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Helden mit Dachschaden

12-jährige Vigilanten-Girls, kaputte Kerle in Kostümen und der italienische Spider-Man: Ein paar großartige Superhelden-Satiren abseits von „Deadpool 2“.

Von Christian Fuchs

Am provokanten Plappermaul Deadpool scheiden sich die Geister. Die einen beklatschen im Kino den Superhelden mit Sprechdurchfall, der sich von seinen moralisch integren Kollegen durch seine asoziale Attitude abhebt. Andere, wie der Schreiber dieser Zeilen, empfinden die ach-so-cleveren Sprüche als kleine Folter und spüren hinter den digitalen Blutbädern und der aufgesexten Dauer-Ironie eine ungeheure Leere.

„Deadpool 2“ versucht dieses postmoderne Vakuum, das immer entsteht, wenn Filmfiguren sich über ihr eigenes Genre erheben und es neunmalklug kommentieren, mit geballten Fake-Emotionen zu füllen. Wade Wilson, der Chefsarkastiker aus dem X-Men-Universum, erlebt im unvermeidlichen Sequel einen schrecklichen Schicksalsschlag und gönnt sich plötzlich sentimentale Momente.

Deadpool 2

Centfox

Deadpool 2

Diese Szenen kollidieren, wie auch Christoph Sepin in seinem Review bemerkt, mit dem omnipräsenten Zynismus der Deadpool-Filme. Und zwar auf unproduktive Weise. Dem Actionspezialisten David Leitch („John Wick“, „Atomic Blonde“) gelingt es nicht, den heulenden, fluchenden und grinsenden Wade Wilson zu einem Antihelden zu vereinen, der gerade durch seine Ambivalenz spannend wird. Was sicher auch an den mangelnden Fähigkeiten des Gerade-noch-Schauspielers Ryan Reynolds liegt.

Keine Superkraft, keine Verantwortung

Dass ein Mix aus Splatter, Satire und pathetischem Schmalz bestens funktionieren kann, hat der britische Regisseur Matthew Vaughn 2010 mit dem großartigen „Kick-Ass“ bewiesen. Ein knallbuntes und gleichzeitig rabenschwarzes Stück Comic-Kino, das seinem Titel wirklich gerecht wird.

„With no power comes no responsibility“, lautet darin, in Umkehrung des ikonischen Peter-Parker-Slogans, das Motto des Teenagers Dave (Aaron Johnson), der von einem Leben als kostümierter Held träumt. Eines Tages beschließt er, sich tatsächlich als Gangsterjäger auf die Straße zu wagen, kassiert schwerste Prügel und kommt dennoch auf den Vigilanten-Geschmack.

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Die wirklichen Stars des Films heißen aber Big Daddy und Hitgirl, die als kranke Vater- und Tochter-Version von Batman und Robin über Hochhausdächer flitzen. Der verlässlich verhuschte Nicolas Cage und die damals erst 12-jährige Chloe Grace Moretz brillieren als inzestuös angehauchter Albtraum aller Jugendschützer. Wenn die kindliche Killermaschine ihren Gegnern derbste Sprüche entgegenschleudert, hat das im Vergleich zu Deadpool echtes subversives Potential. Hit-Girl entpuppt sich übrigens auch als einziges Highlight des schwachen zweiten Teils.

Psychotisches Liebespaar in Latex und Spandex

Noch zynischer, noch böser als „Deadpool“ und „Kick-Ass“ zusammen, ist die Comic-Helden-Persiflage „Super“, ebenfalls aus dem Jahr 2010. Regisseur James Gunn ist mit seinen „Guardians of the Galaxy“-Filmen später reich geworden, aber seine kleine fiese Tragikomödie ist davon meilenweit entfernt.

Als ein Durchschnittsverlierer, der in seiner Tristesse wie die US-Version eines Sibylle-Berg-Charakters anmutet, von seiner Frau zugunsten eines Drogendealers verlassen wird, platzt ihm der Kragen. Frank Darbo schlüpft in ein hässliches, selbstgebasteltes Kostüm und wird zum Crimson Bolt, der die Kriminalität nach Superhero-Vorbild bekämpft.

Der ironische Tonfall des Films verdunkelt sich, sobald der Rächer im roten Dress mit seiner Rohrzange eiskalt mittelmäßige Ganoven zu Brei schlägt. „Super“ tut weh, setzt auf das berühmte Lachen, das im Hals erstickt und enttarnt die Vigilanten des Comic-Kinos als faschistoide Charaktere ohne eine Spur von Coolness. Rainn Wilson und Ellen Page als psychotisches Liebespaar in Latex und Spandex muss man erst einmal verdauen.

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Afroamerikanische Übermenschen und italienische Spinnenmänner

Nicht annähernd so verstörend ist „Hancock“, der Ausflug von Will Smith ins sarkastische Superheldentum. 2008 von Peter Berg inszeniert, erzählt der durchaus ambitionierte Blockbuster von einem afroamerikanischen Übermenschen, der nur noch verbittert und gelangweilt für das Gute kämpft. Von einem Meisterwerk ist „Hancock“ zwar sehr weit entfernt, aber einige Pointen sitzen und Charlize Theron hat einen ziemlich lässigen Auftritt in der actionreichen Comedy.

Zum Schluss noch so etwas wie ein Geheimtipp, der in einer eigenen Liga spielt und aus Copyright-Gründen leider nur als Kurzfilm auf Youtube zu finden ist. „Italian Spider-Man“ stammt vom selben australischen Team rund um den Regisseur Dario Russo, das auch die überaus köstliche Agentenfilmparodie „Danger 5“ im Serienformat kreiert hat. Inspiriert von illegalen japanischen und türkischen Adaptionen der Marvelfigur, die mit null Budget und komplettem Wahnwitz punkten, feiert der Billigsdorfer-Streifen die Antithese zum quirligen Marvelstar.

ITALIAN SPIDER-MAN

Alrugo Entertainment

Italian Spider-Man

Schnauzbärtig, übergewichtig und kettenrauchend sticht der italienische Spider-Man mit grobschlächtigen Sprüchen und übertriebener Brutalität hervor. Die Gefahr des gewollten Trash, die hinter jedem besserwisserischen Superhero-Ulk lauert, flackert kurz auf. Aber letztlich ist der „Italian Spider-Man“ viel zu liebevoll gemacht, jedes schundige Detail stimmt. Wer vom megateuren Overkill des aktuellen Comic-Kinos Abstand braucht, ein Youtube-Klick genügt.

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