FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

Artists

David Visnjic

donaufestival

Viel Lärm um etwas

Von Freitag bis Sonntag ging das erste Donaufestival-Wochenende in Krems mit experimentellen und fordernden Tönen über die Bühne.

Von Dalia Ahmed

Endlose Gegenwart also. Es geht um die Auflösung. Früher war nicht alles besser und morgen wird‘s nicht schlimmer, weil es eh schon im Argen ist. Doch das Heute ist voll von Reizen, Stress und Konflikten - im Kleinen bei sich und im Großen in den Gesellschaften.

Am 1. Mai gibt es in der FM4 Homebase ein Donaufestival Spezial ab 21 Uhr.

Das Donaufestival hat sich am ersten der beiden Wochenenden daran gemacht Musik, Performatives und Diskursives zu einem Paket of Now zusammenzuschnüren.

Mopcut

David Visnjic

Am Eröffnungstag wurde in der Kirche bei Grouper dem Sound beziehungsweise einzelnen Tönen halliger Raum gelassen, um sich auszubreiten und zu wirken, Mopcut experimentierten mit dem Lärm, der menschlichen Stimme und dem Freejazz der Gegenwart - auditive Reizüberflutung abgehakt. Und Godspeed You! Black Emperor und Lightning Bolt präsentierten uns musikalisches Können auf höchstem Niveau. Die einen auf der fast schon orchestralen Seite, die anderen am Metalrand des Spektrums.

Artists

David Visnjic

Am Donaufestival donnert und kracht also die Gegenwart. Und auch am zweiten Tag geht es ab Sonnenuntergang laut zu. Doch während die Sonne noch am Kremser Himmel steht, betritt Willis Earl Beal, also Nobody, die Bühne in der Minoritenkirche. Es ist düster und im blauen Licht ist nur die Silhouette des Soulsängers zu erkennen. Die Silhouette eines Reisenden. Den Rucksack legt er erstmal ab, den Hut und Maske behält er auf, schenkt sich ein Glas Rotwein ein, erklärt dem sitzenden Publikum, dass er keinen Applaus möchte - „Clap for yourselves. Not for me!“ - und stellt schließlich seine „Band“ vor, ein iPod, von dem er die wummernden, eerie Backing Tracks abspielt und den er nach seinem Erfinder Steve Jobs benennt. Auf der Bühne scheint Nobody das Spiel mit der Gegenwart gewonnen zu haben. Er ist entspannt, er hat Soul, er singt uns den 21st Century Blues - ein Blues, der nicht blutet, sondern flowt - und ersehnt die Ankunft der Aliens. Entspannung macht sich auch in der Minoritenkirche breit und doch holen uns Willis Earl Beals Texte auf den Boden der Realität zurück. Der Army-Veteran aus Chicago und Tom-Waits-Fan ist zwar „too dry to cry“ und auch seine große Stimme ergeht sich nicht in Soul-Angebereien, aber was er singt und vor allem wie, handelt doch ausschließlich von großer Trauer und einem Hilfeschrei.

Artists

David Visnjic

Überhaupt scheint der gesamte Samstag im Zeichen des afro-amerikanischen Struggles zu stehen. Die zweite Donaufestival-Nacht legt den Fokus auf Queerness und/oder Blackness. Aufgrund eines verspäteten Flugs muss Lotic mit ZONAL feat. Moor Mother Slots tauschen. Die Nachtclub-erprobte Lotic tritt also schon um 20.30 Uhr auf und performt zum ersten Mal nicht als DJ, sondern singt vor dem mehrheitlich weißen - nennen wir es bobo - Publikum Songs von ihrem Debütalbum „Power“, das im Juli erscheint. Das Publikum scheint dabei kaum bis gar nicht auf Lotics Performance einzusteigen oder versteht die Codes des Ballrooms und des BPOC queeren Clubs nicht. Also sagt Lotic einen Song nach dem anderen an, erklärt, worum es geht, z.B. „this next song is about people of my persuasion“, singt, tanzt improvisierte, synkope, afrikanisch-inspirierte Tanzschritte und sagt nach jedem Track mit so viel Sideeye, wie nur geht, „thank you“, damit das Publikum auch weiß, wann es klatschen soll. Ein bisschen ein Reinfall das Ganze, aber mit der Zeit wird Lotic bestimmt den Wechsel von hinter dem DJ-Pult zu davor erlernen.

