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Gemaltes Bild von einem Mann vorm Laptop, Buchcover von "Überqualifiziert"

Luftschacht Verlag

Dieser Roman besteht nur aus Bewerbungsschreiben

Joey Comeau hat einen Briefroman für die Zehner Jahre geschrieben. Statt gefährlicher Liebschaften gibt es allerdings Stalking und Internetporno.

Von Martin Pieper

Vielleicht bist du ja gerade dabei, dich für irgendwas zu bewerben, Ferienjob, Praktikum, Fachhochschule oder einfach für eine Arbeitsstelle. Das Bewerbungsschreiben samt „CV“ ist ein hochstandisiertes Ritual, umfangreich vermittelt in Kursen, Ratgeber-Büchern oder Online-Tutorials. „Überqualifiziert“ ist ein Roman, der ausschließlich aus Bewerbungsschreiben besteht und trotzdem liest sich das nicht wie eine Broschüre des AMS. Einen Job wird man mit solchen Bewerbungen aber ganz sicher nicht kriegen:

Lieber Irving Oil,
ich schreibe, um mich für eine Stelle in deiner Firma zu bewerben, mein Lebenslauf liegt zur Ansicht bei. Sämtliche Referenzen und Angaben zu bisherigen Anstellungen werden einer Überprüfung standhalten, aber ich denke, dass es wichtig ist, ehrlich zu sein: Die mir übertragene Mission lautet, dich von innen heraus zu zerstören.

Gemaltes Bild von einem Mann vorm Laptop, Buchcover von "Überqualifiziert"

Luftschacht Verlag

Überqualifziert von Joey Comeau, übersetzt von Tobias Reußwig ist im Luftschacht Verlag erschienen.

Schon die allererste Bewerbung macht klar: So wird das wohl nichts mit dem Job. Aber Joey Comeau geht es eigentlich auch etwas anderes. In seinem schlanken, knapp 100-seitigem Roman „Überqualifiziert“ skizziert er ein traumatisches Erlebnis, den Unfall seines Bruders, eine Familiengeschichte aus den kanadischen Suburbs und ein Beziehungsleben zwischen Internetporno und Kinderwunsch. Ja, das geht alles über das Medium „Bewerbungsschreiben“. Früher hätte man Briefroman dazu gesagt. Statt gefährlicher Liebschaften beschreibt Joey Comeau aber mit satirischer Schärfe und bisweilen dunkelschwarz schattiert Depression und den Irrsinn kapitalistischer Arbeitswelten.

Lieber Nintendo:
danke, dass du dir die Zeit nimmst, meinen Lebenslauf zu prüfen. (...) Ich möchte mich hiermit um die Stelle als Spielentwickler bewerben. Wir brauchen ein neues Mario Spiel in dem du die Prinzessin in den ersten 10 Minuten rettest und für den Rest des Spiels versuchst, das widerwärtige Gefühl in deinem Bauch zu unterdrücken, dass sie B-Ware sei, ein Konzept, das wieder und wieder in der hochrgradig antisexuellen Anleitung erläutert wird und als Luigi einen Witz über sie und Bowser macht, brichst du ihm die Nase und bereust es sofort. Peach fragt dich, in die Stille ihre Pilzpalast-Schlafzimmers Liebst du mich noch? und du tust so als würdest du schlafen.

Joey Comeau ist ein kanadischer Blogger, Comic- und Romanautor, Gamer und Schach-Nerd. Auf seine Homepage Cargo Collective versammelt er alle möglichen Textsorten und Fotoprojekte und wenn man unbedingt eine Schublade öffnen möchte um diesen Hansdampf zu kategorisieren, dann könnt man sagen: Corneau ist sowas wie das uneheliches Kind von David Foster Wallace und Miranda July.

„Überqualifiziert“ ist jedenfalls mehr als ein formales One Trick Pony. Es ist ein Spiel mit der eigenen Biografie. Bruchstücke von realer und imaginierter Kindheit werden mit großer Zartheit beschrieben. Umso schwärzer dafür die emotionalen und sexuellen Abgründe der ins Digitale verschobene Kommunikation. Das ständige Rauschen der Social-Media Kanäle grundiert den Sound des Buchs. Als Alternative zu einsamen Nächte vor dem Rechner ist „Überqualifiziert“ jedenfalls durchaus zu empfehlen. Und in der sogenannten „Kreativindustrie“ ist wahrscheinlich sogar die eine oder andere Bewerbung als Inspiration brauchbar.

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