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Brit Bennett

Emma Trim

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Die düstere Seite der Moralpredigt

Die 17-jährige Nadia ist schwanger - und entscheidet sich für eine Abtreibung. Die Folgen sind auf vielen Ebenen fatal. So beginnt der sehr gute Bestseller-Debütroman „Die Mütter“ der US-amerikanischen Schriftstellerin Brit Bennett.

Von Lisa Schneider

Die Angst, dass der Streifen blau wird und die Übelkeit nicht nachlässt, dass es wirklich passiert ist, und das im mittleren Teenageralter: Vor allem als junge Leserin schlüpft man gedanklich schnell in die Situation der 17-jährigen Nadia, die Protagonistin aus Brit Bennetts Roman „Die Mütter“. Sie ist schwanger geworden, und das weniger aus Liebe zum Pastorensohn Luke als vielmehr in dem Gedanken, durch Sex die Trauer über den Suizid ihrer Mutter kurz zu vergessen.

Brit Bennett

Rowohlt Verlag

„Die Mütter“ von Brit Bennett erscheint in der Übersetzung von Robin Detje im Rowohlt Verlag.

Keine Geschichte nur für Frauen

Brit Bennetts Buch ist aber kein Roman, der sich ausschließlich an eine weibliche Leserschaft richtet; und genauso wie mit verschwimmenden Geschlechterrollen geht die Autorin mit der Hautfarbe um. Dass alle Hauptfiguren schwarz sind, wird nie ausdrücklich erwähnt, erst im Zuge der Geschichte, anhand von Aussagen und Beschreibungen, wird das klar.

Die Geschichte spielt in Oceanside, einer kleinen Stadt in Südkalifornien im County San Diego - ein Ort, konservativ auf viele Arten: Die Kirche regiert im eigentlichen Sinn. Als sogenannte „Mothers“ werden die Kirchenmütter bezeichnet, jene alten Frauen in der Gemeinde, die alles wissen und alles kommentieren, wie es zwar nicht dem Kirchenchor, aber dem Chor in der griechischen Antike immer schon zugeschrieben war.

„That’s why I wanted to explore the church mothers who are often dismissed as gossipy old ladies and don’t have institutional power. But they do have power. I think gossip has social power. Gossip is the construction of narratives around people; it spreads, and that’s something that’s powerful.“, sagt die Autorin in einem Interview zum Buch.

„I was also interested in the idea of a black girl getting an abortion, which is controversial in her community. How much freedom do you have over your body? This is one of many questions that I think a black church like The Upper Room would find shameful.“

Brit Bennett wächst, wie ihre Protagonistin Nadia, in Oceanside auf. Die autobiogafischen Züge enden dort aber auch schon - die Autorin erzählt in einem Interview, die Entscheidung, die Geschichte an ihrem Heimatort spielen zu lassen, sei mehr eine „decision of craft“ gewesen denn die Idee, die Hauptperson mit ihrer eigenen zusammenfließen zu lassen. Vor ihrem Debütroman, den die Autorin im selben Alter, in dem sich die Protagonistin Nadia mit ihrer Schwangerschaft konfrontiert sieht, zu schreiben begann, hat sie schon einige sehr persönliche Artikel veröffentlicht. Sie behandeln ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus und Polizeigewalt. Der bekannteste wurde 2014 vom Onlinemagazin Jezebel veröffentlicht und trägt den Titel „I Don’t Know What To Do With Good White People“.

Rassismus in jeder kleinen Ritze

Spuren ihrer gesellschaftlichen Erfahrungen als junge schwarze Frau im zeitgenössischen Amerika fließen auch in „Die Mütter“ ein. Bennetts Aufwachsen in dieser - auch aufgrund des Militärstützpunktes - multiethnischen Gemeinde bildet die Grundlage der Erzählung. Der Rassismus schwingt in subtilen Zeilen mit, und dabei geht es um jene Art von Rassismus, der tief sitzt und vor allem überall ist. Wenn etwa Nadia, als sie für ihr Studium nach Michigan zieht, von der großteils weißen Bevölkerung aufgrund ihrer Hautfarbe über die Straße hinweg beleidigend angeschrien wird; zuhause im Diner in Oceanside ein alter schwarzer Mann aber ebenso unentwegt auf „die Mexikaner“ schimpft.

