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Gruppe A

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Blumenaus WM-Journal

Das ist die beste Gruppe zum Geschichtenerzählen

Kackt der Gastgeber ab? Kann Stani Liebe in die Herzen zaubern? Gibt es Spaß in „Salem, Fahad, Barcelona“? Lässt es sich im Auge des Hurrikans gut steuern? Oder überstrahlt die Sonne Uruguays alle?

Von Martin Blumenau

Kein Schmäh: die Gruppe A ist die interessanteste. Vielleicht nicht sportlich, aber was das Geschichten-Erzählen dazu betrifft. Weil der russische Gastgeber so im Fokus steht, weil die Saudis keine Chance haben, weil Mo Salah Ägypten so verrückt macht, weil El Maestro als erster Coach mausetot umfallen könnte, an der Seitenlinie.

The daily blumenau bietet seit 2013 ebenso wie sein Vorgänger, das Journal, regelmäßig Einträge zu diesen Themenfeldern.

Росси́йская Федерaция

Das russische Team spielt einen echt miesen Fußball, und wird also Probleme haben die Gruppenphase zu überstehen und weiterzukommen; es wäre eh das erste Mal seit dem Zerfall der Sowjetunion, also ganz normal, ist aber immer blöd, wenn WM-Gastgeber früh abkacken; wegen Stimmung im Land und so. Das ist erst einmal wirklich passiert, mit Südafrika 2010, aber die hatten drei echte Klassegegner und sie haben die Stimmung auch danach hochgehalten.

Vergleichsweise unschuldig an der Misere ist der russische Teamchef, Stanislav Cherchesov, ein Schnauzbart mit runtergezogenen Mundwinkeln, der besser Deutsch spricht als Putin, weil er lange Jahre in Dresden und Innsbruck gespielt hat, als stoischer und sehr beliebter Tormann. Gegen eine verbaute Historie, mangelhafte Strukturen, eine satte Liga und mäßig talentierte Spieler kann er auch wenig tun.

Fußball ist in Russland durchaus beliebt, aber der Teamsport der Herzen ist es nicht. Das ist Hockey, Eishockey, das stilprägende, technisch sprühendeste Eishockey der Welt, ein reiner Genuss. Putin spielt Hockey, jeder Russe spielt Hockey, das Land lebt Hockey. Fußball ist dann, wenn Hockey Pause hat. In der Sowjetunion war das Kick-Niveau trotzdem hoch (Olympia- und Euro-Titel, immerhin, und ja, auch die famose Lobanowski-Mannschaft von 1988), auch weil der Staat ein Leistungszentrum finanzierte, in Kiev, und dort die Besten aller Teilrepubliken zusammenzog. Moskau hatte nicht getaugt: die Fehden zwischen den Vereinen (Dinamo – Geheimdienst; ZSKA – Armee; Lokomotiv - Bahn, Torpedo – Autoindustrie) nivellierten alles nach unten, die Starostin-Brüder von Spartak, dem Volksverein, ließ Stalin in Sibirien internieren.

Nach dem Zerfall der UdSSR zerfiel auch das Fördersystem – und seitdem spielen sowohl die Ukraine als auch Russland einen mehr als bescheidenen Fußball. Bloß einmal, 2008, bei unserer Heim-Euro wuchs ein Team um Arshavin über sich hinaus und verlor erst im Halbfinale gegen den späteren Turniergewinner. Davor: Steppe. Seither: Steppe. Schwache Nachwuchsarbeit, überbezahlte Kicker in einer zu reichen, aber nicht zu guten Liga, schnell satt, kein Zug ins (bessere) Ausland um was zu lernen, kein Zug zum Tor.

