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Valerie Kattenfeld

Weltreiseblog

Japan verführt zum Minimalismus

In Sachen kultureller Unterschied ist Japan eine riesige Herausforderung für Mitteleuropäer. Denn auch von Gästen wird hier viel Rücksicht verlangt, die man nicht immer aufbringen kann.

Von Valerie Kattenfeld

Es ist etwa 23h als ich in Tokyo meinen Rucksack vom Fließband hebe. Bei der Ankunft in der 40 Millionen Metropolregion bin ich nervös wie sonst nie. Ich verstehe die vielen Nummern der Adresse nicht, wo ich hin soll. Was ist der Bezirk, was die Hausnummer? Wie komme ich dort hin? Wann fährt der letzte Zug?

Hysterisch rufe ich meinen Gastgeber Uz an, der mir gut zuredet und mir dann den Link für den deppensicheren Routenfinder „World Jorudan“ schickt. Darin wird schrittweise aufgelistet, mit welchen Verkehrsmitteln ich fahren soll, wie viele Stops, wo umsteigen usw. Neunzig Minuten später komme ich in der Station „Higashimurayama“ im Westen Tokyos an, von der mein Host mich abholt.

Uz’ Wohnung besteht aus einem kleinen Vorraum mit Küchenzeile, zwei Zimmern und einem winzigen Bad, dessen Wände und Boden aus hautfarbenem Kunststoff sind. Ich fühle mich darin wie in einer Flugzeugkabine. Ich werde angewiesen, die Duschwände nach der Benutzung mit einem Schwamm trocken zu wischen, da Uz Fotograf ist und die Feuchtigkeit in seiner Wohnung möglichst gering halten möchte. Sein Kühlschrank ist gefüllt mit Filmrollen. Mit einer klobigen analogen Kamera portraitiert er interessante Menschen auf der Straße in schwarz-weiß.

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Ich erlebe Japaner als extrem höflich und zuvorkommend. Die selbe Rücksicht wird von mir als Gast erwartet. Dazu gehört leise zu reden und nicht laut zu lachen, um die Nachbarn nicht zu stören. Wenn ich meine Wäsche auf dem überdachten Mini-Balkon aufhänge, soll ich für den einen Schritt nach draußen extra Flip Flops anziehen. Für eine, die es bei sich selbst zu Hause nicht so genau nimmt, eine Herausforderung in Sachen kultureller Unterschied. Die Innenräume sind mit den typischen Tatami Matten aus gepresstem Reisstroh ausgelegt. Sie haben einen zart-organischen Geruch und laden zum am Boden sitzen ein. Ansonsten gibt es bei Uz wenig Möbel: einen Kasten, ein Regal, ein schmaler Tisch an der Wand. Er schläft direkt auf den Tatamimatten, ich auf einer Luftmatratze. Wenn ich am Morgen aufwache, genieße ich die Ruhe und die Sonnenstrahlen, die den leeren Raum mit ihrem weichen Licht füllen. Die aufgerollten Futons (flexible Matratzen), stehen an die Wand gelehnt - sie scheinen von Uz wenig benutzt zu werden.

Kulturelle Unterschiede

Ich bin bemüht, mich anzupassen, aber es kommt zu Differenzen zwischen Uz und mir. Generell fühle ich mich mit all den ungewohnten Einschränkungen wie der Elefant im Porzellanladen, werde immer wieder von Uz getadelt und bevormundet. Ich lache nun mal laut und herzlich, das kann ich nicht einfach so abstellen. Er ist frustriert, weil er gerne mehr Zeit mit mir verbringen würde. Weil ich aber eine Lesung in der österreichischen Botschaft vorbereite, bin ich mit dem Überarbeiten meines Buches eingedeckt. Die Unzufriedenheiten häufen sich beiderseits und so verlasse ich seine Wohnung früher als geplant. Mit dem Japan Railpass (den man sich übrigens besorgen muss, BEVOR man in das Land einreist) werde ich nach Kyoto, Osaka und Hiroshima fahren. Besonders freue ich mich aufs Wandern am Mount Fuji.

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Wald am Mount Fuji

Die spartanisch eingerichtete Wohnung von Uz hat bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Ich beginne mich für den in Japan populären Minimalismus zu interessieren und stoße auf das Buch „goodbye, things“ von Fumio Sasaki. Darin schildert der Autor, wie er sich von seinen Besitztümern befreit hat und gibt praktische Ratschläge für alle, die es ihm nachtun möchten. Er trennte sich von seiner teuren Kamera-Sammlung, der Playstation und all den Dingen, mit denen er sich glücklich kaufen wollte, was nicht funktionierte, weil er sich dauernd mit anderen verglich. Und wenn jemand anderer etwas „Besseres“ hatte, wurde das Eigene automatisch entwertet. Es brauchte Zeit, bis Fumio den Mechanismus des Vergleichens als Unglücklichmacher entlarvte. Wer jedoch nichts hat, vergleicht auch nicht mehr. Muss nichts mehr darstellen, repräsentieren. Und darf einfach sein, in seiner puren ungeschminkten Essenz ohne dekoratives aufgetakeltes Gschisti- Gschasti.

