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Mittelalterkitsch mit Spielspaßbremse

Das Mittelalter-Rollenspiel „Kingdom Come: Deliverance“ kämpft mit seinen Spielmechaniken, der Technik und einer Rassismusdebatte. Abgesehen davon wäre es eigentlich ganz ok.

Von Rainer Sigl

Im Böhmen zu Beginn des 15. Jahrhunderts gärt es. Der gute König Karl IV ist tot, sein schwacher Nachfolger Wenzel wird von seinem Halbbruder bedrängt, der das Land mit Söldnern belagert. Die große Politik dringt bis ins kleinste Dorf vor - und in einem solchen beginnt das Mittelalter-Rollenspiel „Kingdom Come: Deliverance“. Als einfacher Sohn eines Schmiedes überleben wir den Angriff einer plündernden Horde und sind von nun an auf der Suche nach Rache. Was wir aus vielen anderen Spielen kennen, gestaltet sich aber hier als ziemlich schwierig - denn zu Beginn ist unser Held Heinrich nicht einmal imstande, ein Schwert richtig in der Hand zu halten.

„Kingdom Come: Deliverance“ sieht auf den ersten Blick aus wie andere Fantasy-Rollenspiele aus der First-Person-Perspektive wie etwa „Skyrim“, doch der Eindruck täuscht: Im Kickstarter-finanzierten Spiel des tschechischen Studios Warhorse gibt es statt Zauberei und Ungeheuern historische Politik, und auch das Heldenleben gestaltet sich herausfordernd: Im Unterschied zu anderen Spielen müssen wir hier essen, trinken, schlafen und uns sogar um die Sauberkeit unserer Kleidung Gedanken machen - wenn wir etwa allzu verlottert mit Adeligen sprechen wollen, nehmen uns die nämlich nicht ernst.

Realismus - oder Rassismus?

Mit Realismus und Authentizität will sich „Kingdom Come Deliverance“ von anderen Rollenspielen unterscheiden. Die Entwickler haben eng mit Historikern zusammengearbeitet und zum Beispiel Burgen und Häuser genau rekonstruiert und sich auch sonst in Sachen Realienkunde große Mühe gegeben. Das funktioniert in manchen Details sehr gut - in anderen Bereichen, etwa bei der Frage, ob es in dieser Welt wirklich nur weiße Menschen gegeben hat, hat es dem Entwickler schon vor Veröffentlichung einen gar nicht so kleinen Shitstorm eingebracht.

Für den Standard habe ich die Diskussion um die vermeintliche rassistische Schlagseite des Spiels hier schon ausführlicher besprochen.

Dass Daniel Vavra, Chef des Studios, Autor und Creative Director von „Kingdom Come“, sich in den letzten Jahren wiederholt in Interviews und durch Auftritte im Neonazi-Metal-Shirt als eher rechts verortet hat, wie der Historiker Jan Heinemann in seinem die Debatte anstoßenden Artikel penibel auflistete, führte nämlich durchaus zum Verdacht, die hier ausschließlich weiß und ganz ohne störendes Multikulti dargestellte Spielwelt zeige den bei Neurechten von Anders Breivik bis zu den Identitären beliebten Mythos vom „Weißen Mittelalter“ - und das hat mit der Frage, ob auf den 16 Quadratkilometern Böhmens, die im Spiel abgebildet werden, wohl „realistischerweise“ Nicht-Weiße anzutreffen gewesen wären, eigentlich wenig zu tun.

Vavra sah sich schließlich durch die Debatte genötigt, sich für seine „missverständlichen“ Aussagen umfänglich zu entschuldigen und jede Verbindung zu neurechten Ideologien in Abrede zu stellen - eine willkommene - und nötige - Klarstellung.

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So kontrovers wie ein Mittelalterfest

Erst Wochen nach dieser Diskussion ist „Kingdom Come“ erschienen, und das Spiel selbst beweist: Als ideologisch befrachtetes Vehikel war dieses Spiel wohl wirklich nicht gedacht, dafür nähert es sich sowohl seinem Setting wie auch seinem Thema „Realismus“ auf viel zu - pardon - naive Weise. Das beginnt beim fotorealistischen Grafikstil, der mit beeindruckendem Detailgrad und ernüchterndem Mangel an Stilwollen eine Mittelalterästhetik zelebriert, wie man sie von Mittelalterfesten kennt - und setzt sich in einer Handlung fort, die vom Tonfall her irgendwo zwischen den auf solchen Festen dargebotenen dramatischen Reenactments und jedem Mittelalterklischee ever pendelt. „Kingdom Come“ ist leicht steriler Mittelalterkitsch - zotige Witzchen inklusive.

Zur Klarstellung: Das spricht nicht unbedingt gegen dieses Spiel, das sich mit beachtlicher Ambition und sichtbarer Liebe zum Setting daran macht, etwas wirklich Ungewöhnliches zu versuchen. Im Gegensatz zu „normalen“ Rollenspielen geht „Kingdom Come: Deliverance“ in seinem Bestreben, stattdessen eine „Mittelaltersimulation“ bieten zu wollen, selten den einfachen Weg und verlangt auch seinen Spielerinnen und Spielern einiges ab.

Speicherschnaps und Technikfrust

Das Selbstverständnis als “realistische Simulation” führt allerdings spielerisch leider häufig zu recht umständlichen Spielmechaniken, die dem Spaß gründlich im Weg stehen. So werden Kleinigkeiten wie etwa Taschendiebstahl, Schlösserknacken oder auch nur das Speichern des Spiels (!) zu nervigen Angelegenheiten. Letzteres ist nämlich nicht frei möglich, sondern nur an bestimmten Stellen in der Geschichte, nach dem Schlafen im eigenen Bett oder durch Trinken von „Speicherschnaps“ - der allerdings sündteuer bzw. sehr aufwendig am Alchemietisch (!) herzustellen ist. Yay, Realismus.

„Kingdom Come: Deliverance“ ist für Windows, PS4 und Xbox One erschienen.

Ein noch größeres Problem sind die zahlreichen Bugs und technischen Probleme, die den Besuch im Mittelalter durchaus frustrierend machen. Abstürze, endlose Ladezeiten, verbuggte Quests und andere Gemeinheiten machen „Kingdom Come: Deliverance“ zur Geduldsaufgabe für Frustresistente - bis alles behoben ist, dürften wohl noch einige Wochen intensiven Patchens bevorstehen. Trotzdem ist es bereits jetzt ein Bestseller, und das ist ironischerweise dem PR-Kick der so emotional wie selten rational geführten Rassismusdebatte ebenso zu verdanken wie dem - eher schlecht als recht eingelösten - Versprechen, ein „authentisches“ Mittelalter-Erlebnis zu bieten.

„Kingdom Come: Deliverance“ will eine romantische Sehnsucht stillen, die auch Sommer für Sommer Tausende zu diversen, mal mehr, mal weniger kommerziellen „Mittelalterfesten“ mit „echtem“ Met und „Original-Ritterwildschweinbraten“ strömen lässt. Schade, dass das Spiel, das so mit derart großem Aufwand versucht, das Mittelalterfest für zu Hause zu bieten, nicht großartig, sondern nur ganz okay geworden ist.

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