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Szenen aus dem Film "The Woman Who Left" von Lav Diaz

Filmgarten

Keiner versteht das Leben wirklich

Rache oder Vergebung? Der philippinische Filmemacher Lav Diaz erzählt in „The Woman Who Left“ von den zwei, ja gar drei Gesichtern einer Frau.

Von Maria Motter

Wenn Lav Diaz einen neuen Film fertiggestellt hat, fragt sich mancher Kritiker, ob der überhaupt gezeigt werden kann. Denn der philippinische Regisseur ist bekannt für Werke mit epischen Spiellängen und er ist ein Festivalliebling.

643 Minuten spannt sich das monumentale „The Evolution of a Filipino Family“ (und war 2005 auf der Viennale zu erleben). Zum Vergleich: Zehn Stunden Flugzeit reichen nicht, um von Wien nach Manila zu gelangen, doch einen weiteren Film Diaz’ später wäre man gelandet: Fünfeinhalb Stunden dauert „From What Is Before“ (ausgezeichnet mit dem Goldenen Leoparden von Locarno, 2014), „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“ dauert acht Stunden (und gewann den Alfred-Bauer-Preis der Berlinale 2016) und der im selben Jahr erschienene „The Woman Who Left“ knapp vier Stunden (und ist der Goldene Löwe der 73. Internationalen Filmfestspiele von Venedig 2016).

Szenen aus dem Film "The Woman Who Left" von Lav Diaz

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Lav Diaz

30 Jahre unschuldig in Haft

Es ist 1997, Hongkong wird nach mehr als 100 Jahren britischer Herrschaft in die Unabhängigkeit entlassen und in einem philippinischen Gefängnis gratuliert eine Justizbeamtin einer Frau namens Horacia zu deren Entlassung. Seit dreißig Jahren ist Horacia wegen Mordes inhaftiert, jetzt erfährt sie mit verdutztem Gesicht, dass sie gehen kann. Eine andere, ausgerechnet ihre Freundin, habe den Mord gestanden und ihr Fall sei damit hinfällig. Die Nachricht überrascht Horacia, die Lehrerin hatte sich in ihrem Leben im Gefängnis bei Feldarbeit und Unterricht für andere eingefunden.

Die ersten eineinhalb Stunden von „The Woman Who Left“ ist die Hauptfigur (verkörpert von der Produzentin und Schauspielerin Charo Santos) scheinbar verloren in der Freiheit unterwegs. Die Traurigkeit über die verlorenen Jahre spiegelt sich in der Langsamkeit der Tage, die keinen Alltag ergeben wollen. In ihrem einstigen Zuhause erfährt sie, dass ihr Mann verstorben und ihr Sohn verschollen ist. Ihren Landbesitz übergibt sie zum Verkauf und dann nimmt sie einen Bus, gerade mal drei Taschen schulternd.

Szenen aus dem Film "The Woman Who Left" von Lav Diaz

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Retterin oder Rächerin?

Das üppige Grün der Philippinen wird man in diesem Film nicht sehen, denn Lav Diaz hat sich erneut für eine streng in Schwarzweiß gehaltene Optik entschieden. Doch man hört die Vögel und die Insekten, man spürt das grelle Sonnenlicht regelrecht. In langen Totalen nimmt die Handlung sehr langsam schließlich ihren Lauf. Plötzlich ist da der Rachegedanke, als Horacia erfährt, wer hinter dem Mordkomplott steckt.

Drehbuch, Regie, Kamera und Schnitt - alles hat Lav Diaz in seinen Händen. „The Woman Who Left“ ist fotografiert wie ein Fotoband, wunderschön hält er das Straßenleben in Manila fest, doch eine Düsternis zieht sich durch die zweite, wesentlich spannendere Hälfte des Films. Wie gut für alle, die zuvor einmal weggenickt sind. Für „The Woman Who Left“ empfiehlt sich, sehr ausgeschlafen ins Kino zu gehen. Denn Schwarzweiß, Untertitel und die Dunkelheit eines Kinosaals können Sekundenschlaf bei Sekundenerzählungen verursachen. Ab der Hälfte droht keine Einschlafgefahr mehr. Die Wellblechhütten sind mehr Verschläge als Häuser, die Armen organisieren sich in einem System aus Geben und Nehmen und Horacia, die zuvor ihrem Schicksal ergeben agierte, beginnt zu handeln. Und wieder wird ein Mord begangen werden und immer wieder dringen Radionachrichten ins Bewusstsein, die von vielfachen Entführungen berichten.