Vier Oldies aus dem ’08er-Team sind noch dabei: die Tormänner Akinfeev und Gabulov, Flügelgott Juri Zhirkov und auch Sergej Ignashevich, der am Eröffnungstag 39 Jahre alt wird. Der nach der letzten Euro bereits Zurückgetretene wurde nachberufen, eigentlich ein Offenbarungseid, aber Coach Cherchesov kamen nach Vasin und Jikia (verletzt) sowie Kambolov (Doping, obwohl es sowas doch gar nicht gibt im Fußball, in Russland schon gar nicht, aber in Russland gibt es ja etwa auch keine schwulen Männer) und schließlich dem Deutsch-Russen Neustädter (der gemeinsam mit dem anderen extra für die große Aufgabe eingebürgerten Deutsch-Russen Rauch über die Party-Stränge schlug) gleich vier Innenverteidiger abhanden. Dazu kommen vormalige (wie Dzagoev oder Dzyuba bereits abgehalfterte) und neue Hoffungsträger wie die Miranchuk-Zwillinge oder der eingebürgerte Rechtsverteidiger Mario Fernandes.

Gegen Österreich spielte Cherchesov erstmals nach langer Zeit wieder mit einer Viererkette, das ging schief, aber davor gelang mit diversen Dreier/Fünfer-Kette-Versuchen auch kein Stich, was nicht am System, sondern meist am fehlenden Zugriff seiner Akteure aufs Spiel lag. So wird das nix werden. Und, schlimmer noch, es wird der russischen Zuschauerschaft auch egal sein.

المملكة العربية السعودية

Genau diese Verlorenheit ist die einzige Chance des großen Außenseiters der Gruppe A, der Mannschaft des Kingdom of Saudi Arabia, kurz KSA. Allein die Mittel mit denen ihr Verband den Anschluss an den Weltfußball sucht, sind weniger tauglich als andere, sehr erfolgreiche gesellschaftspolitische Programme, wie den gezielten Export des Wahhabismus, eine radikalen Spielart des sunniten Islam, etwa nach Ägypten, wo man in der Folge dieser Indoktrinierung von einer aufgeklärten in eine reaktionäre Gesellschaft zurückkippt, das ist seltsam genug. Anders als etwa Katar, Host der WM 2022, die sich in der gezielten Ausbildung ihres Nachwuchses versuchen, probieren es die Saudis mit „Salem, Fahad, Barcelona“, einer Kooperation mit dem spanischen Verband. Talente machen Schnupperlehre bei spanischen Clubs. Das ist zwar gut für Social-Media-Traffic und Imagepflege (die Saudis tragen, ganz schick wie die Spanier, ihre Vornamen am Trikot) - seriöse Spielpraxis kriegen die Burschen dort aber keine. Die saudische Liga hat ihre besten Tage als Regionalmacht hinter sich, wurde inzwischen von Katar und den Emiraten abgehängt. Derlei passiert Saudi-Arabien sonst in kaum einem gesellschaftspolitisch relevanten Feld.

Für Teamchef Pizzi, in Argentinien geborenen Spanier, ist sein Job der Trostpreis, er war mit Chile Copa America-Sieger, er war im Confed-Cup-Finale, hat es aber nicht zur WM geschafft. Er setzt auf eine Viererabwehr und agiert gern auch mit drei zentralen Spielern im Mittelfeld, Vorsicht ist besser als Ins-Messer-laufen. Aber er ist gut beraten, gleich all-in zu gehen, alles auf sein Eröffnungsspiel zu setzen. Die beiden anderen Gegner werden zu gut sein.

مَجمهورية مصر العربية

Ägypten wird zu gut sein. Auch ohne Salah, wenn er nicht fit werden sollte. Mohamed Salah ist Spieler des Jahres in der besten Liga der Welt und er hat bei der letzten Präsidentenwahl über eine Million Stimmen bekommen - obwohl er nicht am Wahlzettel stand. Salah ist gottähnlich, aber das Schicksal seiner Mannschaft hängt nicht an ihm alleine. Dazu ist das vom Argentinier Hector Cuper bereits drei Jahre lang (und für afrikanischer Verhältnisse ist das lang) gemanagte Team zu stabil; sowohl was das System als auch was das Personal betrifft. Geht das, Stabilität inmitten eines nicht nur politisch, sondern auch durch seinen politisierten Fußball völlig zerrissenen Landes? Es geht, trotz halbstaatlichen Terrors gegen engagierte Ultras, trotz abgebrochener Meisterschaften.

