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Primavera Barcelona Atmosphäre

Sergio Albert

festivalradio

„I’m feeling good, damn, I’m feeling so fine“

Father John Misty - FM4 Artist Of The Week - singt die Hymne für die 19. Ausgabe des Primavera Sound Festival im Parc del Forum, Barcelona. Gewohnt, aber deshalb nicht selbstverständlich: ein Wochenende der Musikliebhaberverwöhnung auf höchster Stufe.

Von Lisa Schneider

Zu „Stand Up“ von The Prodigy, im wahrsten Wortsinn, hüpfen die vier Musikerinnen der spanischen Band Hinds hinaus in die späte Nachmittagssonne und hinein in ihren Eröffnungsslot am Primavera Sound Festival. Alles ist erlaubt, die schrecklich blondierten Strähnchen im sonst dunklen Haar, die große Britney Spears der 90er Jahre haucht hier hinein, die bunten Ohrringe, ein Kleid, das eigentlich ein T-Shirt ist und Elton John am Bauch trägt. Aktuell ist alles erlaubt, in der Musik wie in der Mode, wir leben damit in einem guten Jahrzehnt. Das wird sich im Rahmen des Primavera Sound Festivals noch sehr oft beweisen.

Hinds am Primavera Barcelona

Eric Pamies

Hinds eröffnen eine der beiden größten Bühnen am Primavera Sound Festival.

Es findet heute zum schon 19. Mal statt, die Booker, unter ihnen Abel González, können es selbst nicht fassen. Alles hat irgendwann, irgendwo als Idee begonnen, ein alternativ angehauchtes Festival zusammenzustellen, das den Fokus nicht nur, aber auch, auf die spanische Musikszene richten sollen. Mittlerweile reisen über 200.000 Besucher jährlich an den spanischen Strand, spazieren ins Parc del Forum, und genießen dort eines der größten Festivals Europas.

Primavera als Glastonbury-Ersatz

Es sind oft, aber vor allem heuer, hauptsächlich englische BesucherInnen hier, und das aus einem einfachen Grund: das legendäre Glastonbury Festival, eines der größten und auch bestgebuchten Festivals der Welt, setzt heuer aus; es findet, weil man am jahrelang bespielten Terrain der Erde ein Jahr Ruhe gönnen will, heuer nicht statt. Dass Kollektiv-England das Primavera als „Ersatz“ nehmen, sagt allein schon genug aus.

Nick Cave & The Bad Seeds

Eric Pamies

Nick Cave And The Bad Seeds

Es ist das alte Klischee, zum 19. Mal, aber in diesem Falle wahr: Das Primavera ist toll. Es glänzt, alle sind freundlich, es gibt die Sonne, die Möwe, die Meerbrisen, die Bühnen direkt am Meer. Auch das ist in Europa nichts Besonderes mehr, man blicke zum Beispiel nach Kroatien zum Lighthouse Festival, die Atmosphäre dürfte mit der am Primavera Sound durchaus vergleichbar sein. Auch die kleine Schwester des Großevents in Barcelona, das Nos Primavera Sound in Porto, liegt dementsprechend am Meer.

Die große Bühne als Geschenk

Deshalb ist es zwar auch die Location, aber noch viel mehr, was am Primavera zählt. Es ist die Tatsache, dass oben erwähnte Hinds eine der beiden größten Bühnen, in diesem Fall die von einem Autohersteller gesponserte, eröffnen dürfen. Ein Slot, den in den letzten Jahren etwa Mac DeMarco oder Savages bespielt haben. Vor nicht zu langer Zeit haben Hinds auch schon bei uns gespielt, aber am Wiener Gürtel, im B72, vor ungefähr 300 Leuten.

Warpaint am Primavera Barcelona

Sergio Albert

Warpaint

Weitere Lichtgestalten auf dieser Bühne werden später Warpaint sein, deren Set die pure Verkörperung von Eleganz und Harmoniebewusstsein ist; es gibt Fans, die dir danach ins Ohr flüstern, wie „obsessed“ sie sind, mit dieser Band, und das seit Jahren. „Obsession“ ist auch ein gutes Schlagwort für Zauselbart Father John Misty, züchtig mit Ehering am Finger, seinen gewohnten Don Juanismus hat er diesmal zurückgesteckt. Ab und zu schwingt er leicht lasziv die Hüfte, aber das war’s; die offen gezeigte Selbstliebe hat sich bei ihm über die Jahre immer tiefer in die Kerbe Selbstironie gegraben, seine Texte waren schon immer auf den Punkt getroffen herrlich, jetzt spielt er mit seinem eigenen Erbe. Zu hören gibt’s Altes und Neues, die Pure Comedy, „Jesus Christ“, schreien sie ihm alle entgegen. Vielleicht hätte man sich ein bisschen mehr Pathos gewünscht, dieses Wort, das in der allumfassenden Coolness schon so negativ konnotiert ist und gerade Father John auf den Leib geschneidert ist.

