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Elevate Festival 2018

Elevate / Johanna Lamprecht / CC BY-NC-ND 2.0

Die Kultur in den Zeiten der Kälte

Wundersamer Pop, transzendente Musikerfahrungen, tribalistische Trommeln: Bernhard Fleischmann, Mario Batkovic, Will Guthrie an den beiden ersten Tagen des Elevate Festivals.

Von Katharina Seidler

Die Kultur in den Zeiten der Kälte. Der Winter draußen zwingt an diesem Märzwochenende etwa die neu erfundene Open Air-Bühne des Elevate Festivals zum Umzug ins Orpheum oder hält den amerikanischen Multiinstrumentalisten Peter Broderick im Schneesturm in Dublin fest. Er musste seinen Auftritt absagen.

Im Inneren herrscht soziale Kälte allernorts. Zwischen Finanzkrisen und Flüchtlingsbewegungen, die ebenfalls gerne als „Krisen“ bezeichnet werden, unter autoritären Machtstrukturen und menschlich verschuldeten Klimakatastrophen zeigt sich die Welt 2018 in gewaltiger Brutalität.

„Ein Lied, ein Track, ein Sound, ein Beat, eine scharfe Hi-Hat kann eine Axt sein für das Eis in uns und in der Welt.“ Philipp L’Heritier. In: Elevate. Ein Handbuch für Morgen, 2015

Das Elevate Festival präsentiert sich in seiner 14. Ausgabe umfassend wie nie. Es gibt drei neue Spielstätten, zusätzliche Abende im Orpheum, ein eigenes Magazin, eine umfassend ausgebaute Kunstschiene, eine neue Festival-App (die beim Test im FM4-Team allerdings nicht funktioniert). Es ist das vorerst letzte Jahr als Teil der Kooperative We Are Europe, in deren Rahmen acht europäische Festivals mit gemeinsamen Förderungen und Ideen an der Verbesserung der Erde arbeiten. Ein hehres Ziel, und doch mag man in manchen Momenten mit klammen Fingern bei heißen Diskussionen und Dancefloors daran glauben.

Elevate Festival 2018

Elevate / Johanna Lamprecht / CC BY-NC-ND 2.0

Publikum im Orpheum

Als Teil der Kooperative ist dieses Jahr etwa Anastasios Diolatzis vom griechischen Reworks Festival angereist. Am Samstag wird er als DJ unter seinem Alter Ego ISON das Nachmittags-Rave im Orpheum eröffnen; abseits der Turntables hat er hier am Elevate zwei Bühnen mitkuratiert. Die seit acht Jahren andauernde Finanzkrise sei in Griechenland schon lange als soziale Krise tief in das Gewebe der Gesellschaft eingedrungen, berichtet Diolatzis im FM4 Interview. Trotz – bzw. vielmehr: gerade wegen - der umfassenden Verzweiflung und Abgestumpftheit sei der Publikumszuspruch beim Reworks Festival größer denn je: „Ich glaube fest an die Kraft von Kunst und Kultur als Zufluchtsorte in Krisenzeiten.“ Wir stecken immerhin alle gemeinsam mit drin.

Die eigene Komfortzone zu verlassen, wenn man aus ihr nicht eh schon herausgedrängt wurde, der Kälte ein soziales Engagement - oder auch einfach nur: Haube, Schal und fest geschnürte Tanzschuhe - entgegenzustellen, dazu lädt das Elevate Festival ein. Das Diskursprogramm ist dieses Jahr den Schlagworten „Risiko & Courage“ gewidmet und bittet ExpertInnen aus beim Elevate immer hoch gehaltenen Kernbereichen wie Netzaktivismus, Daten- oder Umweltschutz zur Diskussion.

Elevate Festival 2018

Elevate / Johanna Lamprecht / CC BY-NC-ND 2.0

B. Fleischmann

Musikalisch schlägt das Festival immer auch die Brücke vom Aktivismus zum Hedonismus. Am Eröffnungsabend etwa erwärmt Bernhard Fleischmann die Seelen der ZuhörerInnen, die zuvor auf den Videostream-Auftritt von Julian Assange bei der Opening Ceremony mit teils begeisterten, teils kritisch-enttäuschten Mienen reagiert hatten. Ist B. Fleischmann der vielleicht sympathischste Musiker des Landes?

