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Szenenbilder der Serie "Barry"

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Mord und Maskerade

Ein großartiger Hader (Bill, nicht Josef) gibt in der HBO-Serie „Barry“ einen stoischen Auftragskiller, der sich zur Schauspielerei berufen fühlt. Was in der Kurzzusammenfassung nach Klamauk klingt, wird zu einer grandiosen Melange aus Tragikomödie und Thriller. Eine Hitshow über einen Hitman.

Von Pia Reiser

Über Barrys (Bill Hader) Bett hängt ein Metallica-Poster, über Barrys Kopf schwebt ein Fragezeichen, was seine aktuelle Berufswahl angeht. Barry ist Auftragskiller, ein Ex-Marine, der nach seinem Einsatz in Afghanistan nun an der Grenze zur Depression schrammend, gemeinsam mit Mentor und Freund Fuches im Killerbusiness sein Geld verdient.

Das ist nichtmal schlechtes Geld und Fuches wird auch nicht müde zu betonen, dass die Leute, die sie umbringen, real pieces of shit sind, dennoch plagen Barry existenzielle Fragen, wenn er nicht gerade Autorennen auf der Playstation spielt. Die mögliche Antwort auf diese Fragen und eine Art natürliches Botox für die Zornesfalte, die sich an Barrys Nasenwurzel eingenistet hat, warten in Los Angeles. Ein Auftrag führt Barry raus aus Ohio und rein in sonnigere Gefilde - und vor allem landet er beim Beschatten seines potentiellen Opfers Ryan in einem Schauspielkurs. Zum ersten Mal breitet sich hier die Andeutung eines Lächelns in Barry Gesicht aus, als er die Transformation einer angehenden Schauspielerin (von Verzweiflung zu Triumph über den Umweg der Manipulation eines Schauspiellehrers) beobachtet. Vielleicht ist das der Weg raus aus der launedrückenden Existenzkrise für Barry. Bühne statt Ballern. Maskerade statt Mord. Sich Neu-Erfinden, in dem man Andere spielt.

Szenenbilder der Serie "Barry"

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Die HBO-Serie „Barry“ ist in Österreich via Sky Ticket, Sky Go und Sky on Demand erhältlich. Gerade wurde auch bestätigt, dass es eine zweite Staffel geben wird.

Bill Hader, bei „Saturday Night Live“ vor allem für ausladend gestikulierende Figuren und ausufernde Mimik geliebt, reduziert als Barry sein Spiel aufs Allernötigste. Minimale Mimik mit maximalem Effekt, wenn Hader stumm die Augen aufreißt, hat das durchaus die Wucht von einem Haare raufenden Jack Nicholson. Dass Barry eine tragische Figur ist, darauf vergisst die Serie - an der Hader auch mitgeschrieben hat - nie. Doch, woran soviele Serien und Filme scheitern, meistert „Barry“ grandios: Die Kombination mehrerer Genres und Totalitäten. Mit den selbstverliebten und von sich selbst eingenommenen Laienschauspielern und deren Träumen wird „Barry“ zur Hollywood-Satire, greift zu ins Absurde getauchten Szenen und Dialogen, die stellenweise auch in „Arrested Development“ hätten stattfinden können - und das nicht nur, weil in beiden Serien der supere Henry Winkler mitwirkt. In „Arrested Development“ als herrlich unfähiger Anwalt Barry Zuckerkorn, in „Barry“ als Schauspiellehrer Gene Cousineau. Die Szenen, in denen Cousineau in Improvisationsübungen versucht, dem stocksteifen Barry Emotionen zu entlocken, sind wunderbar komisch. Doch, womit man zu Beginn der Serie vielleicht nicht rechnet, ist, wie spannend „Barry“ den Geschichtenstrang um den Auftragskiller zu entwickeln weiß.

Szenenbilder der Serie "Barry"

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Denn so einen Job lässt man nicht einfach so zurück, und zusätzlich zur Depression eines Kriegsheimkehrers gesellen sich moralische Gedanken über das Morden. Und dann gibt es Verwicklungen mit einer tschetschenischen Gangsterbande, an der wohl auch die Coen-Brüder große Freude gehabt hätten, einen irren Ex-Marine, der als Quereinsteiger ins Auftragskiller-Geschäft will, und Ermittlungen der Polizei. Barry überlegt, sich tagsüber der Schauspielerei zu widmen und nachts weiterhin Aufträge als Killer aufzuführen. Und am grandiosesten wird „Barry“ ab Staffelmitte, wenn die Grenzen - zwischen den Genres und Barrys Beschäftigungen - immer mehr verwischen. Wenn in einer Szene im Schauspielkurs über „Macbeth“ und die Schuldgefühle von Mördern diskutiert wird oder wenn Barry ein von einer Schauspielkollegin aufgeschnapptes „toxic masculinity“ verwendet, um Fuches das Problem der Auftragskillerei zu vermitteln. „Barry“ ist ausgefuchst bis ins letzte Detail. Die von Gene Cousineau verfasste Schauspielbibel heißt „Hit your mark and say your lines“ - „hit your mark“ funktioniert in beiden von Barry Welten als Anleitung, einmal sind die marks Standort-Kennzeichnungen auf der Bühne, doch mark nennen Barry und Fuches auch ihre Zielpersonen.

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„Barry“ wird zum düsteren Thriller mit exzellent platzierten Komik-Sprengseln (z.B. in Form von Mini-Gastauftritten von Jon Hamm). Die Serie ist außerdem höchst erfindungsreich, wenn es darum geht, das, was im Vordergrund geschieht, durch Dinge, die sich im Hintergrund abspielen, zu kontrastieren - im wortwörtlichen wie im metaphorischen Sinne. I’m an actor, sagt Barry nicht ohne Stolz nach der ersten Schauspielstunde - und nachdem er drei Leute erschossen hat - in einem Diner sitzend, und im Hintergrund fängt die Kamera in der Abenddämmerung ein Lichtergewirr von Einsatzwägen ein. Die Eskalation, der Alarm, die Verhaftung sind immer in Griffweite, „Barry“ ist eine Tragikomödie im Druckkochtopf.

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