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Silhoutten zweier Köpfe vor einem Bücherregal

CC0 Creative Commons

Wortlaut

Wir arbeiten irgendwie miteinander. Manchmal auch gegeneinander.

Eine schreibt. Eine kritisiert. Wie man als Autorin mit Kritik umgeht, warum man es als Kritikerin mit der Empathie auch nicht übertreiben muss und weshalb es zu wenige Verrisse gibt, erklären Lucy Fricke und Daniela Strigl.

Von Zita Bereuter

Natürlich kann sich Lucy Fricke an ihren ersten Verriss erinnern. 2007 sei das gewesen, bei ihrem ersten Buch. „Das tut man aber nicht“, unterbricht Daniela Strigl bestimmt. „Das tut man nicht, ein Debüt verreißen.“ Das sei ein ungeschriebenes Gesetz. Man dürfe das eine oder andere kritisch anmerken, aber gleich beim ersten Versuch, wenn jemand die Bühne betrete, dürfe man dem nicht auf die Zehen steigen. Dem Kritiker von Lucy Fricke war das damals egal. Sie hat sich seinen Namen gemerkt. „Der hat sich natürlich eingebrannt.“

„Ich hab mir den Namen gemerkt ... Mistkerl“

Zehn Jahre später traf sie diesen Kritiker zum ersten Mal bei einem Abendessen. Der hatte gar keine Erinnerungen mehr an Lucy Fricke oder ihr Debüt - während ihr sein Name all die Jahre sehr präsent war. „Und dann war der wahnsinnig nett und freundlich und ich hab mir immer gedacht - Mistkerl!“

Cover Lucy Fricke "Töchter"

Rowohlt Verlag

Lucy Fricke: Töchter, Rowohlt 2018

mit ihrem vierten Roman „Töchter“ schaffte es Lucy Fricke auf diversen Bestsellerlisten (Spiegel Bestsellerliste Platz 13)

Auch Lucy Frickes Erzählung von damals habe zu keiner Erinnerung beim Kritiker geführt. Während der Kritiker das Buch also an mehr oder weniger einem Tag abgehakt habe, war Lucy Fricke monatelang schlecht drauf. Der habe ihr damals den Anfang verhagelt und ja, sie war geknickt und sauer.

Mittlerweile überfliegt Lucy Fricke Kritiken zu ihren Büchern erst mal und schaut nur, ob sie gut oder schlecht sind. Ein paar Stunden später oder am nächsten Tag liest sie die Kritiken dann nochmal. Dann freue sie sich entweder sehr oder ärgere sich manchmal. „Nicht, weil es dann kritisch ist, sondern wenn ich das Gefühl habe, das Buch wurde nur so quergelesen und die Kritik ist dann auch ein bisschen schlampig geschrieben. Dann bin ich richtig wütend.“

Ein Vergnügen, ein Buch zu verreißen

Querlesen kann man Daniela Strigl nicht vorwerfen. Dass sie ein zu kritisierendes Buch nicht gelesen hat, kommt nicht vor. Das habe aber auch manchmal zur Folge, dass sie sich über ein Buch sehr ärgert, wenn sie noch zweihundert Seiten durchhalten müsse. „Es kommt aber vor, dass ich Lust hätte, das Buch wegzulegen.“

Stattdessen aber wird gelesen. Und verrissen. „Es wäre gelogen, zu sagen, dass es kein Vergnügen macht, ein Buch zu verreißen.“

Manchmal sei das auch Rache. Am Buch. Wenn man sich tage- oder wochenlang beim Lesen über ein Buch geärgert habe, brauche man ein Ventil, um diesen Ärger loszuwerden. „Wenn der Autor Pech hat, ist dieses Ventil die Kritik.“

Lucy Fricke und Daniela Strigl in einer Bildmontage

Peter Meierhofer, Dagmar Morath, Montage: FM4

Lucy Fricke (li.) lebt in Berlin. Nach „Durst ist schlimmer als Heimweh“, „Ich habe Freunde mitgebracht “ und „Takeshis Haut“ ist „Töchter“ ihr vierter Roman. Daniela Strigl lehrt am Institut für Germanistik in Wien und rezensiert für verschiedenste Zeitungen (FAZ, Falter, Der Standard, Die Zeit u.a.), Staatspreis für Literaturkritik, Mitglied der Jury beim Wettlesen um den Bachmannpreis, Jury für den deutschen Buchpreis und den Preis der Leipziger Buchmesse.

