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Fußball Hooligans mit Pyro in Bulgarien

CC-BY 4.0 von Biso https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56883491

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Wer braucht ein Hakenkreuz-Tattoo, um zum Mann zu werden?

Beim Fußball werden Jungen zu Männern, meint mein Opa. Ob er das heute auch noch sagen würde, wo Hakenkreuze und Bomben in Bulgariens Stadien auftauchen?

Von Todor Ovtcharov

Als Kind ging ich oft mit meinem Opa ins Stadion. Er war ein ehemaliger Fußballer von Spartak Varna gewesen und hatte das Fußballspielen wegen meiner Oma aufgegeben. Laut ihr sind alle Fußballer und Fußballfans nichts als Taugenichtse. Mein Opa sagte dazu nichts, er hatte ja den Fußball wegen ihr aufgegeben.

Titelbild: CC-BY 4.0 von Biso

„Wie kannst du nur das Kind zum Spiel mitnehmen?“, fragte meine Oma, als wir zum Stadion gingen. „Dort lernt er nur zu hassen und zu fluchen!“ Trotzdem gingen wir. Meine Oma glaubte, wir machten nur einen Ausflug. Meinem Opa gab sie immer eine Thermosflasche mit Kaffee mit und mir eine mit Tee und einen Kuchen.

Im Stadion aßen wir natürlich Sonnenblumenkerne, wie alle anderen Fußballfans, und keinen Kuchen. Mein Opa vergaß auch schnell den Kaffee und schimpfte über die schlechten Spieler heutzutage und über den Schiedsrichter.

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Nach dem Spiel warf er den Kaffee und den Tee weg und den Kuchen gaben wir den Möwen. „So wirst du ein Mann, mein Junge!“, sagte er. „Jetzt glaubt deine Oma, dass wir den Kuchen gegessen haben und wird zufrieden sein. Frauen muss man immer zufrieden stellen, vergiss das nie!“, und zwinkerte mir zu. Und so wartete ich aufs nächste Wochenende, um wieder mit ihm ins Stadion zu gehen.

Daran erinnere ich mich, als ich ein fürchterliches Foto von einem Fußballspiel in Bulgarien betrachte. Das Foto wurde vor einer Woche gemacht, beim bulgarischen Cupfinale. Auf dem Foto sieht man zwei Kinder im Alter von 9 oder 10. Sie sind oben ohne und ihre Körper sind mit Hakenkreuzen und ACAB Aufschriften bedeckt. Das eine Kind macht einen Hitlergruß.

Dass sich Fußballfans in Bulgarien Hakenkreuze tätowieren ist mittlerweile allen egal - aber das sind Kinder, Kinder, die die Symbolik des Hitlergrußes wahrscheinlich nicht kennen. Wer grüßt wohl so in ihrer Familie?

Die öffentliche Meinung in Bulgarien empfand das Foto als skandalös. Gestern sah ich ein Interview mit dem Vater eines der Kinder. Auf die Frage, warum sein Kind so bemalt ist, sagte er: „Ein mir unbekannter Mann hat die Sachen auf seinen Körper gemalt und ich habe gar nicht darauf geachtet!“ Er könne auch nichts schlecht daran finden, dass sein Kind dort im Stadion steht, im gleichen Stadion, wo vor 20 Tagen eine junge Polizistin von einer Bombe fast umgebracht worden war, die von der Tribüne aus geworfenen wurde.

Vielleicht glaubt dieser Vater ja, dass man zum Mann wird, indem man Frauen mit Bomben bewirft und nicht, wenn man sie zufriedenstellt. Mein lieber Opa, was ist bloß aus uns geworden?

Mein Opa lebt schon lange nicht mehr. Und das Stadion, wo wir zusammen hingegangen sind, gibt es auch nicht mehr. Durch seine Tribünen verläuft jetzt eine Schnellstraße.

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