Father John Misty am Primavera Barcelona

Eric Pamies

Father John Misty

Musik, Musik, Musik

Die Leute singen mit, ob in der ersten, ob in der letzten Reihe. Eine fast schon plumpe Feststellung, sie im Rahmen eines Musikfestivals auszusprechen, aber die Leute sind wegen der Musik hier. Sie kommen nicht wegen Yoga-Kursen am Strand, und sie kommen nicht wegen Supersmoothie-Workshops. Das Primavera ist kein Festival, das einen Rundum-Urlaub bieten will; es geht nicht um die Beschäftigung rund um die Uhr, nur weil niemand mehr weiß, was er mit sich anfangen soll - inklusive Übernachtung im Wohlfühlhotel. Es geht tatsächlich um die Musik, und das spürt man im Publikum.

Lorde

Eric Pamies

Lorde

Die wachsende Beliebtheit des Primavera Festivals generiert sich mittlerweile natürlich über große Namen wie Nick Cave, Lorde oder Arctic Monkeys. Verfolgt man die Spuren genau dieser Bands aber zurück, ist klar, dass die meisten von ihnen irgendwann einmal, bevor der Major-Vertrag an die Tür geklopft hat, wohl als „alternativ“ im ehemaligen Genresinn einzureihen gewesen sind; also auch speziell und gewagt auf ihrem Gebiet, und womöglich anfangs auch ohne den Anspruch, ein großes Publikum zu erreichen.

Arctic Monkeys

Sergio Albert

Arctic Monkeys

I bet that you look good in the future

Arctic Monkeys sind es vor allem auch, die zusätzlich BesucherInnen aus UK anlocken; viele erzählen im Vorfeld, sie warten seit 10, 13, 15 Jahren schon auf diesen Auftritt. Worin sich alle einig sind: Alex Turner ist einer der großen Rockstars seiner Generation; worüber sich auch alle einig sind: Das neue Album, soeben erschienen, ist eher „music for the background, for sitting down“. Diese Ansicht ist so verständlich wie schade. Alle rufen nach den „old songs“, schreien natürlich „I bet that you look good on the dancefloor“ lauter mit als irgendeinen anderen Song auf irgendeinem anderen Konzert dieses Wochenendes.

Alex Turner

Sergio Albert

Alex Turner

Arctic Monkeys, in den 2000er Jahren eine der vielen UK-Gitarrenbands, die sich vor allem wegen Stur- und genialem Kopf Alex Turner raufgekämpft hat, durch den Sumpf des Vergessens und der One-Hits. Dass ihm seine Fans jetzt nicht zugestehen, die meisten von ihnen zumindest, sich weiterzuentwickeln, ist schade, anders betrachtet wirkt es nämlich so: Alex Turner ist der Star am Primavera Festival, spielt am letzten Abend DEN Slot, den letzten, großen, auf der größten Bühne. Er steht genau dort, weil er aus- und herumprobiert, vor allem aber, weil er sich der Meinung seiner Fans und Kritiker stellt. Oder sie ihm egal ist, und beides ist in Ordnung. Das neue Album mag nicht jeden mitnehmen; sein Wagnis aber, nicht das abzuliefern, was von ihm erwartet wird, macht das Warten darauf, was von ihm als Nächstes kommt, nur noch spannender.

Und allen Vorurteilen zum Trotz haben Arctic Monkeys eine Show der Superlative gespielt, zwischen Elvis- und Trotzpose, riesig inszeniert und hervorragend gespielt, alte an neue Songs geschmiegt, hin zu einer so selten erlebten Stimmigkeit im Set.

