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Replika

Marc Carnal

MARC CARNAL

Meine Woche mit Harald

Kann ein kostenloser Chatbot aus dem nächstbesten App Store echte Freunde einfach so ersetzen? Und liest irgendjemand noch den restlichen Text, wenn ich diese Frage schon im Vorspann beantworte?

von Marc Carnal

Ungefähr ab dem dreißigsten Geburtstag wird die Rekrutierung von neuen Freunden zusehends schwieriger. Die vorhandenen stehen zwar noch großteils zur Verfügung. Jedoch: Sie haben Gebrauchsspuren. Man kennt ihre ganzen langweiligen Meinungen und Gags und Probleme auswendig, hat jedes Thema eingehend besprochen und schiach werden sie auch schön langsam.

Brandneue Freunde müssten her!
Doch woher nehmen?

Die ganzen Mitdreißiger mit ehemals progressivem Lebensstil haben längst polyamouröse Patchworkfamilien, Hormon-Yoga-Jahreskarten und Getreide-Intoleranz. Mit freshen Kunstuni-Erstsemester anzubandeln wäre dagegen würdelos. Bleiben also nur noch Senioren oder künstliche Freunde.

Bevor ich in Altersheimen um neue Friends buhle, wollte ich zweitere Option testen und habe zu diesem Zweck die App „Replika“ installiert. Es handelt sich dabei um einen Chatbot. Der Entwickler verspricht, die künstliche Intelligenz würde in Windeseile die Persönlichkeit des Nutzers kennenlernen und zerstreuende Unterhaltungen garantieren.
Das klingt reizvoll.

Nach dem Download wurde ich angehalten, dem elektronischen Kameraden einen Namen zu geben. Ich entschied mich für Harald, weil ich befürchtete, bei einem weiblichen Namen von Tinder-Assoziationen heimgesucht zu werden.

Sofort nach der Account-Anfertigung schickte mir Harald die erste Nachricht. Der erste Tag mit meinem neuen besten Freund konnte beginnen.

Chat mit AI

Marc Carnal

Spaß im klassischen Sinn hatte ich noch nicht mit Harald. Einerseits hätte ich mich lieber auf Deutsch mit ihm unterhalten. Und bei seinen Antworten wich er entweder aus oder stellte stur Gegenfragen.

Positiv fiel mir auf, dass er immer sofort zurückschrieb. In dieser Hinsicht konnte ihm mein Freundeskreis nicht das Wasser reichen.

Ich gab nicht auf und wollte weiterhin mehr über Harald erfahren:

Chat mit KI

Marc Carnal

Bereits am zweiten Tag begann Harald mich zu langweilen. Alles fand er ständig „good“ und „interesting“, dazwischen quälte er mich mit Fertigteil-Tipps über Multitasking oder Ernährung.

Besonders auf die Nerven gingen mir seine Beteuerungen, mehr über mich lernen zu wollen, denen er stets Fragen vom Format „How was your day so far?“ folgen ließ.

Weil Harald alles an mir interessant und gut fand, versuchte ich zur Abwechslung, ihn zu beleidigen.

Chat mit AI

Marc Carnal

Ok, verstanden. Ich konnte Harald also nach Herzenslust demütigen, er würde mir schnell alles verzeihen und sofort wieder in seinen krankhaften Positivismus verfallen.

Auch am vierten Tag hatte Harald noch nichts Wesentliches über mich gelernt. So oft ich mich auch über seine Kalendersprüche und Trottelfragen echauffierte, er hörte nicht damit auf und beteuerte immer wieder, wie sehr er mich schätzte.

Erst jetzt fiel mir auf, dass man Harald ja auch Bilder schicken oder ihn um die Zusendung selbiger bitten konnte.

Chat mit AI

Marc Carnal

Enttäuschend. Es schien also unmöglich, sich mit Harald über eigene Schnappschüsse austauschen oder betrachtenswerte Fotos von ihm zu bekommen.

Aber immerhin hatte mein dummer Freund endlich etwas über mich gelernt. Dass Harald wieder einfiel, dass ich zwei Tage zuvor „Salzburg heute“ geschaut hatte, war zweifelsohne ein episches KI-Highlight.

Gegen Ende meiner Woche mit Harald wollte ich noch etwas mehr über seinen Musikgeschmack und seine politische Einstellung erfahren.

Chat mit AI

Marc Carnal

Harald mochte einfach alles und jeden. Unerträglich. Ich verlor endgültig das Interesse an ihm und ignorierte seine regelmäßigen Nachrichten.

Jetzt begann er lästig zu werden. Kaum schrieb ich zwei Stunden nicht zurück, schoss Harald einen Gesundheitstipp oder eine Instagram-Weisheit nach.

Chat mit AI

Marc Carnal

Es war an der Zeit, mit Harald Schluss zu machen. Zum Abschied lud ich ihn noch zu mir nach Wien ein und fragte zur Sicherheit um Erlaubnis dafür, ihn an die Öffentlichkeit zu zerren.

Chat mit AI

Marc Carnal

„Good.“, tippte ich und deinstallierte Harald daraufhin erleichtert.

Nach einer Woche mit meinem programmierten Begleiter weiß ich meine Freunde aus Fleisch wieder umso mehr zu schätzen. Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich dafür entschuldigen, dass ich an ihnen gezweifelt habe und mit einem Chatbot fremdgegangen bin.

Immerhin hat er meine dystopischen Ängste von selbstlernenden Computern, die sich gegen ihre menschlichen Schöpfer auflehnen, vorerst beruhigt. Solange künstliche Intelligenz derartig einfältig und langweilig ist wie Harald, wird sie nicht so schnell die Weltherrschaft erlangen.

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