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Blumenaus WM-Journal

Die geteilte Gruppe G: Wannabes & Underdogs

Belgiens goldene Generation muss liefern! England muss zurück in die Elite! Tunesien muss ruhig bleiben! Panama muss gar nix!

Von Martin Blumenau

Die beiden Topgesetzten teilen ihr Schicksal: es wird einiges erwartet. Von England immer, zumindest außerhalb des UK, die heimischen Fans rechnen sich wie immer nichts aus und baden vorsorglich in Sarkasmus. Von Belgien jetzt aber wirklich, sonst droht das Schicksal bereits einiger sogenannter „Goldenen Generationen“ - High Potentials mit dann letztlich nix dahinter, so will keiner in die Geschichte eingehen.

Die beiden anderen Gruppen-Teilnehmer haben so gesehen genau gar nichts zu verlieren, der fröhliche Debütant Panama am allerallerwenigsten.

England, part of „United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland“

The daily blumenau bietet seit 2013 ebenso wie sein Vorgänger, das Journal, regelmäßig Einträge zu diesen Themenfeldern.

Gareth Southgate ist einer der vielen Engländer, die es durch einen verschossenen Elfer bei einem großen Turnier zu etwas wie ewigen Ruhm gebracht haben. Ich erinnere mich an eine Fast-Food-Werbung, in der Southgate, Waddle und noch einer mit einem Sack über dem Kopf, naja, das führte jetzt zu weit...

Worauf ich hinaus will: es macht nichts. Dieses Scheiterns jenseits der Ausnahme 1966 verleitet die Erfinder des Spiels (um im Selbstbild zu bleiben) zu keinerlei Selbstbeschädigung: es wird als Teil des Wettbewerbs akzeptiert. Das ist für österreichische Ausreden-Maßstäbe oder für autokratisch geprägtes Denken nicht nachvollziehbar, hängt direkt mit der langen demokratischen Tradition zusammen.

Bei der letzten Euro machte das Team den Eindruck einer frischen, aufstrebenden Mannschaft, die mit etwas nachhaltigem Aufbau in zwei Jahren schon pflückreif werden kann. Der Schwung ging aber in einer irgendwie angestrengt wirkenden Quali verloren. