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FAKA Donaufestival

David Visjnic

donaufestival

Der Zahn der Zeit

Barbis Ruder, Amnesia Scanner, Coby Sey, FAKA, James Holden: Donaufestival bringt endlose Gegenwart und Kiefer zum Bröckeln

Von Natalie Brunner

I love #myselfie

Wenn mensch es richtig angeht, wird aus Social Media-Aktivitäten ein Job, mit dem mensch Geld verdient. „Influencer sein“ heißt das dann und geht einher mit dem Vermarkten von Produkten oder dem Vermarkten von sich selbst.

Dieses Prinzip treibt die Künstlerin Barbis Ruder in ihrer Performance #likemetoo auf die Spitze. Seit zwei Monaten ist sie auf verschiedenen Plattformen als @realinfluenca unterwegs und versucht Menschen dazu zu bringen, sich einzubringen. Mit einem Crowdfunding-Projekt kann man sich in die Performance einkaufen: 6,66€ kostet es z.B., einen Tweet auf der Wall einblenden zu lassen. Man kann sich auch Werbespots kaufen, die dann dort laufen oder sogar ein Meet & Greet auf der Bühne, bei dem man die eigenen Message unterbringen kann.

Barbis Ruder als real influenca bei der Performance #likemetoo

Clara Wildberger/Donaufestival

Barbis Ruder

Bei der Performance selbst wird einem zuerst eine Gesichtsmaske ausgehändigt – denn alles was hier passiert, wird ja ins Internet gestellt. Und dann ist Influenca da – mit grauer Perücke und Plateauschuhen lacht sie keckernd, findet alles super und macht Selfies.

Das Ganze ist: nervig und vor allem das Lachen total unangenehm. Aber das ist ja die Idee. Barbis Ruder findet Selfies und die ganze Influencer-Kultur auch eher komisch. „Aber ich liebe es, eine Horroshow zu inszenieren aus Sachen, die ich eigentlich nicht mag.“ Der Name Influenca ist bewusst an das Virus angelehnt: „Sie ist Virus im Social Media: Grad gibt’s mal ein Gegenmittel – z.B. Facebooks Klarnamenpflicht – und sie ist weg. Dann kommt sie halt woanders wieder raus – mutiert, wird wieder ausgerottet...“

Heute jedenfalls ist Influenca am Donaufestival zu sehen – man kann sich auch noch mit Inhalten in die Show einkaufen. Wie geil ist das denn!

Druck lässt dich bröckeln

Laut Programm des Donaufestivals macht der junge Südlondoner Cobey Sey Traummusik für dunkle Stadtnächte. Ich glaube hingegen, dass es einer der großen Vorteile von Städten ist, dass es niemals wirklich dunkel wird, mensch dafür nicht so tief schläft und Träume auch nur Fetzen sind, die schnell vom Druck und dem Bildersturm der Tage weggewischt werden.

In letzter Zeit habe ich oft gelesen oder gehört, dass Musikerinnen den Anspruch an ihr Werk stellen, es solle klingen als wäre es aus der Zukunft oder der Vergangenheit. Ich habe nie verstanden, was damit gemeint ist, bis ich gestern das Konzert von Cobey Sey gesehen habe. Da war diese Beschreibung treffend obwohl ich nicht weiß, ob Cobey diesen Anspruch stellt.

Coby Sey Donaufestival

David Visjnic

Coby Sey

Ich kann nicht im Geringsten sagen was das Grundfabrikat, der Rohstoff, die Matrix dieser Musik ist. Electronica? Hip Hop? Abstract Techno? Jazz?

Apokalyptischer Jazz, wie ihn Alan Moores Watchmen hören würden, ein Riss im Raum-Zeit-Gefüge, der einen Tunnel aus David Lynchs Mullholland Drive direkt ins Berghain schlägt? Ich muss an die letzte Platte des großen Poeten Gil Scott Heron denken. Freu mich, dass Cobey Seys Bandkollege Chris Calderwood dem Saxophon Töne entlockt, als wäre es eine gespenstische Sirene, die uns in die Twilight Zone lockt, deren Nebel von Cobey Seys Stimme zerrissen wird und die uns dann unterlegt mit Echos in eine sehr körperlichen und gar nicht losgelösten Trancezustand führt.

