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Foto am Titelblatt des Guardian: The Meg & Harry Effect

Robert Rotifer

ROBERT ROTIFER

A woke wedding?

Ignorieren reicht diesmal nicht: Das Gutfinden von Meg & Harry im linksliberalen britischen Medien-Mainstream ist Symptom der verhängnisvollen Verirrung des progressiven Lagers.

Von Robert Rotifer

Als Teil der alternden Zielgruppe, die noch Zeitungen abonniert, bin ich sie ja gewohnt, die zunehmend desperaten Fehlversuche von Zeitungsmacher_innen, zu erraten, was meinesgleichen überhaupt noch von ihnen will.

Nun war es an sich eine ungeschriebene Vereinbarung zwischen jenen, die den (relativ) linksliberalen Guardian machen, und jenen, die ihn lesen, dass Erstere Letztere mit den anderswo unausweichlichen Geschichten aus dem britischen Königshaus verschonen.

Passend zur Umstellung der Zeitung auf Tabloid-Format wurde dieses Abkommen nun auf exzessive Weise gebrochen bzw. infolgedessen letzte Woche mein Frühstückstisch von einem Porträt von Harry und Meghan auf signalgelbem Hintergrund verunziert, begleitet von der Überschrift „Meghan makes over the monarchy!“ und der scheinbar ernst gemeinten Frage, ob es noch irgendeine Hoffnung für die republikanische Bewegung gäbe.

Titelblatt der Guardian-Beilage mit Meg und Harry auf dem zerknitterten Cover

Robert Rotifer

Wir müssen hier Begriffe klären: In einer rückständigen Gesellschaft wie der britischen, wo Menschen noch völlig legal und unverschämt das Recht auf Herrschaft erben, hat „republikanisch“ nichts mit Donald Trump oder den deutschen Vorgängern der AfD zu tun, sondern benennt die Absicht, irgendwann doch noch zu erreichen, was die Österreicher_innen heuer schon seit 100 Jahren genießen (zeitweilig unterbrochen von um nichts wünschenswerteren Herrschaftsformen): die Abschaffung der Monarchie.

Prinzessinnen gegen Privilegien?

Nun war ja der Artikel zum Titelblatt der Guardian-Beilage eine durchaus respektable Montage aus Zitaten überrumpelter Menschen in Fuzos und ein paar antimonarchistischer Aktivist_innen, vermengt mit Meinungsumfragen, man darf sich angesichts seiner Aufmachung aber schon fragen, was für eine eigenartige Umkehr der Verhältnisse da gerade stattfindet:

Wie man nolens volens mitgekriegt haben wird, schießt sich genau der Teil der britischen Presse, der sonst königliche Hochzeiten als nationalen Dauer-Orgasmus inszeniert (Daily Mail, Express etc.), dieser Tage aus allen Rohren auf die Braut und deren Familie ein. Man könnte jetzt sagen, der rabiate Boulevard, der bei der Verlobung das Pärchen noch als Verkörperung des modernen, weltoffenen Großbritannien abfeierte, habe sich damit selbst entlarvt. Aber das tut diesmal eben auch die andere Seite auf symptomatisch bedenkliche Art.

Man sollte ja echt nicht erklären müssen, warum es per Definition keine „feministischen Prinzessinnen“ geben kann, aber tun wir es trotzdem: Wer sich in ein System der Weitergabe von Herrschaftsansprüchen durch Geburt einklinkt, kann nicht mehr glaubhaft kritisch von Privilegien reden.

Genauso müßig zu erwähnen, dass ein ehemaliger Soldat, der in Afghanistan ein Käppchen mit der aufgestickten Botschaft „We do bad things to bad people“ trug und es einmal lustig fand, in Nazi-Uniform auf eine Party zu gehen, als Vorzeigemodell eines reformierten Männertypus eher weniger überzeugt.

