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Bilder vom Donaufestival in Krems

David Visnjic

Die Ruhe und der Synapsensturm

Gegenwart ist abgesagt: Grouper, Godspeed You! Black Emperor, Laurel Halo am Eröffnungstag des Donaufestivals

Von Katharina Seidler

Am 1. Mai gibt es in der FM4 Homebase ein Donaufestival Spezial ab 21 Uhr.

Die „endlose Gegenwart“, die das Donaufestival sich diesmal zum Leitmotiv auserkoren hat, sie findet zwischen zwei Extremen statt. Auf der einen Seite ist da die Reizüberflutung, die permanente Überhitzung der Systeme, der scheinbar unentrinnbare Zwang zum Update. Zum Anderen ortet man eine Sehnsucht nach Entschleunigung und Stille, Pausenknopf und Ruhezustand. Die Zukunft hat ihren verheißenden Glanz verloren, der Traum vom besseren Gestern hält das Werkl mehr schlecht als recht am Laufen. Wie also dem Loop des Jetzt entkommen? Eine Exitstrategie kann man beim Donaufestival, wo diese beiden Pole im Dialog miteinander stehen, ausprobieren.

Ryan Trecartin Installation

David Visnjic

Ryan Trecartin & Lizzie Fitch

Nachdem man in der Kunsthalle Krems etwa von den hyperaktiven Youtube- und TrashTV-Videoinstallationen des amerikanischen Kunst-Stars Ryan Trecartin überrollt und überfordert wurde, kommt die Erholung im Schlaflabor. Die griechische Künstlerin Marina Gioti ließ ihren eigenen Schlafrhythmus von Neurowissenschaftlern auswerten und verwandelt die Schlafphasen in ihrer Installation „Polysomnogarden“ in einen atmenden Zaubergarten aus beweglichen Pflanzen und Gartengeräten. Wer sich hinein legt, nimmt sich selbst aus dem Timetable-Stress des Festivals heraus. Den offenbar markerschütternden Eröffnungs-Act Lanark Artefax kann man, wenn man nicht aufpasst, auf diese Weise gleich einmal verpassen. Aber es muss weiter gehen.

Bilder vom Donaufestival in Krems

David Visnjic

Die Amerikanerin Liz Harris alias Grouper macht danach die Minoritenkirche zur Echokammer. Aus Tapeloops und Gitarrendrones baut sie eine ätherische Popmusik, die aus einer Zwischenwelt herüberweht wie die Erinnerung an ein vergessenes Lied. Das aufgeklappte Klavier neben ihr kommt nur selten zum Einsatz, dennoch fangen Mikrophone die Schwingungen auf, die seine Saiten aus der Luft in sich aufnehmen. Sie murmelt und haucht und schlägt geduldig Akkorde an ihren Instrumenten, die wie Sonnenstrahlen durch die Klangwolken glitzern.

Groupers Musik ist wohlig und tröstend und verlangt nach Andacht, die das Festivalpublikum gerne bereit ist, aufzubringen. Es wohnt ihr aber auch eine Traurigkeit inne, ein Wissen um alles, was wir unwiederbringlich verloren haben. Am Ende rauscht ein Zug Richtung Horizont, wir horchen ihm nach, bis er verschwindet.

Pommerland ist abgebrannt

Andächtig geht es auch bei Godspeed You! Black Emperor zu, die ihre Klangwände im Kremser Stadtsaal aufbauen. Man sagt dem kanadischen Kollektiv gerne nach, die Soundtrack-Komponisten zur Apokalypse zu sein – umso erschreckender ist es, wenn einem während ihrem Set bewusst wird, dass diese markerschütternde Donner-Musik nichts anderes ist als die Vertonung der endlosen Gegenwart, dissonant und gewaltig, übermächtig und ausweglos.

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David Visnjic

Godspeed

Das letztes Jahr erschienene, jüngste Godspeed-Album, das in dieser Nacht zur Gänze zur Aufführung kommt, heißt nicht umsonst „Luciferian Towers“; die Nummern tragen Titel wie “Fam/Famine“ oder “Anthem for No State“. In wachsenden Ringen wechseln Godspeed zwischen Be- und Entschleunigung. In den ruhigen Momenten ruft ein einsames Glockenspiel durch die Ödnis, in die bombastischen Post-Rock-Eruptionen mischt sich neuerdings eine Freejazz-Trompete. Verstörend, erleuchtend.

Bilder vom Donaufestival in Krems

David Visnjic

Die Eindrücke wirken bereits tief, und doch gibt es keine Pause. Das Trio Mopcut, bestehend aus den ausgebildeten Jazz-MusikerInnen Audrey Chen, Julien Desprez und Lukas König an Synthesizer, Stimme, Gitarre und Schlagzeug, feiert seine Live-Premiere in dieser Besetzung. Ihre Musik ist ein Synapsensturm der Verweigerung – gewohnte Rhythmusgefüge, Taktstrukturen, Melodieläufe, Genrebezeichnungen, Zuordnungen kann man an der Tür zur Halle 2 abgeben. Noise-Free(jazz)style als Eskapismus-Maßnahme.

Die große amerikanische Elektronikerin Laurel Halo tritt danach als Erfinderin einer neuen Popmusik in Erscheinung. Sie setzt zuerst auf Zeit-Zerdehnung. Gute vierzig Minuten lang formt sie wie aus Lehm seltsame Songs ohne Rhythmus, freifließende Tonfolgen, die einer geheimen Struktur zu folgen scheinen. Das Publikum wird ungeduldig, die Reihen lichten sich merklich. Die Frühlingsnacht ist so warm.

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David Visnjic

Laurel Halo

Laurel Halo ist das egal, sie hantelt sich unbeirrt abwechselnd als bedrohliche Urmutter oder als lockende Sirene an ihrem Letzjahres-Meisterwerk „Dust“ ab. Den Hit daraus - ein Hit, wie er seltsam nur sein kann – „Jelly“, spielt sie erst, als nur noch die geduldigsten Gegenwarts-Grenzgänger im Saal geblieben sind. Wer hat je eine so eigenwillige, geniale Verknüpfung einer formelwandlerischen Bassline und drei Frauenstimmen (von Klein, Lafawndah und Laurel Halo selbst) gehört, von kühler Chicago-House-Ästhetik, Science-Fiction-Soul, digitalem R’n’B, stotternden Beats und einander umkreisenden Synthesizer-Melodien?

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David Visnjic

Laurel Halo

Zum Abschluss dieses intensiven Donaufestival-Auftakts lädt das Berserker-Duo Lightening Bolt die Noise-Metal-Avantgarde zur fröhlichen Abrissparty. Die letzten Kräfte werden mobilisiert. Gegenwart ist abgesagt.

Am Samstag geht es zwischen Minoritenkirche, Stadtsaal und Halle 2 weiter mit etwa Lotiv, Mhysa, Zonal feat. Moor Mother, In my talons und vielen mehr.

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Lightening Bolt

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