Er strahlt und grinst jedenfalls bei der Premiere seiner neuen Band-Liveshow, frisch im Gepäck denn verstolperten, wundersamen Pop seines Albums „Stop making fans“. Als Miterfinder des Genres Indietronics rund um das Berliner Label Morr Music hat Fleischmann sich um Genre- oder Instrumentengrenzen zwischen analog und digital noch nie gekümmert. Auch das vor zwei Wochen erschienene „Stop making fans“ ist eine Wundertüte aus überschäumender Elektronik und intuitiven Popmelodien, es blubbert, es funkelt, es knackt feste Oberflächen. B. Fleischmanns Musik ist immer noch am besten mit dem Herzen erfahrbar, das Elevate-Publikum ist dazu gerne bereit.

Elevate

elevate / Johanna Lamprecht / CC by-nc-nd 2.0

Elevate

elevate / Johanna Lamprecht / CC by-nc-nd 2.0

Hier kommt die Kälte

Eine Kirche gehört mittlerweile zum fixen Bühnenrepertoire eines Avantgarde-Festivals, und in einer solchen, nämlich im erstmals vom Elevate bespielten Mausoleum der Grazer Katharinenkirche, erlebte das Festival am Donnerstagabend einen ersten Höhepunkt. Bei zweistelligen Minusgraden performte dort der Schweizer Akkordeonist Mario Batkovic vor sechs Lichtsäulen zwischen Weihrauch und Raureif.

Solo mit seinem Instrument erschafft Batkovic eine einnehmenden Form einer neuen Musik an den Schnittstellen von E und U, Klassik, Folk und Pop. Was in der Studioversion seiner, nagut, ausschließlich lateinisch benannten Stücke in nachvollziehbaren harmonischen Sequenzen an die filmmusikalischen Kompositionen von Yann Tiersen erinnert, wird live zum markerschütternden Wunderwerk.

Die Luft rauscht durch den Blasebalg, die Akkordeonknöpfe klicken unter den flitzenden Fingern und Batkovics‘ Kompositionen schrauben sich wie barocke Fugen in apokalyptische Höhen, docken an die Minimal Music von Philipp Glass ebenso an wie an die folkloristischen Studien von Bela Bartók. Die Kirchenkuppel bereitet einen sakralen Klangraum für ein nahezu transzendentes Erlebnis.

Elevate

elevate / Johanna Lamprecht / CC by-nc-nd 2.0

Das Gegenstück hierzu erlebte man dann im Forum Stadtpark in der sogenannten Dunkelkammer. Im Rahmen dieser, auch unter dem Jahr in Graz stattfindenden, Reihe wird der mittelgroße Kellerraum des Forums bestuhlt und für etwa eine Stunde vollkommen abgedunkelt. An diese allumfassende Finsternis gewöhnt sich kein Auge, vielmehr setzt nach einiger Zeit das Raum- und Zeitempfinden aus und lässt das Bewusstsein den Sound umso gewaltiger erfahren.

In dieser dunklen Nacht trommelte dann der australische Percussionist Will Guthrie um sein Leben zwischen Tribal-Ahnungen und freistem Free Jazz. Technisch beeindruckend, ließ Guthrie die BesucherInnen emotional und künstlerisch mit ambivalenten Gefühlen zurück. Die totale Reduktion auf Sound birgt auch Gefahren in sich, wenn Ur-Rhythmen und Beat-Avantgardismus aus der Zukunft allzu brutalistisch auf einen einprasseln.

Dennoch, auch hier zeigte das Elevate Festival seine Vielseitigkeit. Der Freitagabend und der samstägliche Tages-Rave sind mit ihrem Musikprogramm zwischen Techno von Umfang, LGBTQ-Rap von Cakes da Killa oder Techno-Pop-Hedonismus von DJ Koze der Party gewidmet, bevor der Dungeonfloor in der Samstagnacht dann mit Nurse with wound und gleichgesinnten KlangküstlerInnen zur Lärm-Katharsis lädt. Elevate the apocalypse.

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