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Drei Krisenherde in der österreichischen Bundesliga:

Die Rechtsunsicherheit bei der unterlaufenen 2/3-Regelung - straflose Hinnahme der homophoben Rülpser von Rapid und Austria-Fans - Zu wenige Teilnehmer der nächstjährigen 2. Liga...

Von Martin Blumenau

Eigentlich geht es der heimischen Bundesliga gut: ihr Meister hat international regelmäßige Achtungserfolge aufzuweisen und gestern im Achtelfinale der Europa League Dortmund geschlagen; die hochwinterlichen Februar/März Matches konnten dank infrastruktureller Investitionen allesamt ausgespielt werden; die im Sommer wirksam werdende Ligareform hat neu TV-Vertragsperspektiven gebracht; und die Installierung einer Vertrauens-Trainers als Teamchef bringt der Liga weitere wohlwollende Erwähnungen.

The daily blumenau bietet seit 2013 ebenso wie sein Vorgänger, das Journal, regelmäßig Einträge zu diesen Themenfeldern.

Andererseits: hinter Meister Salzburg klafft eine fette internationale Anspruchslücke; die hochwinterlichen Spiele der zweiten Leistungsstufe mussten zum überwiegenden Teil (wegen zu schwacher Infrastruktur) abgesagt werden; die TV-Verträge sind noch immer nicht fixiert (der für die Bundesliga ist teilweise, der für Liga 2 noch komplett offen); und es werden wohl weiter die Legionäre sein, die die ÖFB-Elf tragen.

Dazu kommen noch einige Baustellen und Brandherde, und auch jene, die in erster Linie einzelne Vereine und/oder den ÖFB betreffen, sind dazu angetan die Liga in Krisen zu führen.

  • Da wäre zum einen eine legistische Krise, die durch die wagemutige Auslegung einer FIFA-Regel (die Spielern untersagt, in der Saison bei mehr als zwei Vereinen zu spielen) ausgelöst werden kann.
  • Da wäre zum anderen die Krise der aktuell Ersten, demnächst 2. Liga, für die nach aktuellem Stand gar nicht genügend Teilnehmer gefunden werden können, was zu Programm-, Termin- und ökonomischen Problemen führen kann.
  • Und zum Drüberstreuen wäre da noch die moralische Krise des Schweigens und Verdrängens der homophoben Äußerungen, die im Fan-Konflikt zwischen Rapid und Austria aufgepoppt sind.

*1* oder: in Kauf genommene Rechtsunsicherheit

„Man müsste darüber man reden, weil die Gefahr einer Meisterschafts-Verzerrung besteht“, sagt Rapids Sportchef Fredy Bickel letztens. Das ist deshalb bemerkenswert, weil es nicht nur gegen Red Bull Salzburg geht, sondern sein Verein selber aktiv beteiligt ist. Zitat Bickel: „Wir haben zwei, drei Wochen überlegt, ob wir das machen sollen, weil es grundsätzlich nicht dem FIFA-Reglement entspricht.“

Konkret geht es um die (in den Staturen der FIFA festgehaltene und vom ÖFB übernommene) sogenannte 2/3-Regelung, die besagt, dass ein Profi pro Saison bei maximal drei Vereinen gemeldet sein darf und bei maximal zwei davon auch spielberechtigt ist.

„Im FIFA-Reglement bezüglich Status und Transfer von Spielern findet sich unter Punkt 5/3 die Regelung: " Ein Spieler kann in einer Spielzeit bei maximal drei Vereinen registriert werden. In dieser Zeit ist der Spieler für offizielle Spiele von lediglich zwei Vereinen spielberechtigt." Dieser Passus wurde vom ÖFB offiziell in seinem entsprechenden Regulativ unter Paragraf 4/6 übernommen: " Ein Spieler kann in der Zeitspanne vom 1. Juli bis 30. Juni des Folgejahres bei maximal drei Vereinen registriert werden. In dieser Zeit ist der Spieler für Bewerbsspiele von lediglich zwei Vereinen spielberechtigt."

Alex Sobczyk hat in dieser Saison (in dieser Reihenfolge) für Rapid Wien, die Rapid Amateure, St. Pölten und den SC Wiener Neustadt, also für vier Mannschaften, drei Vereine und in drei Ligen gespielt.

Möglich gemacht ist das durch Sonderregelungen der Bundesliga, über die der ÖFB und wohl auch die FIFA (das legt deren formal und inhaltlich dubiose Reaktion auf meine Anfrage nahe) Bescheid wissen und stillschweigend dulden.

Das sind zum einen die sogenannten Kooperationsspieler, die Bundesliga-Vereine bei Partner-Clubs in unteren Klassen (Erste Liga abwärts) zu Spielpraxis kommen lassen, aber jederzeit wieder zurückrufen können - Dejan Ljubicic, der die aktuelle Saison bei Neustadt begann und im August zu Rapid zurückgeholt wurde, ist ein schönes Beispiel für die Sinnhaftigkeit dieser Regel - wenn es bei einer einzelnen Kooperations-Station bleibt.