Kritiker dürfen nicht beliebt sein

Kritiker dürfen nicht beliebt sein, schreibt Daniela Strigl in „Alles muss man selber machen.“ Dennoch müsse man den Autoren immer in die Augen schauen können und dürfe einem Konflikt nicht aus dem Weg gehen. „Es kommt ja doch manchmal vor, dass man das Buch schlecht bespricht und dann den Autor trifft.“ Aber prinzipiell findet sie, „dass jeder, der ein Buch schreibt auch das Recht hat, auf eine narzistische Kränkung.“

Buchcover

Literaturverlag Droschl

Daniela Strigl: Alles muss man selber machen. Biographie, Kritik. Essay. Droschl Verlag 2018

Auch Lucy Fricke hätt gern klare Haltungen und keine Verfilzungen zwischen Autoren und Kritikern. „Das alle so weich und freundlich miteinander sind, kann es nun auch nicht sein.“ Sie wünscht sich, dass es bei Kritiken wieder mehr zur Sache geht anstatt gemeinsames Kaffeetrinken und sich loben. Bei diesem ständigen mittelmäßigen Lob hakt Daniela Strigl ein. „Wenn alles irgendwie gut ist, sind die außergewöhnlichen Bücher ja nichts Besonderes.“ Bei den Zitaten aus Rezensionen auf Buchrücken frage sie sich manchmal, was denn die Leute machen, wenn es einmal wirklich ein tolles Buch gibt, ein Buch, das unsere Zeit überdauert? Für die Bücher habe man ja dann gar keine Eigenschaftswörter mehr, wenn die Superlative jetzt schon so häufig verwendet werden.

Die Handlung ist nicht wichtig

In einer guten Buchkritik ist laut Strigl der Inhalt das Unwichtigste. Vielmehr soll die Kritik zeigen, was das Buch so einmalig macht und auch argumentieren, warum man lobt oder tadelt. Zweiteres sei oft einfacher, meint Daniela Strigl. Zitate sollen das Behauptete belegen und es soll nicht zu viel Platz für die Widergabe des Inhalts verschwendet werden „Weil das ist das am Wenigsten Interessante an jedem Buch.“

Auch für Lucy Fricke ist in einer Kritik die Handlung nicht das Entscheidende. Viel wichtiger sei der Stil, die Gedanken, die Haltung, der Ton. Und dabei mit dem Anspruch des Buches zu denken und nicht mit einem Anspruch von außen, wenn Kritiker sich etwa Figuren anders wünschen: „Der Anspruch an Figuren, dass die besser sein müssen als Menschen, die unendlich viel Mist bauen und Quatsch machen. Und das ist nicht logisch. Menschen verhalten sich nicht logisch und von Figuren wird das immer so verlangt.“

FM4 Interviewpodcast

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Das Gespräch mit Daniela Strigl und Lucy Fricke gibt es auch im FM4 Interviewpodcast.

„Man kann sich nicht den Roman, den man nicht geschrieben hat, herbeiwünschen, wenn man mit dem vorhandenen unzufrieden ist.“, ergänzt Daniela Strigl. Kritiker können nicht den Roman neu schreiben.

Nicht mit der Empathie übertreiben

“Kränkung oder Freude – ich habe die Wahl.", zitiert Daniela Strigl die österreichische Autorin Marie von Ebner Eschenbach in ihrem Buch. Aber so einfach ist das nicht. Auch wenn es neun positive Kritiken gibt und eine negative – die negative bleibt länger hängen. Zumindest ist das auch bei Lucy Fricke so. Natürlich lese sie auch eine Hymne gerne zehn Mal durch, gibt sie lachend zu. Das schlechte lese sie nur ein oder zwei Mal. „Es schlägt halt stärker ein. Ich lieg jetzt auch nicht abends im Bett und erinnere die schönsten Zitate aus der Hymne, sondern ich denke ‚oh Gott, da hat jemand was schlechtes gesagt und damit schlafe ich dann leider ein.‘

An derartige Einschlafstörungen denkt Daniela Strigl beim Kritisieren nicht. „Man muss es auch nicht übertreiben mit der Empathie, sonst schreibt man keinen graden Satz mehr.“

Wortlaut

Gerade am Anfang einer Karriere sei ein Literaturwettbewerb wichtig. „Ich hab ja mit einem Wettbewerb angefangen.“ 2005 hat Lucy Fricke den Open Mike gewonnen. Daniela Strigl war jahrelang in der Jury um das Wettlesen vom Bachmannpreis.

Die Wortlautjury arbeitet übrigens seit Jahren ohne Honorar! Besonders herzlichen Dank daher an:

Heuer sind Lucy Fricke und Daniela Strigl Jurorinnen bei Wortlaut, dem FM4 Kurzgeschichtenwettbewerb.

Das Wichtigste ist für beide die Sprache. Schon beim ersten Satz oder Absatz merke man, ob es sich lohnt, weiterzulesen. In einem eigenen Ton könne man ihr alles Mögliche erzählen, meint Daniela Strigl.

Handlung ist auch für Lucy Fricke nicht so Wichtig. „Ich kann auch eine Kurzgeschichte lesen über eine Frau, die am Küchentisch sitzt und nachdenkt. Das kann auch wahnsinnig spannend oder komisch sein.“ Ein eigener anderer Ton überzeugt die Beiden. Daniela Strigl fasst zusammen: „Bei einer Kurzgeschichte hat man ja nicht so viele Möglichkeiten, die Sache zu retten. Entweder, es geht gleich auf oder es funktioniert eben nicht.“

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