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Käthe Sasso im FM4 Doppelzimmer

Pamela Russmann

FM4 Doppelzimmer

„Ich lasse mich nicht brechen“

Käthe Sasso war 15 Jahre alt, als sie sich dem politischen Widerstand gegen das Naziregime anschloss. In einem FM4 Doppelzimmer am Ostermontag erinnert sich die heute 92-jährige überzeugte Antifaschistin an feige Denunzianten, 14 Wochen Einzelhaft und an Wien in den Nachkriegsjahren.

FM4 Doppelzimmer mit Käthe Sasso und Elisabeth Scharang

Am Ostermontag, 2. April 2018, von 13 bis 15 Uhr auf Radio FM4. Anschließend für 7 Tage im FM4 Player und im FM4 Interview Podcast.

Käthe Sasso steigt vorsichtig die Stufen hoch zum Eingang ins Funkhaus. Es ist eisig kalt an diesem Tag. Mit der Pelzmütze auf dem Kopf sieht sie aus wie eine elegante Russin auf einem Schwarz-Weiß-Foto, Moskau 1963. „Ich lasse die Mütze auf, ich bin nicht mehr dazu gekommen, zum Friseur zu gehen.“ Käthe Sasso lacht und hängt sich bei mir unter. Kaum zu glauben, dass diese agile Frau mit wachem Blick tatsächlich 92 Jahre alt ist.

1926 in Wien geboren verbringt Käthe die Jahre, bevor sie zur Schule geht, in einem kleinen Dorf im Burgenland. Ihre Großmutter spricht Kroatisch und Deutsch und sie ist für Käthe mehr als ein Zuhause. Als die Eltern die kleine Tochter nach Wien zurück holen, weil sie dort zur Schule gehen und gscheit Deutsch lernen soll, ist das Heimweh nach der Großmutter und dem Dorf groß. Und wann immer es geht, steigt Käthe in den Bus und fährt zu ihrer Großmutter aufs Land.

Käthe Sasso im FM4 Doppelzimmer

Pamela Russmann

„In der Wohnung meiner Eltern war der politische Widerstand zu Hause“

„Mein Vater hat als Sozialdemokrat schon im Februar 1934 gegen die Austrofaschisten gekämpft und ist im Zuge dessen verhaftet worden. Beide Eltern waren nach 1938 Mitglied der Widerstandsgruppe ‚Gustav Adolf Neustadl‘. Für mich war das Alltag, ich hab das alles hautnah mitbekommen. Ich hab auch als 12-jährige gewusst, was Hitler für uns alle bedeuten wird. Im März 1938, nach dem Anschluss, war meine Schule zwei Tage lang zugesperrt. Danach sind die jüdischen Schülerinnen und Schüler nicht mehr zum Unterricht erschienen.“

1940 wird Käthes Vater eingezogen, er muss in den Krieg. Die Mutter führt die politische Arbeit weiter, obwohl sie bereits schwer krank ist: Die Gruppe unterstützt Familien von inhaftierten und hingerichteten Widerstandskämpfer*innen mit Lebensmitteln und druckt und verteilt Flugblätter gegen die Diktatur des Naziregimes. Darauf stand die Todesstrafe.

„Ich wusste, dass eines Tages die Gestapo vor der Tür stehen wird“

„Ich war erst 15 Jahre alt, als meine Mutter bei uns zu Hause gestorben ist. Nach ihrem Tod hab ich alleine weiter gemacht. Die Mitglieder der Widerstandsgruppe kannten mich ja und sie hatten Vertrauen zu mir.“

2.700 österreichische Männer und Frauen sind als politische Häftlinge von den Nazis hingerichtet worden. Allein 1.200 im Wiener Landesgericht. Viele wurden von den eigenen Nachbarn an die Gestapo ausgeliefert. 1942 steht die Gestapo auch vor Käthes Tür. „Wir wussten, dass wir einen Spitzel in der Gruppe hatten, aber wir wussten nicht, wer es ist. Die Gestapo hat alle aus unserer Gruppe mitgenommen und verhört. Ich war mit zwei anderen jungen Frauen inhaftiert, die aus dem kommunistischen Widerstand waren. Zwei Freundinnen, 18 Jahre alt. Beide sind hingerichtet worden.“

