöse, souveräne Black Star der jedem Festival gut tut.

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