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Franziska Seyboldt

Linda Rosa Saal

Leben mit dem Angstscheiß

Es gibt Schätzungen, wonach rund ein Viertel der Bevölkerung in industrialisierten Ländern zumindest einmal im Leben an einer Angststörung erkrankt. Nach wie vor ist das meist ein Tabu. Franziska Seyboldt will das ändern.

Von Zita Bereuter

Franziska Seyboldt hat Angst. Immer wieder. Seit sie 12 Jahre alt ist. „Generalisierte Angststörung“ nennt sich das relativ harmlos. Tatsächlich aber heißt das, die Angst kann immer und jederzeit kommen und auch lange bleiben. Bei Referaten, im Kino, in der U-Bahn, in der Arbeit. In jeder Situation. In ihrem Buch „Rattatatam mein Herz. Vom Leben mit der Angst“ beschreibt Franziska Seyboldt offen ihr Leben mit der Angst.

Da steht sie etwa auf der engen Mittelinsel einer stark befahrenen Straße in Berlin. Aus dem nichts fragt sie sich plötzlich, was wohl passieren würde, wenn sie umkippen würde. Ein Gedanke, der sich über alles legt und sie lähmt. „Aber ist der Gedanke einmal da, ist es schwer, ihn zu übersehen. Er ist wie der sprichwörtliche Elefant, der im Raum steht und der auch dann nicht verschwindet, wenn alle Anwesenden versuchen, ihn zu ignorieren.“

Mehr und mehr steigert sie sich in die Vorstellung des Umkippens. Die aufkommende Angst nimmt zu und wird zu einer Panik. Bis. Bis. Bis die Ampel endlich auf grün schaltet, sie dieser unangenehmen Situation entkommen und sich langsam beruhigen kann.

Wenn ich umkippen würde ...?

Dieser Satz bestimmt ihr Denken und entwickelt sich in schlechten Tagen hysterisch zu einer Panikattacke.

Dennoch erkennt Franziska Seyboldt das nicht als Angststörung. Im Gegenteil – sie will das nicht wahrhaben und redet höchstens von ihrer „Angstscheiße“, die ihren Alltag manchmal erschwert.

Es kommt das einschneidende Erlebnis, das alles ändert. Franziska Seyboldt ist damals schon seit über einem Jahr Journalistin bei der Tageszeitung taz. In der täglichen Redaktionssitzung muss sie regelmäßig vor vielen Leuten ein paar wenige Sätze sagen. Das fällt ihr irrsinnig schwer und sie schiebt das erst auf Lampenfieber. Eines Tages aber steigert sich dieses Lampenfieber in eine Panikattacke. Franziska Seyboldt glaubt, umzufallen. Kann unmöglich noch länger auf ihrem Stuhl sitzen. „Und dann bin ich geflüchtet.“

Sie täuscht einen Hustenanfall vor - schließlich will sie ihr Gesicht nicht verlieren - und flüchtet auf die Toillette. Während sie sich dort kaltes Wasser über die Hände laufen lässt und sich langsam beruhigt, wird ihr klar: „Das war jetzt großer Mist. Du kannst morgen nicht wieder in diese Konferenz, weil es wird jetzt immer schlimmer. Entweder Therapie oder kündigen.“

Therapie bei Hannibal Lector

Franziska Seyboldt kündigt nicht und beginnt mit 24 Jahren eine Therapie. Ihren ersten Therapeuten nennt sie wenig liebevoll Hannibal Lector. Der zweite Therapeut vermittelt ihr das Gefühl, okay zu sein. In der Therapie erkennt sie, dass die Angst nicht für sich steht. Dass es nicht ein normales Leben und daneben Panikattacken gibt, sondern dass vielmehr jede Kleinigkeit von Angst durchzogen ist. Um die Angst zu reduzieren, muss sie an verschiedenen Schrauben drehen - wie Perfektionismus, Umgang mit Stress und vor allem Kontrollverlust.

Hier findest du Hilfe bei Angststörungen

Beratung & Hilfe des öffentlichen Gesundheitsportals Österreich bei Psychischen Erkrankungen

24-Stunden-Notfall-Hotlines:
Sozialpsychiatrischer Notdienst Telefon: 01 31 330
Telefonseelsorge Wien Telefon: 142

Hilfe bieten Psychotherapeuten
ÖBVP – Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie www.psychotherapie.at
www.psyonline.at

Selbsthilfegruppen für Angststörungen & Depression bei Netdoktor

Outing

Jahrelang verheimlicht Franziska Seyboldt ihre Angststörungen. Erst als sie Anfang 30 ist, outet sich Franziska Seyboldt mit ihren Panikattacken. 2016 schreibt sie einen sehr persönlichen Artikel in der taz. Die Reaktionen sind so positiv, dass Franzsika Seyboldt beschließt, ein Buch über ihre Angststörungen zu verfassen.

