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Schalko "Schwere knochen" cover

Kiepenheuer & Witsch

Ein Ehrenkodex auf Lebenszeit

Hart, schonungslos und immer wieder witzig: David Schalko hat mit „Schwere Knochen“ einen furiosen Wiener Gangsterroman geschrieben, der gleichzeitig ein atypischer Heimatroman ist.

Von Maria Motter

Dieser Krutzler ist ein Koloss und hat mehrere Menschen auf dem Gewissen, doch elf Mal konnte er sich auf Notwehr verteidigen und wurde freigesprochen. Immer wieder wird David Schalko seine Hauptfigur charakterisieren. Der Krutzler wird morden, und doch kann man sich einer gewissen Sympathie für den Mann nicht erwehren. Auf jeden Fall ist man an seinem Fortkommen interessiert. 560 Seiten schlägt - oder besser: sticht sich der Krutzler immer wieder durch.

„Schwere Knochen“ ist der Titel des vierten Romans des Regisseurs, Drehbuchautors und Autors David Schalko. Bekannt sind seine Serien wie „Braunschlag“ oder die „Sendung ohne Namen“. Es lohnt sich jedoch auch, Schalkos Literatur Aufmerksamkeit zu widmen. David Schalko ist ein scharfsinniger Erzähler, das zeigt er einmal mehr und diesmal auf sehr spezielle Weise.

Schauplatz sind in „Schwere Knochen“ bis auf zwei Ausnahmen die Ränder der Stadt Wien. Erdberg ist das Revier, in dem vier Halbwüchsige schwören, dass jeder bei jedem einen Wunsch frei hat und gehe es bis zur Beendigung der Existenz. Krutzler ist einer von ihnen und die „Erdberger Spedition“ ist eine gemeinsame delinquente Unternehmung. Die Wohnung des „Nazi-Hubers“ auszuräumen, während dieser am Heldenplatz von Hitler „beseelt“ wird, ist eine schwerwiegende Entscheidung.

Mal Rhinozeros, mal Mörder

Cover David Schalko "Schwere Knochen"

Kiepenheuer & Witsch

„Schwere Knochen“ von David Schalko ist 2017 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Hineinlesen kann man hier.

Eingangs erinnert Krutzler mit „seinen zwei Metern, seinem steifen Oberkörper, seinem riesigen Kopf und seiner schwarzen Hornbrille“ an ein „zu groß geratenes Insekt“, wenig später heißt es über den legendengleichen Protagonisten, seine Natur sei der eines Wolfes „näher gewesen als dem Menschen“. Anderntags ist der Krutzler „weit gegangen heute. Er stand da wie ein Rhinozeros, das sich in der Abendsonne trocknete. Man wusste nicht, ob er das Haus anstarrte oder im Stehen gestorben war. Starrende Männer, die im Stehen starben, waren zu dieser Zeit keine Seltenheit“.

So grobschlachtig die Gewaltakte Krutzlers sind, so fein kippt die Stimmung in ruhigeren Momenten zu einer Melancholie, die keine Träumerei zulässt. Jeder ist hier ein Kriegsversehrter, selbst wenn ihm nicht beide Beine amputiert wurden wie der Prostituierten Gisela. Doch die tragischen Szenen währen nicht lang. Schließlich ist der nicht näher erläuterte Erzähler meist dicht am Krutzler. Und mit ihm tritt man regelrecht auf, wo immer er geht und hat zu tun, die eigenen Pläne trotz der Anwesenheit der alliierten Besatzungsmächte zu verfolgen.

Die Unterwelt ist hier keine Gasse, die man des Nächtens meidet und tagsüber schnellen Schrittes passiert, nicht ohne, dass man an der eigenwilligen Ästhetik von Lokalportalen hängenbleibt. Das in „Schwere Knochen“ präsentierte Wien ist zur Gänze eine Unterwelt. In einer verrohten Gesellschaft trachtet jede der Figuren danach, einfach weiterzumachen. Eine innerliche Leere wollte man hier keinem attestieren. Die meisten Figuren wachsen durch Kurzbiografien zu Charakteren, insgeheime Wünsche werden offenbart bzw. werden gern Vermutungen angestellt. Ansonsten gilt: "Man ließ sich nicht gern aus dem Rhythmus bringen und hatte sich nach dem Staatsvertrag in eine innere Neutralität begeben“, die dem Ehrenkodex der Unterwelt nahe kam: „Ich sehe nichts, ich sage nichts, ich höre nichts“.

David Schalko Portraitfoto

Ingo Pertramer

David Schalko

Die Sprache hat es in sich

Die Überlegung, was den Menschen vom Tier unterscheidet, könnte sich aufdrängen. Der Krutzler wird sie verwerfen. Tiermetaphern tauchen immer wieder auf, manche Protagonisten werden nach einer Tierart gerufen. Es gibt auch so schöne Wortschöpfungen wie „Quallentrottelviech“. Aber das Beeindruckende ist die Melodie der Sprache und deren Wortschatz, der eine vergangen geglaubte Zeit freilegt. Die Bagage und die Entourage sind in „Schwere Knochen“ unterwegs, jemand wird als Kretin beschimpft, die Mannsbilder, die Sowjetmenschen und Speckjäger haben zu tun.

