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Schriftzüge von Facebook und Cambridge Analytica

APA/AFP/Daniel LEAL-OLIVAS

Erich Möchel

Leaks zeigen, wie Wahlmanipulation via Facebook funktioniert

Die Desinformationskampagnen benutzen dieselben Methoden und Taktiken, die der Spindoktor Tal Silberstein auch in Österreich eingesetzt hatte. Dazu kommt eine mächtige Software zur Koordination gezielter Wahlmanipulation.

Von Erich Möchel

Wie aus den Dokumenten zweier Whistleblower hervorgeht, hat die Konzernmutter von Cambridge Analytica SCL bereits seit 2002 systematisch Wahlen in Indien und dann in afrikanischen Staaten manipuliert. Das Kernangebot des britischen Unternehmens SCL ist ja „Einflussnahme auf das Wahlverhalten“. Die Dokumente zeigen, mit welchen, teils offen illegalen Praktiken das Geschäft moderner „Spin Doctors“ wie Tal Silberstein funktioniert.

Desinformationskampagnen unter falscher Flagge spielen dabei eine zentrale Rolle, und Facebook ist als Instrument dafür geradezu prädestiniert. Zur Erfassung von anfälligen Bevölkerungsgruppen benutzt man herkömmliche demographische Methoden. Für die Kampagne selbst bietet das umfangreiche SCL-Softwarepaket Module für computergenerierte Telefonanrufe, Spamkampagnen von SMS bis zu Messengerdiensten, Management von Trollarmeen und vieles mehr.

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SCL

Aus einer geleakten Firmenpräsentation von SCL. Das Hauptfeature dieses Kampagnentools für „Unterstützer und Freiwillige“ in Sozialen Netzwerken steht schon im Titel „Social Blasts“. Für explosive Verbreitung sorgen Trollarmeen. Alle Wylie-Dokumente auf der Website des britischen Parlaments

Aktuell dazu in ORF.at

Am Wochenende wurde bekannt, dass auch die deutsche Post 2017 massenhaft Datensätze unbekannter Qualität an CDU und FDP verkauft hat.

Die Wahlmanipulation in Nigeria als Muster

Laut den Unterlagen von SCL wurde die Firma für Wahlen in Nigeria 2011 auf Seiten des späteren Präsidenten Goodluck Jonathan engagiert. Dabei zielte man weniger darauf ab, die Anhänger des populären Herausforderers General Mohammed Buhari umzustimmen; erklärtes Ziel der SCL-Kampagne war, diese Wählerguppen von der Stimmabgabe überhaupt abzuhalten. An deren Daten kam man zum Teil über Facebook, weitere, große Datensätze wurden von nigerianischen Datenhändlern zugekauft. Dann begann das Microtargeting mit verdeckten Kampagnen, die sich allein gegen die Wahlen per se richtete.

Bestochen und instrumentalisiert wurden lokale Stammesführer und andere Würdenträger, am Ende wurden in den Hochburgen von Buhari sogar Demonstrationen gegen die Wahlen überhaupt von den SCL-Spindoktoren organisiert. Jonathan gewann die Wahl und setzte die versprochene Privatisierung des nationalen Energieversorgers um, denn dafür hatte ein reicher nigerianischer Geschäftsmann die SCL-Group engagiert. Die vier Jahre der Regierung Jonathan gelten mittlerweile als die korruptesten Phase der jüngeren nigerianischen Politik.

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SCL

In Indien verfügt die SCL-Group bereits über zehn Niederlassungen. Nicht ganz überraschend wird da nach Zugehörigkeit zu Kasten gerastert. Die Bevölkerung ist durch das Kastensystem ja sozusagen vorsegmentiert.

Spindoktoren rastern fein

Der EU-Ministerrat hat gerade genau jene Passage aus der E-Privacy-Verordnung gestrichen, die unkontrollierte Datenweitergabe an Dritte wie im Fall Cambridge Analytica verhindern sollte.

Wie die BBC berichtete, war man in Lettland ähnlich vorgegangen. Durch aggressive Desinformationskampagnen mit der Kernaussage „Die Russen nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ wurden in der lettischen Bevölkerung vorhandenen Vorurteile um ein Vielfaches verstärkt. Auch hier wurde ganz gezielt in bestimmten Bevölkerungsgruppen gearbeitet, als Grundlagen dienten dabei Wählerverzeichnisse und weitere zugekaufte Datensätze. Dabei wurde generalstabsmäßig agiert, man konzentrierte sich dabei nur auf bestimmte Bevölkerungsschichten.