Und selbst wenn die königliche Familie wegen ihres Neuzugangs zur Abwechslung so tun muss, als hätte sie sich dem Anlass zuliebe Rassismus, Sexismus und Snobismus abgewöhnt (Prince Philips diverse Ausritte finden die Leute ja immer ganz komisch, aber sein Sohn Charles kann’s auch ganz gut. Zum Beispiel, als er neulich der Autorin Anita Sethi erklärte, sie sähe nicht so aus, als komme sie aus Manchester). Das ändert noch lange nichts dran, dass die Neue vor ihrer Hochzeit selbstverständlich der anglikanischen Kirche beitreten musste, die ihre Schwiegeroma zum Oberhaupt hat. Da kennen die Regeln des Klans nach wie vor nix.

Schielen nach der Obrigkeit

Dass der Guardian all das in seinem geballten Meg-&-Harry-Gutfinden auszublenden versteht, ist nicht bloß eine harmlose Verirrung, motiviert von seiner seit letztem Jahr wieder um 8 Prozent gesunkenen Auflage (Brexit-Kampfblätter wie die Daily Mail und der Daily Telegraph verloren 11 bzw. 19 Prozent).

Es entspricht vielmehr der in sich für progressiv haltenden Kreisen immer stärker zu beobachtenden Tendenz des Schielens nach Obrigkeiten zur Festschreibung des vermeintlich Erreichten.

Während die Bevölkerungen sich reaktionäre Regierungen wählen, erfreut man sich dankbar an den reformierten Riten von Preisverleihungen, Filmfestspielen oder eben königlichen Vermählungen als Beweise der fortschreitenden Weltverbesserung. So als wären all diese Institutionen nicht spezialisiert auf kosmetische Image-Optimierung des Status Quo (zum Zweck von dessen Bewahrung).

Wie die Meg-&-Harry-Show nun zeigt, stellt sich „Team Woke“ sogar noch affirmativ hinter den britischen Rest-Feudalismus, solange bloß die Diversity-Optik passt.

Ungewählt, aber „mit Qualität“

Analog dazu findet in dem anderen großen Kampf hier (Brrrrrrxit) gerade was unschön Ähnliches statt. Dort hat sich nämlich ausgerechnet das teils aus Aristokrat_innen, teils aus um die Bereicherung der Nation (oder notfalls ihrer selbst) verdienten Persönlichkeiten zusammengesetzte House of Lords als effektivste Opposition zu jener rabiaten Brexit-Fraktion erwiesen, die die Regierung vor sich her in den Abgrund treibt.

15 Mal haben die Lords und Ladies der Regierung schon Veränderungen in ihre auf eine Zukunft als williges Deregulierungsparadies zugeschnittenen Brexit-Gesetze geschrieben: vom Verweilen im Binnenmarkt über eine Streichung des festgelegten Austrittsdatums im März 2019 bis hin zu einer Erhaltung der EU-Umwelt-Standards. Die Daily Mail hat sie deshalb bereits auf ihrem Titelblatt als „Verräter im Hermelin“ bezeichnet.

Wann immer die Lords sich dem Unterhaus widersetzen, dürfen die Commons sie danach wieder überstimmen. Nachdem das aber zeitraubend und auch ein bisschen demütigend ist, will Theresa May sich nun damit behelfen, dass sie einfach zehn neue, ihr nach dem Sinn stehende Lords und Ladies aus dem Hut zaubert.

So oder so sollte es eigentlich nicht notwendig sein, eine demokratisch gewählte Kammer am Verabschieden von Gesetzen zu hindern, die ihr Land sowohl nach Analyse außenstehender Expert_innen als auch den regierungseigenen Prognosen erheblich ärmer machen werden. Aber wenn eine Labour-Party-Abgeordnete wie Jess Philips neuerdings findet, dass in Zeiten, wo es im Unterhaus nur um Quantität gehe, “eine ungewählte Kammer mit Qualität keine schlechte Sache“ sei, dann überlässt sie der rechtspopulistischen Gegenseite das Recht, sich auf die Souveränität der repräsentativen Demokratie zu berufen.

Im Endeffekt läuft all das aufs Selbe hinaus: Das, was einmal die Linke war, hat sich in seiner Umarmung des progressiven Institutions-Marketing in eine bequeme Falle begeben. Solange das, was einmal die Linke war, ihren gesellschaftlichen Einfluss nicht mehr von unten, sondern nur mehr von oben üben kann, wird sie nicht mehr gewinnen können als leere Gesten der Scheinmoral.

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