Mhysa Donaufestival

David Visnjic

Bei Mhysa, der RnB-Tüftlerin aus dem amerikanischen Süden, geht die Rechnung auf. Auch sie „performt Blackness“ vor einem weißen Publikum, interpretiert den afro-amerikanischen RnB der 90er und 00er Jahre neu und inszeniert sich als Diva des Genres. Mhysas Beats und Gesang sind niederschwelliger, so kommt im Publikum auch Stimmung auf und es gibt einen Screen mit hyper-femmen Bildern. Blumen, Schmetterlinge - Girliness und Sexiness als Rüstung und Kraftquelle. Und dann beginnt Mhysa zu schreien. Aus Frust, Verzweiflung und Wut. Die Schreie kommen immer wieder vor, zwischen der afro-amerikanischen RnB-Folklore und der „Post-Internetheit“ ihrer Inszenierung. Im Interview erzählt Mhysa, dass sie sich beim Performen in weißen Spaces wie im Zoo vorkommt. Diesen Umstand des Begafft- und Exotisiert-Werdens behandelt sie auch in ihrem „Hit“ „Strobe“. Eine schnelle, tanzbare Nummer, die kurz vor dem Ende ihres Sets die Menge zum wild Mittanzen bringt.

Die Überlegung des Festivals, die schwarzen, queeren und sonst im Jetzt aktivistischen Künstler*innen an einem Tag auftreten zu lassen, mag etwas kategorisierend wirken, aber wäre für diese Acts extra ein Publikum angereist, dass das Donaufestival-Publikum diverser gemacht hätte, wäre die Rechnung aufgegangen. So bleibt es bei einer ernsten Gruppe, die mit einer Hand am Kinn den Acts teilnahmslos zusieht, wie sie performen.

DJ Taye

David Visnjic

Nur bei DJ Taye, der für die Discwoman-Collective-Mitbegründerin Umfang einspringt, wird das Publikum so richtig wach. Der Teklife Crew Footwork DJ verwandelt die Festivalhalle in einen Dancefloor, auf dem die Katharsis getanzt wird.

Die Nacht beenden ZONAL feat Moor Mother. Eine Zusammenkunft der Giganten. Moor Mother, die Protest-Punk auf einer dem Publikum vertrauten und zugänglichen Weise vorträgt, und ZONAL, bestehend aus den wiedervereinten Justin Broadrick aka Jesu/JK Flesh uvm. und Kevin Martin alias The Bug. Die drei experimentierfreudigen Musiker/innen erzeugten gemeinsam einen Soundspace, der laut, meditativ und vereinnahmend ist. Doch die Soundwand und die Performance wirken ein wenig so, als würde jede der Parteien dem/der anderen den Vortritt überlassen wollen. Das große „bitte, du zuerst“ lässt schließlich keine rohe, brutale Performance von Moor Mother zu. Stattdessen steht sie hinter einem metaphorischen wie tatsächlichen Nebel auf der einen Seite der Bühne und performt den „Slaveship-Punk“ auf zurückhaltende Weise.