Rock und Pop und von allem das Beste

Es ist besonders schön geplant, dass vor den Monkeys und ihrer Rock’n’Roll-Garde Lorde auftritt, die ihr aktuelles Album „Melodrama“ präsentiert, sich ganz publikumslieb gibt, vor allem aber die stärkste Pop-Performance des Wochenendes hinlegt. Dass sie eine großartige Künstlerin ist, hat sie schon im Teenageralter bewiesen; und doch wagt sie jetzt noch einen Schritt hinein in besagten Mainstream-, aber deshalb nicht gehaltlosen Pop. Vor fünf Jahren hätte man Singles wie „Green Light“ noch als „guilty pleasure“ bezeichnet; ein ohnehin obsoleter Begriff. Die Grenzen sind verschwommen, und das ist gut so; was „cool“ oder eben nicht ist, liegt immer mehr - und vielleicht ist das eine der größten Stärken der aktuellen Musikwelt - im Auge der Betrachter und nicht so sehr an dem, was vorgegeben wird. Justin-Bieber-T-Shirts auf Hip-Hop-Konzerten, Backstreet Boys feiern Reunion, die schon erwähnten Hinds erinnern slacker-lässig an ihr Aufwachsen in den guten alten 90er Jahren.

Björk am Primavera Barcelona

Santiago Felipe

Björk

Es sind natürlich aber nicht nur die großen Namen, von denen da noch Auftritte wie von The National, Tyler, The Creator oder Björk zu sehen waren. Das Primavera Festival präsentiert jedes Jahr Bands, in denen die Booker das Potential sehen durchzustarten; ein Slot am Primavera ist mittlerweile das vielversprechendste Vitamin B, das man sich als MusikerIn wünschen kann. Mavi Phoenix etwa hat Abel González überzeugt, „I like that she knows where she wants to be and where she wants to go with her art“, erzählt er im Vorfeld. Mavi tritt gleich zwei Mal am Primavera Festival auf, einmal beim Warm-Up, in einem Club in der Stadt, einmal um neun Uhr auf der Pitchfork Stage – letztes Jahr, zum Vergleich, sind dort zur selben Zeit Glass Animals gestanden.

Brand-new, old and brand-new

Ebenso empfehlenswerte Neuentdeckungen am Primavera Sound waren der großartige (Sandy) Alex G und sein sehr gutes Album „Rocket“, das ist Slacker-Gitarrenpop für die einsamen Stunden, fürs Dahindenken, Dahinleben, fürs einfach auch Genießen. Oder Rolling Blackouts Coastal Fever, wie gewohnt in bester australischer Gitarrenmanier, wo jedes Jahr neue, unglaublich gute Bands aus der Psychedelic-Szene nach Europa huschen (artverwandter Tipp: Methyl Ethel). Oder Rex Orange County, ein junger englischer Musiker, der Pop-R’n’B-Songs schreibt, gegen die Welt, für die Liebe; außerdem hat er gerade mit Randy Newman dessen Song „You’ve got a friend in me“ neu aufgenommen, schon Statement genug.

Rolling Blackouts Coastal Fever am Primavera Sound

Alba Ruperez

Rolling Blackouts Coastal Fever

Überrascht werden von Newcomer-Bands ist super, fast noch besser ist es aber, wenn einen schon bekannte KünstlerInnen in Staunen versetzen. So passiert beim Auftritt von Charlotte Gainsbourg (Sidefact: Auch ihre Mutter Jane Birkin ist am Festival aufgetreten; beide mit ihrer eigenen Art Hommage an Serge), die anfangs nur leise französisch ins Mikrophon singt, zum Klavier hingewandt, und die die Show hineinmanövriert in einen fantastischen Frenchpop-Diskodschungel; wo Songs, die vom Verlust ihres Vaters und ihrer Schwester handeln, zur Hymne werden, zur tanzbaren Therapie, die sie mit allen teilt.

Erwähnt waren hier nur einige der Highlights; aber wie schön ist es, dass man ein Musikfestival mit all seinen Eindrücken nicht in wenigen Zeilen zusammenfassen kann. Fest steht, das Primavera Sound Festival in Barcelona ist nicht einfach nur „schön, sonnig, sauber“; es ist auch nicht nur das Coachella Europas. In der Diversität des Line-Ups, und wenn wir schon dabei sind, auch genderbezogen, arbeiten die Booker auf höchstem Level. Die glückliche finanzielle Lage hat ihnen das über die letzten Jahre hinweg natürlich leichter gemacht; aber im Grunde hat man jedes Jahr wieder das Gefühl, unabhängig davon, ob man vor einer der kleineren Bühnen mit 300 BesucherInnen oder vor einer großen mit 30.000 Leuten steht: Hier, im Parc Del Forum in Barcelona, bekommt man am ersten Juniwochenende jedes Jahr wieder das aktuell Beste der internationalen Musikszene geboten.

Aktuell:

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