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Film "Ugly"

Thimfilm

Die Hauptrolle spielt der Existenzialismus

Maria Hofstätter verkörpert eine Alzheimer-Patientin im Langspielfilmdebüt von Juri Rechinsky „Ugly“. Die Faszination des Regisseurs für unschöne Gefühle muss man nicht teilen.

Von Maria Motter

Wie Maria Hofstätter 2001 in Ulrich Seidls „Hundstage“ auf den Kinoleinwänden wahllos Listen aufzählt und Werbelieder trällert, ist inzwischen österreichische Filmgeschichte. Von Paul Harathers „Indien“ zu „Cops“ von Stefan A. Lukacs, der auf der Diagonale kommende Woche Premiere haben wird: Maria Hofstätter wählt sich ihre Figuren gründlich aus.

Zu gern würde man sie einmal in der Rolle einer eleganten Diva sehen. Für Ulrich Seidl ist sie in „Paradies: Glaube“ auf ihren Knien durch ein Haus gekrochen. Jetzt verkörpert sie erneut eine Figur, die es schwer hat: Maria Hofstätter spielt die an Alzheimer erkrankte Martha. Wo bleibt der Glaube, könnte man Juri Rechinsky nach Ansicht des Films fragen. Da kämpft ein Paar um Normalität und gegen eine Alzheimer-Erkrankung, ein anderes hat einen Autounfall. Der Film setzt mehr auf Stimmmungen denn auf Handlung.

Film "Ugly"

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Juri Rechinsky zeigt, wie Menschen auch ohne Worte miteinander kommunizieren oder zumindest den Versuch unternehmen und wie sie dabei scheitern. Da steht der vermeintliche Unfalllenker Jura neben einem Bekannten, noch in den selben Kleidern, getrocknetes Blut an der Hand und raucht. Später wird eine Hand versuchen, sanft über Frauenhaar zu streichen und mehr durch Luft fahren.

Bis eine der Figuren spricht, vergeht ein Sechstel der Laufzeit und dann ist es ein verkümmerter Satz. „Jänner… März… aber was ist dazwischen? Was ist zwischen Jänner und März?“, fragt Martha ihren Mann. An der zeitlich richtigen Abfolge von Kalenderkärtchen war sie, vor Verzweiflung schluchzend, gescheitert.

Auch „Ugly“ hat Zeitsprünge und Lücken. Vieles muss man sich zusammenreimen. Auf ein Fest, bei dem sich das Unfallopfer als die Klavierspielerin Hanna herausstellt, folgt ein scharfer Cut und Hanna liegt ruhig in einem kargen Spitalzimmer mit blau gestrichenen Wänden. Ihr Schmerzensgebrüll wird in den Spitalsgängen nachhallen, der Freund schließt von außen eilig die Tür.

Film "Ugly"

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„Ugly“ von Regisseur Juri Rechinsky läuft derzeit in den österreichischen Kinos. Premiere hatte der Spielfilm am Internationalen Filmfestival Rotterdam 2017; bei der Diagonale 2017 wurden Wolfgang Thaler und Sebastian Thaler für die beste Bildgestaltung ausgezeichnet.

Dieses Gefühl, das Leid der anderen nicht auszuhalten, möchte „Ugly“ vermitteln, doch es stellt sich nicht ein. Juri Rechinsky hat laut eigener Aussage ein „perfektes Drehbuch“, das er überarbeit hatte, bis es geleuchtet hätte, verworfen und sich auf die Improvisation der SchauspielerInnen konzentriert. Obwohl die Kamera sehr nahe am Geschehen ist, immer wieder bewusst wackelt, bleibt eine Distanz.

Welchen Sinn hat das Leben? Auch wenn die Figuren nicht viel sprechen, antworten würden sie: „Keinen“. Die Grundhaltung ist existenzialistisch. Immer wieder sind die ProtagonistInnen alleine, auf sich zurückgeworfen, in kontemplativen Szenen.

Gern wird das als „dem Zuschauer Raum lassen“ beschrieben. Die unaufhaltbare Vergänglichkeit scheinen die beiden Paare längst verinnerlicht zu haben. Der längste Dialog spielt sich auf Russisch und an einem Esszimmertisch ab. Jura (Dimitri Bogdan) wird von seinem Großvater ermuntert, zu sprechen und sich der Familie mitzuteilen. „Ich will auf die Liebe kotzen, Mama“, erwidert Jura im Kreis von Mutter und Großvater und prangert das Leben an. Alle in „Ugly“ sind in sich gekehrt, abgekapselt.

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Dimitri Bogdan (Jura) & Angela Gregovic (Hanna) bei der Premiere von „Ugly“

„Du bist meine Frau“, informiert Raimund Wallisch als erst liebender, später brutaler Ehemann Josef seine Frau Martha. Der Sex mit der Alzheimer-Erkrankten scheitert dann an einem von ihm doppelt gebundenen Schuhband.

Auf der Diagonale im Vorjahr ist Juri Rechinsky Spielfilm „Ugly“ für die beste Bildgestaltung ausgezeichnet worden. Die Kameramänner Wolfgang Thaler und Sebastian Thaler würden mit ihren Aufnahmen einen regelrechten Sog entwickeln, dem sich das Publikum schwer entziehen könne. „Ugly“ hat eine Geschmeidigkeit, die sich aus Atmosphären speist, aber der Film hinterlässt den Eindruck, einen Versuch gesehen zu haben.

Flashbacks und Träume waren der Ausgangspunkt für Juri Rechinskys ersten Langspielfilm. Der gebürtige Ukrainer und in Wien lebende Filmemacher hatte ein der Krankenhausgeschichte in „Ugly“ ähnliches Erlebnis. Um darüber hinwegzukommen, drehte er „Sickfuckpeople“, in dem er das Dasein obdachloser, drogensüchtiger Kinder in Odessa dokumentierte. Diese Faszination für unschöne Gefühle – man muss sich nicht teilen.

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