FM4 Interviewpodcast

Radio FM4

Das ganze Interview mit David Schalko gibt es nun auch als Podcast zu hören.

Schalko fügt Anekdote um Anekdote zu einem Werdegang, der von der Kindheit in der 1. Republik über frühe Erwachsenenjahre in Konzentrationslagern der Nationalsozialisten bis ins Österreich der 1960er Jahre reicht. Den größten Teil nimmt die Nachkriegszeit ein. Für den Krutzler und seine wenigen langjährigen Geschäftspartner geht es um nichts weniger als um die Herrschaft über Wien – über die Zonen der Alliierten hinweg. Die Männer machen ihr Geld mit Schmuggel und Glücksspiel. „Das Riesenrad ragte wie ein unversehrtes Lenkrad aus dem Totalschaden Wien“.

Es wimmelt in diesem Roman vor Figuren. Die Komplexität der Vereinbarungen und kriminellen Beziehungen bildet sich hier ab, aber die Hauptfigur Krutzler bietet Orientierung. „Natürlich konnte sich so ein Krutzler nicht ganz von allein erfinden“, ist einmal festgehalten. David Schalko sagt im FM4-Interview, dass alle Figuren mehrere reale Vorbilder haben. In der Realität wurde ein „Notwehr-Krista“ mehrmals wegen tödlicher Notwehr freigesprochen.

Zwei Jahre hat David Schalko mehr oder weniger ausschließlich an dem Roman gearbeitet. Vielleicht hatte man sich zuvor noch nie Gedanken darüber gemacht, wie es in den fünfziger Jahren in Erdberg zugegangen sein mag. „Schwere Knochen“ katapultiert einen mitten hinein.

Historische Vorbilder

Am 7. Mai gibt es die Premierenlesung von „Schwere Knochen“ im Wiener Akademietheater.

Voodoo Jürgens singt und spielt, Dirk Stermann unterhält sich mit David Schalko und Nicholas Ofczarek liest aus dem Roman.

Die atmosphärisch dichte Erzählung ist historisch gut verankert. Welche Ungeheuerlichkeiten nebenbei geäußert werden – so vermisst etwa eine Figur die Lagerjahre – lässt einen innehalten. Es gibt durchaus Schockmomente. „In den Jahren in Mauthausen entwickelte der Krutzler seine spätere Handschrift. Der Krutzler’sche Halsstich erfüllte alle Anforderungen, die man mit einer solchen Maßnahme erreichen wollte.“ Die historische Tatsache, dass in Konzentrationslagern wie in Mauthausen von den NationalsozialistInnen ganz bewusst ein Klassensystem unter den Häftlingen eingeführt wurde und den sogenannten Funktionshäftlingen Positionen zukamen, um die herrschende Willkür, Demütigung und Grausamkeit noch zu steigern und die Häftlinge noch weiter zu kontrollieren, bringt Schalko in einem sehr intensiven Kapitel auf wenigen Seiten zu einer Sprache, die keine Zweifel daran lässt, weshalb den Krutzler später eine fast surreal anmutende Erzählsequenz überkommen wird. „Bis zum Horizont waren die Böden mit Knochen übersät“.

„Im Augenblick beschlich ihn eher das Gefühl, dass er sich im letzten Drittel einer unfreiwilligen Komödie befand“

In einigen wenigen Passagen wird es zu viel des literarisch Guten. Etwa, wenn sich in den Nachkriegsjahren ein Mann eine Äffin als Sexobjekt hält. Dann geht es einem beim Lesen in dem Moment wie dem Krutzler: „Im Augenblick beschlich ihn eher das Gefühl, dass er sich im letzten Drittel einer unfreiwilligen Komödie befand“. Doch auch hier belegen reale Vorfälle die Glaubwürdigkeit der Fiktion. Von der zutiefst befremdenden Besitzgier nach Exoten könnten Tierasylbetreiber viel berichten. Man denke nur an den Tiger, die Löwin und den Bären, die ein Drogendealer in seinem Keller in Atlanta, Georgia, hielt. Und das 2001. Die Welt der Kleinganoven und der Schwerverbrecher ist nicht so fern, wie sie scheint.

„Der Doktor war ein gefährlicher Mann. Das spürte er schon damals. Ein Irrer, der sich andere Irre suchte, um sie noch irrer zu machen", heißt es über den Affen-Mann und man muss lachen. Keine Sorge: Es ist noch nicht zu viel verraten. In „Schwere Knochen“ stecken noch viel mehr harte Geschichten und nicht wenige zeitgeschichtliche Kommentare, stets verpackt in bitterböse Pointen. Laut lachen geht sich da nicht mehr aus, aber im Kopf lacht man sehr befreit.

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