Eine der Techniken, die gerade in den angloamerikanischen Staaten seit Jahrzehnten eingesetzt wird, nennt sich „Canvassing“, das in etwa „feines Rastern“ bedeutet. Anhand der vorhandenen Datensätze lassen sich in jedem Wahlsprengel jene Wohnviertel identifizieren, in denen die anvisierten Zielgruppen dominieren. Diese in den USA seit langem üblichen Methoden sind weitgehend identisch mit modernem „Microtargeting“. Das ist die Geschäftsgrundlage von Facebook und allen Sozialen Netzwerken, denn das ist ihr „Unique Selling Point“ für den Verkauf von Inseraten. Das Heimtückische daran aber ist ihre Selektivität, denn so lassen sich ausgewählten Gruppen mit aggressiven Botschaften und Falschinformationen ansprechen, ohne dass die breite Öffentlichkeit erfährt, dass eine solche Kampagne überhaupt existiert.

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SCL

Hier sind die Anleitungen für „Canvassing“ und E-Mail-Spams.

Die Silberstein-Kampagnen im Vergleich

Details über die auf „Schwarze PR“ und Desinformation spezialisierte britische SCL-Group, die bereits 1994 mit Aufträgen aus dem britischen Verteidigungsministerium hochgezogen wurde.

Auch die beiden, vergleichsweise wenig erfolgreichen Kampagnen Tal Silbersteins, der von der SPÖ für den Wahlkampf 2016 engagiert worden war, waren unter falschen Flaggen gelaufen. Über die Facebook-Page „Wir für Sebastian Kurz“ wurde versucht, moderate ÖVP-Wähler erst anzusprechen und sie dann mit zwischendurch eingestreuten radikalen Botschaften zu verunsichern. Die „Wahrheit über Sebastian Kurz“ wiederum war an FPÖ-Wähler gerichtet und verbreitete bekannte rechte Verschwörungstheorien über Sebastian Kurz, um ihn als schwaches Abziehbild der FPÖ-Position darzustellen.

Man sieht also, wie sich die Methoden überall gleichen, wenn auch der Grad an Skrupellosigkeit variiert. Facebook hat hier überall auf dem Globus jahrelang ungerührt mitgespielt. Das Unternehmen profitiert nämlich überproportional davon, und zwar längst nicht nur durch das Inseratenaufkommen. Jede solche Kampagne, für die der Einsatz von Apps mittlerweile Routine ist, liefert nämlich auch neue detailreiche Datensätze, die den kompromisslosen Wachstumskurs der Facebook-Führung befeuern. Das ist auch der Grund, warum Facebook zwei Jahre lang Stillschweigen über den Abzug von 50 Millionen Datensätzen durch Cambridge Analytica bewahrte.

"Confidential Memorandum"

SCL

Und hier sind die „üblichen Verdächtigen“ wie man Mittlerweile sagen muss. Rebekah Mercer ist die Tochter des Rechtsaußenmilliardärs Robert Mercer, dazu der notorische Steve Bannon und Alexander Nix, jetzt Ex-CEO von Cambridge Analytica.

Freunde und Freundesfreunde

Nachgewiesenermaßen wusste man über den Abzug dieser Datensätze spätestens seit 2015 genau Bescheid, bis dahin hatte Facebook App-Entwicklern von Drittfirmen großzügigen Zugriff nicht nur auf die Stammdaten bestimmter Gruppen, sondern auch auf deren Freunde und Freundesfreunde eingeräumt. In Folge gingen die Gewinne des Sozialen Netzwerks durch die Decke, gleichzeitig kamen massenweise neue, teils hochpersönliche Datensätze herein, die für zukünftiges Wachstum garantierten.

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Für Facebook selbst wird es nun langsam eng. In den USA hat die Börsenaufsicht FTC, die hohe Strafen aussprechen kann, Ermittlungen gegen Facebook aufgenommen. CEO Mark Zuckerberg muss vor einen Untersuchungsausschuss im US-Kongress erscheinen, auch das EU-Parlament und das britische Unterhaus verlangen dasselbe. Geleakte Memos und Insiderberichte entzaubern derweil das Geschäftsmodell des Konzerns, das weit einfacher gestrickt ist, als weithin angenommen. Vor allem in den Breitenmedien wurde und wird noch ein regelrechter Kult rund um die Facebook-Algorithmen betrieben, denen einzigartige magische Eigenschaften zugeschrieben wurden.

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