Die Fälle einiger Salzburger Spieler, die auch bei drei oder gar vier Mannschaften aktiv waren/sind (Atanga bei Red Bull, Liefering und St.Pölten; Tetteh bei Red Bull, Liefering und dem LASK; Igor bei Red Bull, Liefering und dem WAC; Romano Schmid bei Sturm, Red Bull, Salzburgs U19 und Liefering) sind darüberhinaus noch zusätzlich verwirrend, weil die Lieferinger als Amateur-Departement von RB Salzburg wahrgenommen werden, was sie gar nicht sind. Liefering ist ein Konstrukt, dem - als typisch österreichische Extrawurst - die Teilnahme an der Ersten Liga, die Amateur-Teams aktuell ja verboten ist, möglich ist.

Weil es darin aber keine Möglichkeit gibt „Kooperationsspieler innerhalb einer Liga zu haben“ (Zitat Bundesliga-Statement) wurden andere, spezielle Verleih-Regeln entwickelt, „indem max. 3 Spieler eines Klubs und max. 8 Spieler mehrerer Klubs an einen anderen Klub derselben Spielklasse zeitgleich verliehen werden dürfen“.

Nach Meinung der Liga greift die 2/3-Regelung bei Kooperationsspielern gar nicht und bei Leihspielern auch nicht. Eine Lesart, die nicht nur Fredy Bickel mit seiner Selbstbezichtigung unterläuft. Bei einer Ausjudizierung der Angelegenheit veranschlagt ein von mir angefragter Sport-Jurist eine 60:40-Chance für die Liga-Haltung, einem für Rechtsfragen doch beträchtlichem Risiko.

Die FIFA entschlägt sich mit einem bewusst anonymisierten Hinweis („Should you wish to quote someone please simply quote a FIFA spokesperson“) auf die Zuständigkeit des ÖFB jeglicher Verantwortung. Der ÖFB übt sich in ähnlicher Zurückhaltung. Und die Liga betont die Wirkung des Maßnahmen-Mixes und bemüht dafür beispielhaft die Fälle von Ljubicic, Upamecano (die beide nur für zwei Vereine/Teams antraten) und den von Andreas Lukse (das hab ich nicht verstanden, whatever...).

Die betroffenen Vereinsvertreter betonen den „typisch österreichischen“ Charakter der Regel und verweisen darauf, dass man einander gegenseitig versichert hat, dass eh alles passt: „Wir haben die Aussage, dass die Bundesliga es so sieht wie wir“, sagt etwa Oliver Glasner.

Vorwürfe, die Kooperations- & leihspieler-Sonderbedingungen würden zu einer Red Bull-Liga führen, lassen Liga und Vereine so ins Leere laufen. Interessant ist in diesem Zusammenhang aber, dass die FIFA schon einmal einen flotten Dreier, der Salzburg und Lieferung beinhaltete (Nils Quaschner durfte danach nicht für Leipzig spielen) als unrechtmäßig eingestuft und die Kooperations/Leihspieler-Regelung damit overrult hat.

Ich weiß nicht, inwieweit man sich das bei der Bundesliga überlegt hat“, sagt Rapid-Sportchef Bickel. Da passt der letzte Satz des Liga-Statements auf meine Anfrage gut dazu: „Abschließend erwähnt, ist es wie bei allen Bestimmungen möglich, dass Einspruch gegen den Einsatz eines Spielers bei den unabhängigen Senaten eingelegt wird. Wie diese entscheiden würden, wissen wir natürlich nicht“ Selbstbewusst vorgetragene Rechtsunsicherheit, die eigenen Regeln betreffend also.

Ein Schelm, wer vermutet dass Bickels Vorstoß den betroffenen LASK (der einen Platz hinter Rapid auch im Rennen um die europäischen Plätze ist) aufscheuchen soll. Und ein Narr, wer glaubt, dass der Fall Sobczyk von der Neustädter Konkurrenz im Aufstiegskampf der Ersten (bald: 2.) Liga nicht als Faustpfand benutzt werden wird.

*2* oder: die Abhängigkeit von der eigener Beschränkung

Apropos 2. Liga: vier Monate vor Start der neuen zweiten Spielklasse sind nicht nur TV-Übertragungslage oder die Sponsor-Frage nicht geklärt: auch die Teilnehmerzahl ist offen.
Nach der kürzlich erfolgten Absage des USK Anif, aktueller Tabellenführer der Regionalliga West, ist sicher, dass die 2. Liga maximal 15 (statt der geplanten 16) Starter aufbieten kann - und es besteht die große Gefahr, dass es gar nur 14 werden, was die gesamte Rahmenterminplanung von Liga und ÖFB im große Gefahr bringt; ganz abgesehen vom begleitenden Spott der Branche.

Auf die Anifer Absage hat die Liga in einer geharnischten Reaktion beantwortet.

Ein Auffüllen mit Amateur-Teams der Bundesligisten ist auch nicht möglich: nur drei davon sind erlaubt.