Hysterie und Fitness: das Kunst- und Performanceprogramm am 1. Wochenende

Während die musikalischen Acts die Minoritenkirche und die Hallen mit Musik bespielten, präsentierte das Donaufestival auch Performanceprogramm. Endlose Hysterie im endlosen Strom der möglichen Identitäten wurde von Ryan Trecartin und Lizzie Fitch in zwei mit viel Konsum-Trash angeräumten Kammern in der Kunsthalle Krems gezeigt. Im Zentrum stehen zwei lange Videos, die wirken, als hätten ein paar Youtuber digitalen Durchfall gehabt. Statt Schminktipps gibt es Makeup-Katastrophen, Bad Hair Days und schlechte Stimmung. Dramaturgisch sind die Filme zwischen Telenovela und Rhinoplasty-Backstageraum – wenn es in dieser Wiener Dragclub-Institution denn einen gäbe - angesiedelt. Ryan Trecartins Trash-Kunst, angeblich schon post-internet, hat es geschafft, zum Hot Topic des zeitgenössischen Biennalen-Kunstmarkts zu werden. Die gerade in den restlichen Räumen der Kunsthalle Krems laufende Ausstellung des recht rationalen (Becher-Schule!) deutschen Fotografen Alex Hütte wirkt im Vergleich dazu gleich noch ein bisschen staubiger.

The Agency

David Visnjic

Eine Enttäuschung dann die Performance von The Agency: Man ist ja immer ein bisschen aufgeregter als sonst, wenn man „Zählkarten“ braucht, um wo reinzukommen bei einem Festival. Die Knappheit erhöht die Erwartung. Vielleicht konnte auch deshalb die futuristische Simulation eines Fitnessstudios nicht überzeugen. Die Performerinnen und Performer waren zwar mit vollem Körpereinsatz beim Trainieren und ihr Mantra „Carbs! Fat! Protein!“ habe ich heute noch in den Ohren. Dafür war die Publikumsbeteiligung recht belanglos. Dass man sich einen Proteinshake an der Bar abholen kann, während rund um einen geturnt wird, und man manchmal in ein Gespräch über Unsterblichkeit und Körperoptimierung hineingezogen wird, reicht kaum aus, um bis zum Ende in diesem McKunstFit zu bleiben.

Lipsync for your life!

Das Playback hat einen schlechten Ruf. Dabei ist das Lipsyncing, also den Mund beim Sprechen oder Singen lippensynchron zu einer vorher gemachten Aufnahme zu bewegen, fixer Bestandteil der Popkultur. Das „Nachsprechen“ ist auch wichtiger Teil der „Church Of Ignorance“, einer Uraufführung beim Donaufestival des österreichischen Choreografen Chris Haring und seiner Performance-Gruppe Liquid Loft. Die Kirche der Ignoranz ist die mächtige Dominikanerkirche in der Kremser Innenstadt. Messen finden dort schon lange keine mehr statt, dafür umso mehr Kunst. Im fast völlig leeren Kirchenschiff können sich das Publikum und die acht Tänzerinnen und Tänzer frei bewegen und auch sprechen, oder besser: so tun als ob. Sie tragen kleine, schwarze Bluetooth-Soundboxen mit sich herum und steuern per MP3-Player individuell und manchmal auch kollektiv einen Teppich aus Sprache. Lippensynchron, aber vor allem auch körpersprachlich synchron schalten sich die Tänzerinnen ein und aus. Sie sind manchmal vereinzelt im Raum unterwegs, formieren sich dann zu Gruppen oder bilden Menschenpyramiden.

LIquid Loft

David Visnjic

Chris Haring und Liquid Loft haben in den letzten Jahren zig abgelegene Sprachen und Dialekte gesammelt. Auf eine Handvoll standardisierter Fragen haben Menschen etwa auf Arabisch, Friaulisch, Javanisch, Sorbisch oder Prekmurisch geantwortet. Wie spricht man auf Uigurisch zu einem Baby, wie auf Kentisch? Wie klingt es, wenn sich jemand auf Baskisch oder Zemaitisch aufregt? Diese Aufnahmen wurden für die Church of Ignorance bearbeitet, akustisch verfremdet, rhythmisiert, sind manchmal Musik, manchmal Lärm und manchmal auch nur als Atmen zu hören. Man versteht und versteht doch auch nichts. Eine der schönsten Szenen: die fantastisch schnellen Sprechakte von amerikanischen Vieh-Auktionatoren, perfekt von zwei Tänzern nachgestellt, vereinen sich am Punkt der größten Raserei zu einer Art Bruderkuss in zärtlichem Burgenländisch. Endless love.