„Tag und Nacht Licht in der Zelle, und diese schreckliche Einsamkeit“

Käthe sitzt 14 Wochen in Einzelhaft. Aus ihrer Zelle im vierten Stock muss sie die Hinrichtung ihrer Mitstreiter*innen miterleben. „Aber ich habe der Gestapo nichts verraten. Ich habe keinen einzigen Namen gesagt. Ich habe alles meiner Mama untergeschoben, die ja schon tot war. Und weil ich erst 16 Jahre alt war, haben sie mich nicht zum Tode verurteilt.“ Käthe wird in ein Arbeitslager deportiert und landet schließlich im Konzentrationslager Ravensbrück.

„Ich habe im KZ nur ein Mal aufgeben wollen, als die Nazis eine Gruppe von Kindern, die wir in Sicherheit glaubten, ins Gas geschickt hat“

„Ab 1945 kam es regelmäßig zu Selektionen, bei denen ältere und arbeitsunfähige Frauen ausgewählt wurden. Die wurden dann ins Vernichtungslager Uckermark gebracht und dort vergast. Um diese Frauen zu retten, haben wird versucht, deren Alter zu vertuschen. In der Waldkolonne, da gab es Österreicherinnen“, erinnert sich Käthe Sasso, „die haben Ravensbrück mit aufbauen müssen. Und die haben uns geholfen, harte Rinde von alten, kaputten Eichen ins Lager zu schmuggeln, keine Unmengen, aber doch genug.“ Die Rinde wurde mit einem Stein zerrieben und mit Margarine, die sie nur selten bekamen und immer aufbewahrten, vermischt.

Durch ein gut organisiertes Netzwerk unter den politischen Häftlingen erfuhren die Frauen rechtzeitig, wann es zur nächsten Selektion kam, und konnten so den betroffenen Frauen rechtzeitig mit dieser Mixtur die Haare färben. Durch diesen Trick gelang es, einige Mitkämpferinnen zu retten, darunter Leopoldine Sasso, die mit ihren 50 Jahren schon schlohweiße Haare hatte, die Mutter von Käthes späterem Mann. „Trotzdem war das für uns kein Grund zur Freude, denn wenn sie bei uns nicht genug Alte und Kranke gefunden hatten, haben sie diese woanders gesucht, die Zahl hat eben stimmen müssen.“

„Nach dem Krieg bin ich den alten Denunzianten wieder begegnet“

Käthe Sasso kann während des Todesmarsches Richtung Bergen-Belsen fliehen, sich in einer Kirche verstecken und schließlich bis nach Wien durchschlagen. Sie trifft dort nach dem Krieg ihren Vater wieder und heiratet 1946 den Widerstandskämpfer Josef Sasso, der einer der wesentlichen Belastungszeugen im Prozess gegen Stephan Rojko war. Rojko galt als der „Henker von Theresienstadt“.

FM4 Doppelzimmer mit Käthe Sasso und Elisabeth Scharang

Am Ostermontag, 2. April 2018, von 13 bis 15 Uhr auf Radio FM4. Anschließend für 7 Tage im FM4 Player und im FM4 Interview Podcast.

Von ihrer Rückkehr nach Wien und ihren Begegnungen nach 1945 erzählt Käthe Sasso nicht viel Gutes. Sie ist einigen von denen wieder gegenübergestanden, die sie gedemütigt, geschlagen und verpfiffen hatten. Die Liederbücher, die immer noch aus den Schubladen manch schlagender Burschenschaft in diesem Land gezogen werden, räumen endgültig mit der Hoffnung auf, dass die alten Nazis einfach aussterben. Rassistische, antisemitische, frauenfeindliche, xenophobe Haltungen sterben nicht aus; sie wachsen, wenn man den Boden dafür bereitet.

Seit den 1990er Jahren ist Käthe Sasso als Zeitzeugin an Schulen. Ihre Message: „Verteidigt eure Freiheit und die Demokratie!“

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