Buchcover von Franziska Seyboldt's "Rattatatam"

Kiepenheuer & Witsch Verlag

„Rattatatam, mein Herz“ ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Der richtige Moment, um sich damit zu outen sei bei jedem anders. „Weil es ist natürlich vermeintliche Schwäche. Man denkt, man macht sich damit verletzbar.“ Tatsächlich habe es aber bei ihr genau das Gegenteil bewirkt: „Man holt sich dadurch Kontrolle zurück, indem man es klar benennt, was man hat und indem man offen damit umgeht.“

Sie habe vielfach gehört, wie stark und mutig sie sei. „Das hilft total.“ Das Schlimmste sei das Verschweigen. „Wenn man jahrelang eine Maske auf hat und sich immer verstellt, das raubt ja auch viel Energie.“ Seither müsse sie nichts mehr vorspielen. Mit einem „Mir geht’s heute nicht so gut“ sei mittlerweile alles erklärt.

Gute Gründe für das Buch

„Rattatatam, mein Herz“ hat Franziska Seyboldt aus drei Gründen geschrieben: Zum einen will sie Betroffene erreichen. Schon das Wissen, dass man mit dem Problem nicht allein ist, sei befreiend. Zum anderen will sie Nicht-Betroffenen vermitteln, wie sich eine Angststörung anfühlt und wie man folglich mit Betroffenen besser umgeht. Schließlich will sie für die Entstigmatisierung von Angsttörungen und psychischen Erkrankungen ankämpfen.

Angst als Figur

Weil es einfacher ist, dieses diffuse Gefühl der Angst zu beschreiben, hat Franziska Seyboldt sie in einer Art Comicfigur personifiziert. Es ist eine nervige Figur: aufdringlich, arrogant, überheblich und machtbesessen. Ein Kontrollfreak, der unerwartet immer wieder mal auftaucht, ob in der Arbeit, im Kino oder in der U-Bahn. Das vereinfacht das Verständnis und ist auch oft witzig zu lesen.

Ihr habe es beim Schreiben richtig Spaß gemacht, sich mit dieser Figur zu streiten und zu diskutieren. Und angenehmer Nebeneffekt - wenn die Panik wieder auftritt, stellt sie sich umgehend die Figur vor: „Und dann muss ich drüber lachen.“

Denn soviel ist klar - die Panik ist nicht weg. Sie stelle sich das eher wie einen Leberfleck auf der Haut vor. Der ist am Körper. So what.

Im Hier und Jetzt

Mittlerweile hat Franziska Seyboldt einen hilfreichen Weg gegen die Angststörungen gefunden. Er klingt einfach, ist es aber nicht immer: Es geht darum, im Hier und Jetzt zu sein. Während man etwa isst oder Geschirr spült, soll man sich nicht an eine unangenehme Situation vom Vortag erinnern oder bereits den Termin in einer Stunde im Kopf durchgehen.

Erschreckt habe sie festgestellt, dass sie so gut wie nie im Jetzt war. Selbst bei Gesprächen habe sie oft nicht zugehört und sich stattdessen gefragt „Was wäre, wenn ich jetzt umkippen würde?“

Auf die Art funktioniere Angst natürlich besonders gut. „Man redet es sich dann quasi herbei.“ Wenn man aber in der gegenwärtigen Situation ist, sei da gar kein Platz mehr für das „Was wäre wenn?“.

Mittlerweile hat Franziska die Bedeutung der Angst erkannt. Denn die Angst würde ihr zeigen, wenn etwas schief läuft. So absurd es klingt - sie ist der Angst dafür dankbar. Was bei anderen Leuten im Stress ein Migräneanfall, Durchfall oder Magenprobleme seien, sei bei ihr - wie bei vielen anderen auch - die Angst. „Die kommt ja nicht aus dem Nichts.“ Da habe man sich vorher übernommen, überfordert oder die eigenen Grenzen überschritten. Die Angst sieht sie nun als Sensor, der aufblinkt, wenn etwas schiefläuft.

Und das „ist doch top!“

Homebase Spezial mit Franziska Seyboldt

Die Journalistin Franziska Seyboldt hat Angst. Immer wieder. Seit sie 12 Jahre alt ist. „Generalisierte Angststörung“ nennt sich das relativ harmlos. Tatsächlich aber heißt das, die Angst kann immer und jederzeit kommen und auch lange bleiben. In „Rattatatam, mein Herz“ beschreibt Franziska Seyboldt ihr Leben mit Panikattacken. Zita Bereuter hat sich mit Franziska Seyboldt unterhalten. Eine Stunde Homebase Spezial über das Leben mit der Angst, am Donnerstag, 24. Mai, ab 21:00 auf FM4 und danach für 7 Tage im FM4 Player.

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