Die Mannschaft, die im Vorjahr das Finale des Afrika-Cups nur knapp verlor, wird auch die WM spielen. Mit dem imposanten Essam El-Hadary, dem 55jährigen Tormann, der ab dem 15. Juni der älteste Spieler jemals bei einer WM gewesen sein wird, mit den englischen Legionären Elmohamady, Hegazi, Gabr in der Abwehr sowie Elneny und dem jungen Sobhi im Mittelfeld hinter (dem dann hoffentlich fitten Superstar) Salah, mit Wuschelkopf Warda vornedrin und Mahmoud Ibrahim Hassan, der sich selber nach seinem Idol Trezeguet nennt. Und anderen mehr; im eingespielten 4-2-3-1, fokussiert wie ein Schiff, das präzise im Auges des Hurrikans, der ihr Sein draußen umwehen mag, sein Ziel ansteuert.

Okay, vielleicht glaube ich so sehr an dieses Ägypten, weil mich Riem Higazi mit ihrem Optimismus angesteckt hat, wenn sie mir die Geschichten erzählt, die sie beim letzten Besuch in Kairo aufgeschnappt hat. Aber aus Geschichten entsteht Wirklichkeit; und auch der Glaube an sich selbst.

Und: okay, ich hab’ gelogen, El-Hadary ist eh erst 45, aber auch schon ein spektakuläres Alter, oder?

República Oriental del Uruguay

Gewinnen wird die Gruppe A aber wohl der WM-Vierte von 2010; wie schon 2010, mit seinem abgeklärten zweckorientierten, aus argentinischen, brasilianischen und italienischen Einflüssen entstandenem Stil-Mix. Alt-Weltmeister Uruguay mit seiner gefühlt seit 2010 identen Mannschaft.
Ganz so ist es nicht, aber fast: Muslera, Martin Silva, Godin, Caceres, Maxi Pereira, Edinson Cavani und Luis Suarez waren schon dabei, Lodeiro ist auf Abruf. Und Trainer Oscar Washington Tabarez, 71, der wohl einst an der Seitenlinie stehend tot umfallen wird (da müssen dann Rebollo/Otero übernehmen, die machen das auch schon seit 2006). Seit zwölf Jahren baut Tabarez dieses Team immer nur in aller Vorsicht um, verlässt sich auf tradierte Routinen seiner vielfachen Internationalen.

Uruguay ist ein reines Exportland, die heimische Liga, soll heißen die paar Groß-Klubs aus Montevideo, produziert Talente und schickt sie in alle Welt, vor allem in die romanische, gerne auch zu den beiden großen Nachbarn. Und holt die Spieler dann nur noch für die Nationalmannschaft zurück. Die Abwehr kommt dann von Atletico Madrid, das Mittelfeld aus Italien und der Angriff von Barca und dem PSG.

Tabarez, der echte El Maestro, war einer der ersten Trainer, die situativ zwischen Vierer- und Fünfer-Abwehr pendeln ließen und Freude am gegnerverwirrenden asymmetrischen Spiel hatten. Jetzt, wo das schon ein jeder Foda am Schirm hat, greift der alte Mann seltener in die Trickkiste, verlässt sich auf die über lange Jahre gewachsene Spielintelligenz seiner Kicker und nimmt das 4-4-2, auch weil er die Spieler genau dafür hat.

Nur ein über die Maßen ins Rollen kommendes Ägypten kann die Celeste ins Wanken bringen, an sich selber zweifeln und scheitern lassen. Der Rest ist das friedvolle Lächeln von Homer Simpson, wenn er sich bei einem Blick auf den Globus gefragt fühlt, ob er denn fröhlich wäre; naja, eigentlich schwul, aber das passt mir gerade nicht ins Bild von der Mannschaft mit der Sonne in der Fahne.

Alle Tabellen und Spielpläne

Gruppe A Gruppe B Gruppe C Gruppe D
Russland Portugal Frankreich Argentinien
Saudi-Arabien Spanien Australien Island
Ägypten Marokko Peru Kroatien
Uruguay Iran Dänemark Nigeria
Gruppe E Gruppe F Gruppe G Gruppe H
Brasilien Deutschland Belgien Polen
Schweiz Mexiko Panama Senegal
Costa Rica Schweden Tunesien Kolumbien
Serbien Südkorea England Japan

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