FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

Crush

Gabriel Hyden

soundpark act des monats

Die Lüge, so klingt sie gut

Die Grazer Band Crush veröffentlicht mit „Sugarcoat“ ihr Debutalbum. Es ist nicht nur süß. Unser FM4 Soundpark Act im April.

Von Lisa Schneider

Ständig und überall Selbstbetrug, obwohl man es besser weiß, und es eigentlich besser machen will. Der neue Job ist eh toll, ja, eh, der neue Freund ist eh der Liebste, ja, eh.

Crush Cover Album "Sugarcoat"

Numavi Records

„Sugarcoat“ heißt das Debutalbum von Crush, es erscheint via Numavi Records. Wolfang Möstl hat produziert.

„Sugarcoat“ nennen Crush aus Graz ihr Debutalbum, nach dem Verb „to sugarcoat“, auf Deutsch mit „beschönigen“ übersetzt. Dabei hört sich der zuckrige Mantel in erster Linie sehr süß an: Es ist lässiger DIY-Dreampop in seiner am wenigsten dunklen Form, der sich die langgezogenen Gitarrenklänge und Hall-Schallausflüge von Shoegaze und New Wave borgt, zum Kopfwippen, zum Dahin- und Abdriften in eine Welt aus leicht wirren Gedanken, weichen Polstern, Zuckerwatte. Was hat das alles also mit Beschönigung zu tun?

Von Anfang an

Crush formieren sich 2015, die Band besteht aus fünf Mitgliedern, alle aus Graz: Christina Lessiak, Christian „Cis“ Lach, Florian Kolar und die Schwestern Katrin und Verena Borecky.

Wie es im Grazer Dunstkreis üblich ist, kennt man sich, hat schon vorher in gemeinsamen Bands gespielt, bis es schließlich wieder in den Fingern kribbelt, etwas Neues muss her.

Christina, kurz Tina, die sich mittlerweile um Texte, Gesang und Melodiestrukturen von Crush kümmert, wird als letzte ins Boot geholt. Zuvor war sie - und ist sie noch - mit ihren „sentimental riot girl“-Kolleginnen unterwegs, Maneki Nekoč heißt die Band, klingt nach melodramatischem Pop, Sad Core. „Ich verlier mich manchmal gern im Drama, das kann schon schnell auch zu weit gehen. Die Band Crush hält mich oft, und gut, zurück. Auch wenn es auf „Sugarcoat“ hauptsächlich um die Liebe, ums Verliebt-Sein, ums Herzen-Brechen geht, ist es keine - oder jedenfalls nicht nur - übersentimentale Angelegenheit.“

Zerkratzt die Oberfläche

Der angesprochene Sugarcoat ist die Metaebene, unter dem sich noch vieles mehr aufschichtet: „Unsere Musik klingt oft sehr süß, sehr lieb. Aber wenn man genau hinhört, sich etwas vorstellen kann, merkt man, dass es um mehr geht.“

Im Song „Body And Mind“ hört man folgende Zeile: „I’m so unsure if I lie to myself or to you“, und die fasst die Essenz des Albums zusammen: Wer war ich in der Situation vor einem Monat, vor einem Jahr, beim Fällen dieser Entscheidung? Wieso würde ich mich jetzt ganz anders entscheiden? Ganz einfach deshalb, weil die Gegenwart anders ist, man sich weiterentwickelt hat, die Welt eine andere, und der Mensch an sich kein rationales Wesen ist. Klingt logisch, ist es auch; Crush legen diese Theorie des ständigen Entwicklungsprozesses schließlich auf ihre Musik um. „Ein Album ist niemals fertig“ - der schöne Satz, der unter anderem auch die Metallica-Doku „Some Kind Of Monster“ prägt.

Crush und Wolfgang Möstl

Crush

Crush gemeinsam im Studio in Graz, Wolfang Möstl ist Produzent und Fan.