Keine Beats, sondern ein Klopfen, das unter metallisch verhallten Loops liegt, synchronisiert sich über Minuten mit meinem Herz-Kreislauf-System, klaustrophobisch und mit beängstigend hoher Pulsrate. Es fühlt sich an wie im Bunker auf Lauschposten, bis Cobey den Bass aufdreht und Scanner-Geräusche dazumischt. Plötzlich sind wir bei einem Rave oder Switchen von einer Pirate Radio Station zur nächsten. Cobey Sey führt uns an einem Ort, ich weiß nicht ob es eine Stadt ist, aber es ist dunkel und intensiv.

Coby Sey Donaufestival

David Visjnic

Chris Calderwood

Krems is burning

Fela Gucci und Desire Marea sind das südafrikanische Perfomance-Duo Faka, das in seinem Werk queere afrikanische Identität feiert. Sie verbinden den südafrikanischen elektronischen Musikstil Gqom mit Ball(room)-Culture und religiös-spirituellen Referenzen. Z.A. is burning und gestern auch die Halle 2 in Krems!

FAKA Donaufestival

David Visjnic

FAKA

Zahnproteste am Donaufestival

Natalie Brunner

Der anwesende Kollege Sepin freut sich über die poetische Ironie des Schicksals, dass der Zahn der Zeit bei einem Festival unter dem Titel „Endlose Gegenwart“ derart heftig an mir nagt, dass ich während des sakral-dämonischen Intros der Ballroom-Schmaninnen Faka ein paar Teile meines Gebisses ausspucke bzw. eine Platinschraube aus meinem Kiefer fällt.

Nachdem wir beide überzeugt sind, dass Faka das Welten und Machtgefüge aus den Angeln heben werden, will Sepin mich überreden, die Platinschraube ihnen als Opfer vor die in Gucci Loafers gehüllten Füße zu legen.

Nachdem die Platinschraube ungefähr so viel kostet wie die Loafers von Fela Gucci, tue ich nur so als ob, bevor ich das tue, was mir Faka zuvor im Interview geraten haben: Get into the groove. Die Feinheiten des Kontexts und die Symbolik der Körpersprache werde ich, der Sprache nicht mächtig, nie lesen können. Eine eindringliche Idee davon, was es bedeutet, ein schwarzer, queerer Mann in Südafrika zu sein, vermittelt das von Desire verfasste Essay:

But what is my life if I am not visible? Contrary to what homosexual rhetoric suggests, my queerness and my radical femininity are not just retractable features of a grander being who can comfortably exist in a cis-heteronormative society. These are not secrets that only expose themselves in who I “choose” to love, in the privacy of my own space, no.

My feminine queerness is all of my identity, it lives in every part of my body and it will manifest through my gestures, my behaviour, my walk, my thoughts, the way I dress and all the things that make me visible as who I truly am.

Und für diese Sichtbarkeit sind Faka vom Publikum des Donaufestivals gestern Nacht gefeiert und verehrt worden.

The idiots are winning

Mit seinem Label Border Community stand der britische Musiker James Holden lange Zeit für vertrackte Dancefloor-Tools mit lieblichen Harmonien, die nie allzu offensichtlich funktionierten, zu denen man aber doch einfach einen emotionalen Zugang finden konnte. Das nehmen ihm manche Menschen heute noch übel. Schon mit seinem ersten Album „The idiots are winning“ aber zeigte James Holden, dass er an den simplen Mechanismen von tranciger Clubmusik nicht interessiert ist.

James Holden Donaufestival

David Vijnic

Seit seiner Entdeckung von Modularsynthesizern hat sich James Holden dann endgültig vom Club im klassischen Sinne abgewandt. Krautrock und Freejazz heißen nun die Eckpfeiler, zwischen denen er, nunmehr im Gespann mit der ausgezeichneten Band The Animal Spirits, seine Kompositionen aufspannt. Trotz aller Referenzen an die Spiritualität von Psychedelik und Jazz verliert sich die Musik nie im bunten Nebel, sondern bleibt klar ausformuliert und tanzbar, kitschfrei und ganz einfach: wunderschön.

Die aktuellen Werke von James Holden sind nicht trotz oder als Gegenbewegung zu, sondern wegen seiner Vergangenheit als versierter DJ entstanden. Sie zeigen die Verbindungslinien auf, die zwischen allen Musikgenres bestehen und die in einem Raum voll Menschen, die durch Musikliebe vereint sind, transzendentale Kräfte entwickeln können. Beim Donaufestival ist das passiert.

James Holden Donaufestival

David Vijnic

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