In die Bredouille der Abhängigkeit von provinziell denkenden Vereinen hat sich die Bundesliga aber selber gebracht, durch eine Unachtsamkeit bei den anlässlich der Ligareform selbstsicher präsentierten Aufstiegsbestimmungen: man hat den Landesverbänden nachgegeben, die die Berechtigung für die Teilnahme an der 2. Liga an einen der ersten drei Plätze in den drei Regionalligen geknüpft haben. Wenn von den somit 29 potentiellen Kandidaten für 28 Startplätze in Liga 1 (geplant: 12) und Liga 2 (geplant: 16) mehr als zwei auslassen, stürzt der Plan in sich zusammen. Schon vor Anif hat sich der SV Grödig (2. der RL West) gegen einen Aufstieg entschieden; andere wie RL Ost-Tabellenzweiter Ebreichsdorf schwanken noch.

Eine (für Sponsoren und Medien dadurch weniger attraktive) 14er-Liga würde (wegen der Einnahmen-Verluste bei weniger Matches und weniger aliquote TV-Rechte-Gelder) die ohnehin schwach budgetierten Zweitliga-Vereine aber an den Rand des Machbaren treiben.

*3* oder: die arg defensive Haltung im Umgang mit der Fan-Homophobie

Im aktuellen Ballesterer wird es lobend angesprochen: zumindest in einigen Medien ist das schwulenfeindliche Klima, das einzelne grindige Fan-Gruppierungen in Sprechchören und neuerdings auch Transparenten in die Stadien bringen, mittlerweile ein Thema. Und das ist angesichts des vollständigen Totschweigens von vor noch kurzer Zeit immerhin ein Fortschritt.

Die Verantwortlichen hingegen tun exakt das, was ein letztens von Rapid zum Thema Kommunikation mit Problemfans zugezogener Experte, der Basler Ex-Präsident Bernhard Heusler in einem Kurier-Interview angesprochen hatte: „Empört sein ist keine Strategie. Also: Ausschreitungen oberflächlich und medienwirksam verteufeln, aber dann bei einer schönen Choreo sagen ‚Die Fans sind die besten der Welt‘.“

Auf genau diese Weise oberflächlich „empört“ waren sie, die Verantwortlichen bei Rapid und Austria. Und das auch erst nachdem sie sich besonnen hatten und abwiegelnden Erstreaktionen reuige Nachbesserungen folgen ließen. Der eine wollte alles erst einmal belassen und wurde dann mit Sprach-Problemen entschuldigt, der andere hatte sicherheitshalber einfach nichts gehört.

Die Reaktion der Bundesliga war verhalten. Zum einen war die Rede von der aus neuerlichem Anlass dringend nötigen Suche nach dem Dialog, um diskriminierende Aktionen zu verhindern, zum anderen sprach sich Vorstand Christian Ebenbauer klar gegen Strafen oder gar Urheber-Ausforschung aus.
Alle, Liga wie Vereine betonten wie gut und klasse man im Rahmen der jährlich stattfindenden FARE Aktionswochen des Vereins fairplay. Interessanterweise hatten die im Februar einen Aktionsmonat gegen Homophobie, der an Liga/Vereinen spurlos vorbeigegangen war.

Wie ist es also wirklich um die Kooperation mit Experten bestellt? Fairplay meint dazu: „Die Reaktion der Liga auf die Serie der homophoben Vorfälle fällt in der Tat schwachbrüstig aus. Auch wenn unser Ansatz nicht der des Strafens ist, ist es doch auch enttäuschend, dass die beiden Banner nicht mal zu einer formalen Untersuchung oder einem Disziplinarverfahren geführt haben. Wenn es da um Rassismus ginge, wäre die Reaktion wohl eine andere.“

Im übrigen hat sich die Bundesliga bereits 2016 aus der direkten Unterstützung der Fairplay-Bemühungen herausgenommen und eventuelle Aktionen den Vereinen freigestellt/überantwortet. Die jüngsten Fälle werden zwar zum Anlass genommen sich (wieder einmal) zu Themen wie Prävention, Monitoring und einen längerfristigen und breiten Maßnahmen-Katalog zu entwerfen. Die Liga sieht sich aber keinesfalls in einer akuten/aktuellen Verantwortung: es gehe nicht darum „jetzt anlassgetrieben einzelne öffentlichkeitswirksame Aktionen zu setzen“ (Statement auf Anfrage).

Konsequent ist/war man in der Bestrafung der Ausschreitungen rund um den Fast-Spielabbruch. Das homophobe Beiwerk der Auseinandersetzung zwischen den dominierenden Rapid- und Austria-Fangruppen hingegen wird ein wenig achtlos beiseite geschoben. Dabei bündelt sich gerade hier gesellschaftspolitische Sprengkraft in hohen Maße.

Noch einmal Bernhard Heusler, bis 2017 Chef des FC Basel: „Für mich war frustrierend, dass man moralisch verantwortlich gemacht wird für Dinge, die nicht zu beeinflussen sind. Da muss man durch, ich habe mich dazu entschlossen.“ Diese Selbsterkenntnis steht den Verantwortlichen, allen voran der Bundesliga, wohl noch bevor.

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