Artists

David Visnjic

Musikalisch geht das erste Wochenende mit den brutalen und wuchtigen Tönen zu Ende. Den frühen Sonntagabend eröffnet eine geheime (Zählkarten) „Stockholm Syndrome“ Performance von Moor Mother und Justin Broadrick im Fahrradkeller eines Kremser Hotels. Vor knapp 70 Zuschauer*innen performt Moor Mother, so wie man es gewohnt ist. Arg, angsteinflößend und roh geistert ihre Stimme durch den bunt beleuchteten Fahrradkeller. Im Publikum steht auch Puce Mary, die später am Abend bei einer 35-minütigen Performance vor und hinter dem Pult den Post-Industrial-Sound auf fast schon freudige Weise mit sporadischem geradlinigem Gesang kombiniert. Die Gegenwart tröpfelt bei Puce Mary in die Zukunft hinein.

Artists

David Visnjic

Der österreichische Künstler In my talons passt geradezu ideal zum diesjährigen Motto des Donaufestivals. Seine Tracks sind, wenn auch nicht absichtlich konzeptuell so angelegt, eine Art Zusammenschnitt der akustischen Gegenwart. Samples aus Hits von Beyoncé bis Nicki Minaj schließt er mit noisigen Beat-Eruptionen, digitalem Grime und kleinteiligen Electronica-Schnipseln kurz und findet dabei einen hoch emotionalen Zugang. Auch erklingt während seines Sets in der Minoritenkirche möglicherweise zum ersten Mal am Donaufestival auch wirklich sakrale Musik, denn die gregorianischen Choräle aus seiner Sample-Datenbank hat er extra für den Aufführungsort herausgearbeitet. In all dem Sturm an Eindrücken liegt bei In my talons auch etwas Tröstliches, ein gemeinsames Gefühl inmitten des Chaos, sodass die Endlosigkeit des Jetzt auf einmal gar nicht mehr so bedrohlich scheint.

Gravetemple Donaufestival

David Visnjic

Zum Abschluss des ersten Wochenendes braut das Supergroup-Trio Gravetemple einen Drone-Metal-Brei, dem man sich nur schwer entziehen kann. Musik wie Teer – zähflüssig wälzen sich die Zeitlupen-Drones von Sunn O)))-Mastermind Stephen O’Malley durch den Raum, Mayhem-Sänger Attila Csihar grunzt dazu in fremden Stimmen apokalyptische Drohungen. Hier zeigt sich einmal mehr der große Vorteil des Kremser Stadtsaals, nämlich der Holzboden, der als riesige Resonanzfläche das Kitzeln der Basswellen besonders weitflächig verteilt. Wer sich so wie einige Besucher*innen während des Sets von Gravetemple flach hinlegt, bekommt eine kathartische Ganzkörper-Massage des Todes. Entrinnen unmöglich.

Ex Eye

David Visnjic

Ein letztes Staunen entlocken dem Publikum dann noch die Math-Metal-Avantgardisten Ex Eye. Saxophon-Superstar Colin Stetson spielt tollkühne Läufe auf einem Bass-Saxophon, das allen Ernstes genauso groß ist wie er selbst; Drummer Greg Fox kennt halsbrecherische Rhythmen, die ihm wohl eine höhere Macht einflüstert. Virtuosität trifft auf rohes Gefühl und findet in der Symbiose eine außerweltliche Schönheit. Verweile doch, du bist so schön.

Und nach drei Tagen ist die Schleife der endlosen Gegenwart gebrochen. Man taumelt aus den Welten der meditativen, minimalistischen, dröhnenden und/oder aufwühlenden Sounds und Bilder heraus und hört im Tinnitus noch das Nachklingen der geglückten und missglückten Experimente und des Protests im Jetzt.

Aktuell:

Werbung X