Stiften Dinge Identität?

Fumio war stolzer Besitzer einer riesigen Buch- und DVD-Sammlung. Seine Gäste sollten sehen, wie belesen er war und beeindruckt sein. Ich ziehe die Parallele zu mir und erinnere mich daran, wie ich bei Festivals und Konferenzen immer die Umhänge-Namensschilder gesammelt und zu Hause aufgehängt habe. „Valerie Kattenfeld, Autorin“ oder „Valerie Kattenfeld, Regisseurin“ stand da drauf. Irgendwie habe ich diesen materiellen Beweis gebraucht, um mich in meiner Rolle als Künstlerin legitim fühlen zu können. Aber brauche ich das wirklich? Weiß ich nicht ohnehin, wer ich bin? Brauche ich Beweisstücke, auf die ich zurückgreifen kann, um andere von meiner Identität zu überzeugen? Und wie ist das bei anderen Leuten? Inwiefern sind Menschen ihr Auto, ihr Handy oder ihre Kaffeehäferlsammlung? Wie definiert sich der Künstler ohne sein Werk?

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Nach geheimnisvollen Geisha-Begegnungen in Kyoto und dem Besuch der Atombomben-Gedenkstätte in Hiroshima kehre ich wieder zurück nach Tokyo. Mit der ausgewanderten Österreicherin Florentine, die als Koordinatorin für internationale Beziehungen in Nasushiobara arbeitet, streife ich durch das High-Tech Viertel Akihabara. Es quillt über von Elektronikgeschäften, Anime, rosa-glitzernden Maid-Cafes, Spielhallen und Actionfiguren. Japan hat mir seine zwei Gesichter offenbart: das verspielte, kindische, verniedlichte und an Sinneseindrücken völlig überladene auf der einen Seite und das höfliche, zurückhaltende, ernste auf der anderen. Sie scheinen einander zu bedingen und sich als Ausgleich zu brauchen. Crazy Cuteness versus übermüdeter Workaholic-Existenz.

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Wenn ich Japan nun durch die mir angeeignete Brille der Dinge betrachte, gibt es einen Gegenstand, der einem tatsächlich an den meisten Orten begegnet. Bei dem man seine äußere Erscheinung leicht wahren kann, während man innerlich in eine Welt aus Emotionen, Wunder und Abenteuer abtaucht. Der eine Gegenstand, der den Spagat zwischen allen Facetten Japans schafft und der sehr geliebt wird: der Manga-Comic.

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Vor dem Manga-Museum in Kyoto

Gegenstände sind zwar nicht lebendig, aber irgendwie wollen sie doch, dass man sich mit ihnen beschäftigt. Das passt auch zur japanischen Shinto-Religion, die allen Dingen eine Seele zuschreibt. Wenn ich nun an all das Zeug denke, das zu Hause etwas von mir will, bekomme ich Schuldgefühle. Da ist die Hose, in die ich nicht mehr hineinpasse. Die zwei angestaubten Trommeln. Der Schuhkarton mit Perlen und Drähten - Schmuckideen, die ich schon seit Jahren nicht umgesetzt habe. Ungeliebte Geschenke, die anderen etwas bedeuten könnten.

„Dinge sind wie Mitbewohner“ schreibt Sasaki, „nur mit dem Unterschied, dass wir ihre Miete zahlen.“ Sie brauchen Platz. Sie verstopfen den Raum, in dem wir leben und sind dadurch permanent in unserer Wahrnehmung präsent. Fumio vergleicht das mit einem Computer, bei dem viele Fenster gleichzeitig offen sind. Dadurch lädt er langsamer. Ein Computer läuft besser und schneller, wenn er nur für eine Sache verwendet wird. Genauso wird auch der Kopf beim Entrümpeln frei. Nicht das Horten von Besitz macht glücklich, sondern das genaue Gegenteil: reduzieren.

Die Entscheidung ist gefallen. Die Probe längst bestanden. Reise ich nicht schon seit Monaten mit einem neun Kilo Rucksack? Hat mir je etwas gefehlt? Nein. Wenig haben macht mich leicht, frei und glücklich. Sobald ich heim komme, kommt alles weg. Damit ich ganz bei mir ankommen kann.

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