Ein endloses Spiel

Demnach kann ein Song immer überarbeitet, eine Zeile immer weitergedacht werden. In diesem Sinn müsste die Musikgeschichte ständig neu geschrieben, umgeschrieben werden. Crush holen sich diese Möglichkeit in ihren Mikrokosmos Band: der Song „Damaged Goods“ hat schon ihre Debut-EP betitelt, ein Song über das herausgerissene Herz, die Sehnsucht nach Harmonie, des Zurückholens der schönen, der perfekten Momente. Auch aber ein Song über das Nicht-loslassen-Können, das Zurück-Wollen. Als Tina Lessiak nach einigen Monaten noch einmal den Text liest, ist ihre Reaktion auf die erlebte Situation eine andere, sie ist eine andere, und sie denkt anders. Also schreibt sie auch die Zeilen um, für eine neue Version von „Damaged Goods“ am Debutalbum.

Statt

Tonight if you would kiss me
if only you would kiss me
I know I wouldn’t let you go
I would forget the treason
I would forget the reasons
why I should let you go

heißt es jetzt

tonight I could kiss you
if only I would miss you
I know why I let you go
I won’t forget the treason
I won’t forget the reasons
why I should let you go

Hier will niemand mehr zurück, das Erlebte ist nicht vergessen, schon gar nicht vergeben. Der Zuckermantel, er streift höchstens noch um die Hooks, um die schöne Melodie, nicht mehr aber um den Inhalt. Nicht immer verändern Crush in ihren Texten die Selbstlüge hin zur Wahrheit, im Song „Jellyfish, Clams, Whales“ etwa - der bald als nächste Single veröffentlicht wird - steht eine tragische Figur im Zentrum, die weiß, dass sie an dem Ort, an dem sie sich befindet, ihr Träume nie umsetzen wird. Sie weiß es, aber sie ändert nichts daran. Ein trauriges Hoch auf die Fähigkeit, sich selbst zu belügen, um nach außen hin ja das korrekte Bild davon aufrechtzuerhalten.

I might be safe here
but the sea is still far away
I stayed at the beach to realize
jellyfish, clams, whales come here to die
they just come here to die

Von Selbst- und Bühnenwahrnehmung

Crush haben vor kurzem gemeinsam mit Gabriel Hyden in der Wiener Lobau ein Video zur Single „Blue Colored“ gedreht.

Als sie die Aufnahmen das erste Mal gesehen haben, haben sie sich als die Figuren, die sie darstellen, nicht sofort wiedererkannt; es ist das, was Performance, das In-Rollen-Schlüpfen, mit sich bringt. Die Frage nach der eigenen Identität zieht sich wie ein roter Faden durch das Schaffen der Grazer Band, und trotzdem, auf der Bühne, live, wissen sie genau, wer sie sind: „Wir erfinden keine Charaktere, in die wir uns verwandeln, wenn die Lichter angehen. Wir wollen einfach unsere Musik spielen, wir sind da oben ganz genau so wie im normalen Leben auch“, erzählt Bassistin Verena Borecky.

CRUSH LIVE

31.3. Wiener Neustadt / Triebwerk
1.4. Wolfsberg / Container 25
7.4. Zagreb / Klub Močvara
27.4. Graz / Forum Stadtpark
28.4. Wien / Café Stadtbahn
19.5. Oberwart / OHO
22.6. Linz / KAPU

Das macht Crush nicht nur zu sympathischen Menschen, sondern auch zur aparten Band. Auch das ist der Jetztstand, die Gegenwart eine Momentaufnahme; wie und ob sich für Crush in Zukunft eine Trennung von Bühnenfigur und Privatleben ergeben muss und wird, werden Zeit, Einfluss und Reichweite ihrer Musik bestimmen.

Karl Ove Knausgard schreibt in seinem eben veröffentlichten neuen Buch „Frühling“: „Aber vielleicht waren das nur Rechtfertigungen, etwas, was ich mir einredete, um mich zu trösten. Denn so ist es doch, wir übertünchen unsere Fehler und Mängel und erfinden Geschichten, die sie für uns zu etwas Vorteilhaftem verändern. Selbstbetrug ist das vielleicht Menschlichste überhaupt.“

Das Menschlichste haben Crush zu Musik gemacht; die Lüge, so klingt sie gut.

Aktuell:

Werbung X