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Christian Petzold

Pamela Russmann

Die Verlassenen haben die schöneren Lieder

Regisseur Christian Petzold erinnert sich im FM4 Doppelzimmer an seine Jugend in den 80er-Jahren im Ruhrgebiet, erzählt über das Gefühl von Verlassen sein und warum Neil Young seiner Meinung nach zu Unrecht Anti-Feminismus vorgeworfen wird.

Von Elisabeth Scharang

„Ich habe während meines Regiestudiums alles gelesen, was ich zu Filmtherorie und Filmgeschichte in die Hände bekam. Und als es dann darum ging, eine eigene Geschichte zu schreiben, musste ich erkennen, dass ich nichts zu erzählen hatte.“

FM4 Doppelzimmer mit Regisseur Christian Petzold
Am 10. Mai 2018, 13-15 Uhr
und im Anschluss im FM4 Player und im FM4 Interview Podcast.

Christian Petzold, dem von der Filmkritik das Label des intellektuellen Autorenfilmers verpasst wurde, erzählt über seine erste Krise auf dem Weg zum Filmemachen. Der Punkt, an dem man erkennt, dass man sich zwar aus den Meisterwerken der Filmgeschichte nähren kann, aber daraus nichts Eigenes entsteht. Dafür braucht es das Risiko, sich für einen kleinen Ausschnitt der Welt zu interessieren, der nicht spektakulär ist. Aber aus dem heraus man Geschichten über Menschen erzählt, an die Zuschauer*innen andocken wollen.

Christian Petzold

Pamela Russmann

Für seinen ersten Spielfilm „Pilotinnen“ ist Petzold als Student zurück nach Hause gefahren: in die eingezäunten Gärten mit den Häusern, die sich deren Bewohner*innen mühsam abgespart haben, und den Frauen, die in diesen behüteten Gefängnissen wohnen. „Meine Mutter war eine dieser Avlon-Ladys, sie hat Kosmetikpartys veranstaltet, so wie es auch die Tupperwarepartys gibt. Die schönen Flacons mit Parfums, die französische Namen trugen, haben ein Stück Freiheit suggeriert. Die Männern, die den ganzen Tag auswärts in einer der entfernten Städte gearbeitet haben, waren nicht minder gefangen in einem Lebensstil, von dem ich als Jugendlicher vor allem eines wollte: weit weg.“

FM4 Interviewpodcast

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Das FM4 Doppelzimmer mit Christian Petzold im Interviewpodcast

Petzolds Eltern sind unabhängig von einander als 15- und 17-Jährige aus Ostdeutschland in den Westen geflohen. Alleine, die Familien sind in der ehemaligen DDR geblieben. Das war kurz bevor die Mauer gebaut wurde. Was sie als junge Menschen damals in den Lagern, in die sie gesteckt wurden, erlebt haben, darüber haben sie nie geredet. Geblieben ist ein diffuses Heimweh und der Drang, sich nach außen abzuschotten. Zumindest durch einen Gartenzaun. Für seinen ersten Kinofilm „Die Innere Sicherheit“ hat Petzold genau diesen Zustand in eine Filmgeschichte übersetzt. Ein Paar lebt mit seiner 15-jährigen Tochter im Untergrund, sie sind ständig auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit, die sie einzuholen droht. Die beiden waren 15 Jahre zuvor Mitglieder der RAF, der Roten Armee Fraktion, und stehen immer noch auf der Fahndungsliste.

Dieser Film hat Filmemacher*innen wie Kritiker*innen in den angehenden 2000er Jahren beeinflusst und beeindruckt. Präzise Räume, in denen sich Menschen bewegen, die zerrissen sind – zwischen dem Leben und dem Tod, dem Sichtbaren und dem Spürbaren. Petzold ist dafür mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet worden.

Christian Petzold

Pamela Russmann

Wir streifen in unserem intensiven Gespräch nur am Rande seinen neuen Film „Transit“, weil ich jedem und jeder wünsche, sich pur und ohne viel Vorwissen dafür ins Kino zu setzen. Aber das Abendlied, danach muss ich ihn fragen. Ein Kinderlied, in dem es um den Tod geht, das von Franz Rogowski in „Transit“ gesungen wird und sofort einen festen Platz im emotionalen Erinnerungsspeicher findet. Das Lied hat Petzold schon lange begleitet, nicht zuletzt, weil er es seinen eigenen Kindern oft vorsingen musste, damit sie einschlafen.

Solche Versatzstücke tauchen in unserem Gespräch immer wieder auf und ziehen Bögen zwischen dem Filmemacher, dem Bruder, dem Sohn und dem Fan Christian Petzold – zu hören im FM4 Doppelzimmer am 10. Mai von 13 bis 15 Uhr und im Anschluss im FM4 Player und im FM4 Interview Podcast.

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