Szenen aus dem Film "The Woman Who Left" von Lav Diaz

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In einem unbekannten Land

Überhaupt: Was weiß man über die Philippinen? Sieht man nur einen Film von Lav Diaz, hat man den Eindruck, der Handlung zu folgen und doch stets einen gewaltigen Teil der Geschichte nicht zu erfassen. Hat man mehrere seiner Arbeiten gesehen, erschließt sich die Dimension der gewaltvollen Geschichte seines Heimatlandes.

300 Jahre hindurch regierten verschiedene Kolonialherren auf jenen Inseln, die heute zu den Philippinen zählen. 1946 von den USA in die Unabhängigkeit entlassen, hat der junge Staat mit Korruption und Machtmissbrauch zu kämpfen. 1965 wird Ferdinand Edralin Marcos zum Präsidenten gewählt, kein Jahrzehnt später ist er ein Militärdiktator, der Tausende foltern ließ und erst 1986 durch einen Volksaufstand gestürzt wird. Der Marcos-Clan beraubte das Land.

Die angeblich 3.000 Paare umfassende Schuhsammlung der Diktatoren-Ehefrau wird gern als mildes Beispiel kolportiert, ein Teil davon ist in einem Museum ausgestellt. 7.000 Tonnen Gold habe ihr Mann besessen, führte sie in Interviews an. Gegen das politische Engagement des Sohnes Ferdinand Jr. Marcos machten Folteropfer mobil. Erst im Vorjahr erhielten 4.000 Menschen, die unter der Diktatur litten, finanzielle Entschädigung - mit Geld, das auf Schweizer Konten Marcos sichergestellt worden war. Immer wieder verweist der Regisseur Diaz auf die Schreckenszeit des Regimes Marcos’.

Szenen aus dem Film "The Woman Who Left" von Lav Diaz

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Die Philippinen sind mit 85 Millionen Katholiken (von geschätzt 106 Millionen EinwohnerInnen) das größte mehrheitlich katholische Land Asiens. Ein Motiv, das sich auch in „The Woman Who Left“ findet. Tagsüber sucht Horacia immer wieder Kirchen auf. Des Nächtens begegnet Horacia einer Transgender-Prostituierten, deren Verhängnis sie werden wird.

Im nächsten Film wird gesungen

Der Ausgangspunkt für die Geschichte um Horacia war eine Erzählung Tolstois - „Gott sieht die Wahrheit, sagt sie aber nicht sogleich“. Lav Diaz hatte die Geschichte vor Jahren gelesen. „Ich kann mich aber erinnern: was mich damals beim Lesen wirklich getroffen hat, war die Erkenntnis, dass niemand von uns wirklich das Leben versteht. Wir wissen nichts. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse unserer Existenz. Oder – das können vielleicht mehr Leute verstehen – dass unsere Taten Konsequenzen haben. Und noch häufiger, dass wir den Zufällen des Lebens unterliegen und sie aushalten müssen.“

Wenn jetzt „The Woman Who Left“ in den österreichischen Kinos anläuft, könnte man diese Gelegenheit nützen und in das Universum des Lav Diaz eintreten. Denn dessen jüngster Spielfilm ist eine „Rockoper“, wie Diaz „Season of the devil“ nennt - eine mit Songs wie ein Musical aufbereitete Gangstergeschichte um die Entführung einer Ärztin durch Milizen in den 1970ern, die sich im Kino auch als ein Ausnahmezustand gestaltet. Allerdings als ein durchaus willkommener!

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