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Kevin Costner in Yellowstone

Paramount Television

FILM

Heimkino-Visionäre

Mit Taylor Sheridan und Nicolas Winding Refn wagen zwei großartige Regisseure einen Abstecher in den Serien- und Streamingbereich.

Von Christian Fuchs

Man braucht wohl ziemlich viel Mut, um in Hollywood einen Weg wie Taylor Sheridan zu gehen. Mit 40, nach einer langen Karriere als Schauspieler, abonniert auf kleinere Rollen in TV-Serien, reicht dem gebürtigen Texaner das Leben als Nebendarsteller irgendwann nicht mehr. Sheridan nimmt sich das Risiko einer kreativen Auszeit. Obwohl ihn, damals gerade Vater geworden, die finanzielle Panik packt, wird er Drehbuchautor. Taylor Sheridan hat Glück: Sein Drehbuch zum Drogenthriller „Sicario“, virtuos umgesetzt von Denis Villeneuve, wirbelt Stauf auf. Als dann auch noch der von ihm geschriebene Neo-Western „Hell or High Water“ zum verdienten Indiehit des Jahres 2016 wird, stehen dem Autor die Türen in Tinseltown offen.

Sheridan wagt den nächsten Schritt und setzt sich für sein Skript zu „Wind River“ selber in den Regiestuhl. Wieder kombiniert er Elemente des Westerns mit Thriller-Versatzstücken und vergisst nicht auf eine sozialrealistische Erdung, die sein Markenzeichen geworden ist. Genau die selbe Mixtur steckt nun hinter der nächsten Herausforderung, der sich der Texaner stellt. Für das Oldschool-Network Paramount hat er eine Serie geschrieben und wird sämtliche 10 Episoden selber inszenieren.

Kevin Costner in Yellowstone

Paramount Television

Düsteres Intrigenspiel mit Werbepausen

Im Mittelpunkt von „Yellowstone“ steht eine schwerreiche Rancherfamilie mit Beziehungen in die Politik. Kevin Costner verkörpert den alten Patriarchen mit Cowboyhut, der seinen Besitz mit allen verfügbaren Mitteln verteidigt, Wes Bentley, Kelly Reilly und Luke Grimes spielen die Kinder des störrischen Farmers. Der Trailer schaut aus wie ein Mix aus „Dallas“, „Denver Clan“ und „True Detective“, aber Sheridan verspricht mehr als bloß ein düsteres Intrigenspiel.

Es soll, verrät der Macher in einem Interview, um die moralischen Grauzonen zwischen der konservativen, aber um die Natur bemühten Rancherdynastie, amerikanischen Ureinwohnern, die ein Casino bauen wollen und Landerschließungsplänen eines Großkonzerns gehen. Zum Fernsehen zieht den Cineasten Sheridan das ausgedehnte Format, das ihm komplexes Erzählen erlaubt. Ab Ende Juni wird „Yellowstone“ in den USA ausgestrahlt, wöchentlich, mit Werbepausen. „Ich möchte das klassische, gemeinschaftliche Fernseherlebnis zurückbringen“, sagt Taylor Sheridan, der mit Bingewatching-Exzessen nichts anfangen kann.

Screenshot aus "Too Old to die Young"

Amazon Studios

Fiebrige Neo-Noir-Hommage in 10 Episoden

Klassisches Fernsehen ist tot“, sagt dagegen Nicolas Winding Refn. „Auch das Kino existiert nicht mehr“, setzt der dänische Regierebell nach. Für Winding Refn, der mit „Drive“ seinen bislang größten Erfolg feierte, geht es nur mehr um digitale Kanäle, auf denen Content läuft, den er gerne liefert. Das klingt ernüchternd und kühl, passt aber zu dem genüsslichen Provokateur, der mit seinen Aussagen ebenso gerne altmodische Filmfans schockt wie mit Filmen wie „The Neon Demon“.

Ganz viele Neonfarben, aber auch den von dem Regisseur vertrauten Cocktail aus hyperstylischen Visuals und expliziter Gewalt verspricht der Serienabstecher von Nicolas Winding Refn für die Amazon Studios. Miles Teller spielt in „Too Old To Die Young“ einen jungen Cop, der in die albtraumhafte Unterwelt von LA gezogen wird, wo russische, mexikanische und japanische Auftragskiller sich einen Krieg liefern. Billy Baldwin, Jenna Malone und John Hawkes tauchen in der fiebrigen Neo-Noir-Hommage ebenfalls auf, zu sehen gibt es die 10 Episoden allerdings erst 2019. Ob Winding Refn danach zum Kino zurückkehrt, dem er einige intensive Meisterwerke bescherte, wird sich zeigen.

Nicolas Winding Refn

Amazon Studios

Mafiaepos mit Blockbuster-Budget

Und dann ist da noch ein erklärter Lieblingsregisseur von Taylor Sheridan und Nicolas Winding Refn, ein Kinovisionär, der seit den Tagen des New Hollywood mit seinen Werken fesselt. Martin Scorsese, der den Serienausflug mit „Boardwalk Empire“ und „Vinyl“ schon hinter sich hat, arbeitet an einem neuen Epos für die ganz große Leinwand - und er hat es Netflix verkauft. Aus zwei ganz simplen Gründen: Der Streaming Anbieter garantiert ihm maximale künstlerische Freiheit und finanziert auch den bislang teuersten Film in Scorseses langer Karriere.

Das Mafiadrama „The Irishman“ kostete mit seinen mittlerweile wahnwitzigen 175 Millionen Dollar schon fast so viel wie die meisten Marvel-Blockbuster. Familienfreundliche Kost, die sich leicht für etablierte Studios rechnet, darf man aber trotzdem nicht erwarten. In blutig-harter „Good Fellas“-Manier trifft Scorseses einstiger Stammschauspieler Robert De Niro vor der Kamera auf die Altstars Al Pacino, Joe Pesci und Harvey Keitel, Ray Romano und Jack Huston greifen ebenfalls zu den Waffen. In die Höhe getrieben hat das Budget übrigens die digitale Bearbeitung von De Niro, der in dem Film vom „Benjamin Button“ Effektteam für Schlüsselszenen verjüngt wurde.

Robert de Niro in "The Irishman"

Netflix

Auf welcher Seite seht Scorsese jetzt eigentlich, fragten sich Kritiker, die den Regisseur auch als engagierten Vertreter des Mediums Film schätzen. Und wird die von Festivals wie Cannes zusehend boykottierte Netflix-Politik, die eigenen Filme nicht im Kino zu zeigen, „The Irishman“ schaden? Der Regiemeister antwortet diplomatisch und pragmatisch. “You can shoot a film on an iPhone, you can do anything, really. It is a complete revolution. The old system is gone, in a sense. It’d be wonderful to see ‘Lawrence of Arabia’ in 70mm on a curved screen, but not everybody’s going to do that at this point.” Von einer zumindest kurzen Kinoauswertung träumt der 75-Jährige, der der Welt „Taxi Driver“ oder „The Wolf of Wallstreet“ geschenkt hat, aber dennoch, die FM4-Filmredaktion wohl ebenso.

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