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Portraitfoto der österreichischen Autorin Marie Gamillscheg

© Leonie Hugendubel

Risse in der Erde und der Seele

Ein ausgehöhlter Berg überschattet ein ehemaliges Bergbaudorf. Mit dem drohenden Zusammenbruch erzittert auch der Lebensalltag der Menschen in Marie Gamillschegs Debüt „Alles was glänzt“.

Von Andreas Gstettner-Brugger

Ein kleines Dorf irgendwo in Österreich. Es liegt im Schatten eines großen Berges, der der gesamten Einwohnerschaft Arbeit und Leben ermöglicht hat. Bis vor Kurzem wurde hier noch Erz abgebaut, heute sind die Stollen einbruchsgefährdet und selbst das kleine Bergbaumuseum mit seinem Märchen über die Entstehung des glänzenden Gesteins, ist geschlossen. Der rote Knopf funktioniert nicht mehr, der für Licht und Funkeln gesorgt hat.

In dieses geisterhafte Städtchen kommt Merih, der von der großen Stadt geschickte Regionalmanager, der den Auftrag hat, das Dorf zu beleben und ein neues Wohnprojekt zu starten. Doch die Dorfbewohner leiden unter der Schließung des Bergbaus und unter dem plötzlichen Tod von Martin, einem Jungen, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Außerdem zeigen sich in der Erde außerhalb des Orts größer werdende Risse, die auf einen Einsturz des Berges hindeuten. Im Schatten dieser Bedrohung versuchen die Bewohner weiterzuleben wie bisher. Ob der junge Merih das Leben der Bewohner zum positiven verändern kann, bevor alles zusammenbricht?

„Man stellt sich einen großen Knall vor. Oder es passiert ganz leise. Ein Rauschen, wie eine Welle, die ins Tal schlägt. Das man zuerst hört, dann sieht. Ein Rauschen, das man sehen kann!“

Die Natur als Spiegel

Marie Gamillscheg hat einen großartigen und vielschichtigen Debütroman geschrieben. In knappen Sätzen spürt sie dem Leben ihrer Figuren in einem Ort nach, der dem Untergang geweiht zu sein scheint.

Buchcover "Alles was glänzt" von Marie Gamillscheg

Luchterhand Verlag

Marie Gamillschegs Debüt „Alles was Glänzt“ ist im Luchterhand Verlag erschienen. Die Autorin liest bei den Wortspielen 14 am 23.3. im Wiener Porgy&Bess.

Sie lässt uns durch den ehemaligen Berwerksarbeiter Wenisch daran teilhaben, was es heißt, seine sinnstiftende Arbeit zu verlieren und mit den gesundheitlichen Auswirkungen schwerer Bergarbeit konfrontiert zu sein. Die Enge und die Begrenzungen des Dorflebens erfahren wir durch Teresa, die im Klavierspielen ihren Ausweg sucht und sich in die große Stadt träumt. Dem gegenüber steht der Regionalmanager Merih, der gerade in dem dörflichen Leben die Chance eines Neubeginns wittert.

Durch diese multiperspektivische Erzählweise schafft es Marie Gamillscheg, ein sehr emotionales Mosaik entstehen zu lassen, in dem sich Sorgen und Ängste eines gesellschaftlichen Strukturwandels ebenso spiegeln wie klischeehafte Träume über das Stadt- und Landleben. Der ausgehöhlte Berg ist dabei das Sinnbild für eine von der Natur entkoppelten Gesellschaft, die sich ihre existentielle Bedrohung selbst erschaffen hat. So sind die Risse in der Erde auch die Risse in der Seele der Dorfgemeinschaft. Zusätzlich ist das Spiel mit dem drohenden Zusammenbruch des Berges, der alles unter sich begraben könnte, ein cleveres Element, um die Spannung bis zur letzten Seite zu halten.

Trotz all der Schwere der Themen hat Marie Gamillscheg es geschafft, immer wieder die kleinen Momente des Glücks und der Schönheit zu beleuchten. Sie durchziehen das ganze Buch mit einem glänzenden Hoffnungsschimmer. Durch diese sehr fein aufgebaute Vielschichtigkeit ist dieser Debütroman sehr nah am wirklichen Leben.

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