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Familien im Ausnahmezustand sind der geballte Horror

Gänsehautkino: In „Ghostland“, „A Quiet Place“ und dem beim Filmfestival Slash einhalb laufenden „It Comes at Night“ befinden sich Familien im Ausnahmezustand.

Von Christian Fuchs

Für Fans des Hardcore-Horrors ist Pascal Laugier ein radikaler Grenzüberschreiter. Verstörte der Franzose doch mit seinem surreal angehauchten Folterepos „Martyrs“ anno 2008 sogar abgebrühte Splatterfans. Man darf über den kultisch verehrten Schocker aber durchaus geteilter Meinung sein. Einerseits zur philosophischen Schmerzensreflexion hochstilisiert, andererseits als frauenfeindliches Machwerk gebrandmarkt, wirkt „Martyrs“ rückblickend zumindest wie beinhart kalkulierte Provokation.

Der große Durchbruch gelang Laugier damit aber trotzdem nicht, vielleicht weil sein weitaus interessanterer Nachfolgefilm „The Tall Man“ in eine ganz andere Richtung ging. Statt Torture-Porn-Tabubrüchen setzte der Regisseur darin auf einen extrem unheimlichen Mystery-Plot, der einen ganz eigenen Sog entwickelte. Nun kehrt der Horrorspezialist mit einem neuen Film zurück, der beide Facetten seines Schaffens, die heftige Härte und den geheimnisvollen Grusel, wirklich beklemmend verbindet.

Eine Frau schaut in einen Spiegel. Darauf steht: "Help me!"

Polyfilm

„Ghostland“

Konstanter Wahnsinn mit Gänsehautfaktor

„Ghostland“, seit letzter Woche in ausgewählten Kinos zu sehen, täuscht zunächst mit ausgelassener Stimmung. Die beiden Schwestern Beth (Crystal Reed) und Vera (Anastasia Phillips) blödeln im Auto noch herum, als sie mit ihrer Mutter (der Popsängerin Mylene Farmer) zum leerstehenden Haus ihrer verstorbenen Tante fahren. Einmal in dem abgelegenen Gebäude angekommen, wird die Atmosphäre schnell frostiger. Denn das baufällige Anwesen mitten im amerikanischen Nirgendwo ist wie das Set eines Horrorfilms eingerichtet, inklusive unzähliger unheimlicher alter Puppen.

Schon in der ersten Nacht bricht das Grauen los. Entgegen dem Filmtitel treiben in „Ghostland“ aber keine Gespenster ihr Unwesen. Ein mysteriöses Einbrecherpaar, wie einem Marilyn-Manson-Video entsprungen, dringt in das Haus ein und terrorisiert die drei Frauen. Zwar gelingt es Mutter Colleen, die Angreifer unschädlich zu machen, doch vor allem die jüngere Vera ist von dem Überfall traumatisiert. Die Autorin Beth wiederum verarbeitet das Erlebnis in ihren Büchern, die noch dazu auf dem Horrormarkt einschlagen. Doch die Ereignisse der furchtbaren Nacht holen die Familie ein.

Eine schreiende Frau hinter einer Folie

Polyfilm

„Ghostland“

Laugier erweist sich in seinem neuen Film deutlich als Kind der wilden 70er, als Horrorfilme noch das Groteske und Irrationale feierten. In diesem Sinne wirkt „Ghostland“ wie eine Hommage an die geballte Hysterie des „Texas Chainsaw Massacre“ und die märchenhaften Schocker von Dario Argento. Der konstante Wahnsinn, der den Film beherrscht, hebt aber auch den Gänsehautfaktor. Denn gerade das Unerklärliche, die vielen Plotlöcher, der bizarre Schrecken, den die Eindringlinge ausstrahlen, lässt einen im Kinosessel erzittern.

Sehr viel Spannung, wenig Substanz

Schon wieder ein Endzeitfilm, denkt man sich vielleicht bei den ersten Bildern von „A Quiet Place“, aber hinter dem apokalyptischen Setting lauert eine gespenstisch originelle Idee. Nach einer globalen Attacke von Außerirdischen versuchen die Menschen in absoluter Stille zu überleben. Denn jedes auffällige Geräusch lockt die blinden, aber hellhörigen Monster mit ihren scharfen Zähnen und gepanzerten Klauen an. Dabei ist die Regiearbeit des Schauspielers John Krasinski trotz dieser Ausgangsposition ein bisweilen sehr lauter Film. Obwohl die angstverzerrten Protagonisten sich nur in Zeichensprache unterhalten oder flüstern, schwillt der Soundtrack ohrenbetäubend an, wenn Gefahr droht.

