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Kreisky

Kreisky

der Song zum sonntag

Gemeinsam stolpern

Der Song zum Sonntag: Kreisky - „Veteranen der vertanen Chance“

Von Christoph Sepin

Du warst keiner, der Chancen vertan hat, sondern einer, der dabei war, wenn man mal wo sein hat müssen. Ein Schwärmer durch die Dunkelheit, immer irgendwie da, auch wenn du mal nicht da warst. Und du bleibst immer noch da, in all den Situationen, die irgendwie wichtig scheinen. In den Gesprächsfetzen, die einem ins Ohr kommen, wenn man sich zur Bar drängt. In den vollgestopften Plätzen vor den Bühnen, Schulter an Schulter. Und vor allem in den Liedern, in den Melodien und Instrumenten und Emotionen. Für immer.

Es wird geweint, es wird gestarrt und sinniert in der Musik von Kreisky. Es wird bereut und in Verblüffung gewundert. Was hätte sein können, wer kann ich werden und wohin hätte das alles gehen können? Nostalgie und Melancholie, traurige Gitarrensoli, schmerzhafte Dissonanz. „Und dann bin ich gestolpert, hab mich am Kaugummi verschluckt“.

Es wird Zeit einen Klub zu gründen. Einen Klub derer, die zum Verpassen verdammt sind. Eine Gemeinschaft der Loser und Hinfallenden. Die Veteranen der vertanen Chancen. Mit feuchten Händen und Zugehörigkeitsgefühl. Die gemeinsam im Chor singen, ihre eigene Hymne in die fremde Welt des Erfolgs hinausbrüllend. „Veteranen, zu den Fahnen, wir gehören zusammen.“

„Blitz“, so wird das Kreisky-Album heißen, das Mitte März erscheint. Wie etwas, das schnell heiß wird und dann wieder verschwindet. Ums Verschwinden muss sich die Institution Kreisky keine Sorgen machen. Auf der Bühne posierend und stolzierend, wie im Video zu „Veteranen der vertanen Chance“. Im Sesselkreis der Selbsthilfegruppe.

In den Armen halten und weinen. Wegen dem Zwiebelschneiden, wegen den falsch ausgefüllten Lottoscheinen, dem Unglück und den Küssen, die man den wichtigen Menschen doch nicht gegeben hat. Das was sein hätte können, aber nicht ist. So viele Momente, die nie passieren, Geschichten, die nie erzählt werden, ungelebte Leben. Vertane Chancen, immer wieder und aufs Neue.

Kreisky

Ingo Pertramer

Die Message ist deutlich, der Inhalt trotzdem unklar. Sind das wir, die Veteranen, finden wir uns da selbst drin wieder? Die zuspätkommenden, anonymen Loser? Oder ist das doch wieder ganz wer anderes? Die vergeudeten Minuten, die verpassten Bewerbungsgespräche, die Unzufriedenheit in schlaflosen Nächten und die zittrig bekritzelten Namensschilder.

Typisch für Kreisky präsentiert sich die Band in wütender Zerbrechlichkeit, wohlgestimmt-verstimmt, kurz vor dem unweigerlichen Zusammenbruch. Ein Bassriff, der durch die Verwirrungen trägt, ein Schlagzeug, das gerade mal so tut, als ob es jederzeit aus seinem Rhythmus ausbrechen würde, lamentierende Gitarrensaiten, wie nebelige Stimmen, die von weit weg zurufen.

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Und dann der große Refrain, die ewige Wiederholung, damit es auch niemand vergisst: „Wir gehören zusammen“, die Veteranen und Verlierer da draußen, die gezeichneten Selbstbemitleider, die den verlorenen und niemals werdenden Momenten nachtrauern. Und zusammenkommen in aufgebrachter Mehrstimmigkeit. Die Veteranen ihres eigenen Unglücks.

Ein Lied der Mehrdeutigkeiten, einladend zur Interpretation. Passend zur Band Kreisky, die Dinge nicht so gerne erklärt, sondern einfach mal so auf der Bühne stehen und klingen lässt. Verzweiflung mit Humor, Reue in der Ruhelosigkeit. Akzeptieren können, dass das alles manchmal nicht so geht, wie man das gerne hätte. Und wenn alles nichts hilft, kann man ja immer noch einen Veteranen-Klub gründen. Einen Klub der vertanen Chance.

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