Brit Bennett

Emma Trim

Brit Bennett (*1990) wuchs in Oceanside, Südkalifornien auf. Sie hat an der Stanford University und an der University of Michigan studiert. 2014 erhielt sie den Hopwood Award in Graduate Short Fiction ebenso wie den Hurston/Wright Award für College Fiction.

Ihre Texte wurden im The New Yorker, The New York Times Magazine, Jezebel und The Paris Review veröffentlicht.

Der Alltagsrassismus, dem sich die Figuren Brit Bennetts ausgesetzt sehen, bildet eine Art äußere Klammer der Geschichte; er ist eben überall, die multiethnische - nicht nur die schwarze - Bevölkerung von Oceanside lebt mit ihm. Die innere Klammer der Geschichte, wenn man so will, ist die der straffen Moralvorstellungen sowie der Glaube, der oft selbstgerecht dazu benutzt wird, Abschätzigkeiten denen gegenüber auszuteilen, die ohnehin schon am Boden liegen. In diesem Fall einem jungen Mädchen das Gefühl zu geben, sie hätte in der Gemeinschaft keinen Platz mehr.

Auge um Auge

Es ist wie gesagt die starke Kirche, um die alles kreist, die entscheidet, was moralisch gut, und was dagegen verwerflich ist. Als Nadia von dem Pastorensohn Luke geschwängert wird, werden schnell die nötigen 600 Dollar gezückt - schamlos von der Pastorenfamilie und deren tyrannischer „First Lady“, um diese unpassende Situation schnell und heimlich zu lösen.

Wie sehr nicht nur Nadia persönlich, die wir bis hinein in den Raum der Klinik begleiten, in dem die Abtreibung vorgenommen wird, sondern auch ihr ganzes Leben unter diesem Eingriff leiden wird, wird leise und langsam klarer. Der Roman entwickelt sich zur Sozialstudie einer ganzen Gemeinde, losgetreten von diesem einen Ereignis. So schnell passiert, so schnell gelöst, und doch so schwerwiegend, dass es nicht verdrängt werden kann. Klar wird außerdem im Zuge der weiterlaufenden Geschichte, wie schlimm der Verlust des Kindes auch für den jungen Vater Luke war, auch, wenn er selbst das erst sehr spät begreifen wird.

Von der Menschlichkeit der Mutterschaft

Dass Brit Bennett ihren Roman „Die Mütter“ nennt, ist eine gleichzeitig einfache wie höchst komplexe Entscheidung, die im Buch von vielen Seiten her betrachtet wird. Als Mutter schlüpft man von einem alten Leben in ein neues, aber welche Person ist es, die da entsteht? Schnell werde oft vergessen, dass jede Mutter auch einmal Mädchen war, naiv vielleicht, auf Partys tanzend, knutschend, trinkend, lebend. Daran erinnern - zwar in höchst konservativem Jargon, aber doch - auch die „Kirchenmütter“, die in verschiedenen Kapiteln ihre Sicht auf die Gemeinde kundtun.

Nadias Mutter nimmt sich das Leben, Nadia wiederum nimmt das ihres Kindes. Nadias Geschichte liest sich an manchen Stellen wie eine Erzählung aus den 60er Jahren, als Abtreibungen noch gänzlich illegal waren, und deshalb oft höchst riskant zuhause durchgeführt wurden. Am eindringlichsten hat so eine ähnliche Situation ein anderer amerikanischer Schriftsteller festgehalten, es war Richard Yates in „Revolutionary Road“.

Das Unwohlsein, das Brit Bennetts Zeilen auslösen, wenn sie von den Moralpredigten und von dem Skandal erzählt, den eine Abtreibung auch heute noch bisweilen darstellt, betont einmal mehr die Tatsache, dass es sich dabei immer noch um ein gesellschaftliches Tabuthema handelt.

Und das ist auch in Österreich so. Es ist nicht bekannt, wieviele Abtreibungen in Österreich jährlich vorgenommen werden, weil die Zahl statistisch nicht erfasst ist. Die Ziffer wird auf 30 bis 60.000 geschätzt. Straffrei sind Abtreibungen nur dann, wenn sie in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft und unter ärztlicher Beratung durchgeführt werden.

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