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Techno ist nicht mehr so liberal wie früher

In Berlin bedeutete Techno in den 1990ern hemmungsloser Hedonismus. Heute steht Techno eher für lange Warteschlangen und strenge Türpolitik.

Von Todor Ovtcharov

Ich werde immer sentimental, wenn ich in Berlin bin. Ich habe dort bloß zwei Jahre gelebt, doch mir kommt es vor, als ob dort jede Ecke zu mir spricht: Da irgendwo war das Haus von einem Mitschüler, wo ich das erste mal Becherovka getrunken habe. Meine einzige Erinnerung nach der Becherovka war, dass ich von den Eltern meines Mitschülers in das kleine Auto meiner Mutter verladen wurde. Dann sehe ich den Wald, wo sich mal der Vergnügungspark Spreepark befand. Dort ritt ich unzählige Male auf dem „fliegenden Teppich“ und hatte einen Riesenspaß die anderen Parkbesucher von oben zu bespucken. Und die Siegesäule verbinde ich immer mit der damals ihren Höhepunkt habenden „Love Parade“.

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Ich wohnte ganz in der Nähe der Siegessäule und beobachtete, wie sich die Straßen mit Autos aus ganz Deutschland füllten. Aus ihnen kamen ganz „normale“ deutsche Bürger heraus, die sich bald danach in bunte Raver verwandelten. Über der Stadt dröhnte der Bass der Technoanlagen. Die sich in Trance befindlichen Massen folgten den bunten Wägen mit den riesigen Boxen wie Pilger. Gott war ein DJ.

Alle glaubten, dass sie Teil einer alternativen, besseren Gesellschaft sind, abseits des Konsumationsdrangs. Alle tanzten, und der Bass machte deren Köpfe platt. Dieser allgemeine Trancezustand passierte auf jenen Straßen, wo die heftigsten Gefechte des zweiten Weltkriegs stattgefunden hatten. Der Sound der mächtigen Stereoanlagen war stärker als der der sowjetischen Artillerie. Er brachte die Kristallgläser der braven Bürger zum Zerbrechen. Aber sowohl die Geschichte als auch die bürgerliche Gesellschaft waren den Massen egal. Sie pissten (wortwörtlich) auf die Gesetze der Bundesrepublik. Jeder war willkommen. Es war Zeit für einen hemmungslosen Hedonismus.

Wegen dieser Erinnerung dachte ich mir bei meinem Berlinbesuch letzte Woche, dass ich unbedingt einen Technoclub besuchen muss. Ich bin kein fanatischer Raver und verstehe die hunderten Subgenres des Techno nicht wirklich. Doch, wie ich bereits erwähnt habe, werde ich immer sentimental.

Ins berüchtigte Berghain traute ich mich gar nicht. Ich fuhr zu einem kleineren Cousin von ihm, irgendwo am Arsch der Welt, im Plattenbaudschungel Ostberlins. Der Taxifahrer, der uns fuhr, meinte, dass wir höchstwahrscheinlich nicht reingelassen würden. Wir hätten zu bunte Klamotten an. Ich sagte ihm, dass im Techno alles erlaubt ist, es ist ein Territorium des freien Willens. Der erfahrene Taxler lächelte nur und fuhr weiter. Er meinte nur, wir sollten uns aufteilen, da die Türsteher keine große Gruppen mögen. Wir lachten nur.

Die Schlange bestand aus ein paar hundert Leuten. Wenigstens ging sie schnell voran. Nach eineinhalb Stunden waren wir vor der Tür. „Heute abend nicht!“, sagte der Türsteher. Wir waren eine viel zu große Gruppe. Ich schaute nach dem Taxi, aber es war weg. Wenn Gott ein DJ ist, ist sein Prophet ein Taxifahrer? Ich wurde im Technotempel nicht reingelassen. Techno ist nicht mehr so liberal wie früher. Er ist exklusiv, nur Auserwählte dürfen ihn genießen.

Da ich nie zu den Auserwählten gehört habe, nehme ich es gelassen. Techno macht mich sentimental, aber muss ich deswegen Geld für ein Taxi ausgeben?

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