Ein Mann und ein Kind in einem Wald. Der Mann hält dem Kind den Mund zu.

Paramount

„A Quiet Place“

Im Mittelpunkt der minimalistischen Geschichte steht eine US-Familie, die auf der Flucht vor den Aliens durch verlassene Städte wandert, bis sie in einem Farmhaus eine Unterkunft finden. Die Eltern, gespielt von Krasinski und dessen Ehefrau Emily Blunt, bemühen sich aufopfernd, ihre drei Kinder vor dem Grauen zu schützen. Aber wenn jeder Gegenstand, der versehentlich runterfällt und jeder falsche Laut tödliche Konsequenzen hat, liegen die Nerven natürlich konstant blank. Auch die der Zuseher im Kinosaal. Zumindest in Sachen Spannungserzeugung erweist sich der Horrordebütant Krasinski als Profi.

Inhaltliche Substanz darf man sich dagegen von diesem Film, der durchaus uramerikanische Werte beschwört, inklusive dazugehöriger Waffen, nicht erwarten. „A Quiet Place“ erinnert frappant an die frühen Schocker von M. Night Shyamalan und ist ebenso einer dieser Streifen, in denen man nie die Brüche mit der zunächst etablierten Logik hinterfragen sollte. Egal, eine höchst effektive Horrorachterbahnfahrt zwischen „Signs“, „10 Cloverfield Lane“ und „War of The Worlds“ ist ja nicht gerade wenig. Und mit ein paar echt gemeinen Einfällen - die Schwangerschaft der toughen Mutter sei hier abseits großer Spoiler erwähnt - drückt einen der Film manchmal ganz tief in den Kinosessel.

Eine Frau und ein Mädchen

Paramount

„A Quiet Place“

My Waldhütte is my castle

Eine ähnliche Ausgangsposition wie in „A Quiet Place“ rückt auch der Indie-Regisseur Trey Edward Shults in den Mittelpunkt seines mitreißenden neuen Films. Aber „It Comes at Night“ ist kompromissloser erzählt und nimmt bewusst keine Rücksicht auf die Dramaturgie des Mainstreamkinos. Die Story einer Familie, die sich nach dem Ausbruch einer zunächst undefinierten Krankheit isoliert in einer Waldhütte verschanzt, inszeniert Shults bewusst karg und zurückgenommen als im wahrsten Sinn des Wortes stockdunkles Kammerspiel. Umso beängstigender sind die Bedrohungssituationen, denen die Familie immer wieder ausgesetzt ist.

Irgendwann wird klar, dass „It Comes at Night“ viel mehr als ein apokalyptischer „Home Invasion“-Thriller ist. Der mit Joel Edgerton und Riley Keogh glänzend besetzte Film entpuppt sich als universelle Paranoiastudie mit deutlich soziopolitischem Unterton. Was in Serien wie „The Walking Dead“ auch stets zum Subtext gehört – dass in Ausnahmesituationen das Misstrauen der Menschen faschistoide Züge annimmt – ist bei Shults letztlich das zentrale Thema.

Eine Gruppe von Menschen beim Essen an einem Tisch. Es brennt nur eine kleine Lampe.

Slash

„It Comes at Night“

Mit seinen subversiven Untertönen ist “It Comes at Night” jedenfalls bestens bei einem Wiener Festival aufgehoben, das schon seit seinen Anfängen abgründigen Horror, Fantasy-Szenarien und rebellische Botschaften gleichermaßen hochleben lässt. Das Slash Filmfestival, kuratiert vom Genre-Überauskenner Markus Keuschnigg, lockt mit diesem speziellen Mix Jahr für Jahr mehr BesucherInnen im Herbst ins Filmcasino, zwischendurch werden auch Werke wie der hier beschriebene „Ghostland“ präsentiert.

Schon bald wird es wieder eine Slash 1/2-Edition geben, wo in Verbindung mit dem Linzer Crossing Europe Filmfestival auch in Wien-Margareten drei Tage lang das ambitionierte Grauen regiert. Vom 3. bis zum 5. Mai 2018 werden irische Untote, thailändische Karaoke-Maschinen, brasilianische Werwölfe und sehr britische Geister die Leinwand vereinnahmen, das Programm ist kosmopolitisch und multimonströs angelegt. Gleich am ersten Festivaltag, dem 3. Mai, wird FM4 um 20.30 Uhr „It Comes at Night“ als Österreich-Premiere präsentieren, wir sehen uns im dunklen Kinosaal.

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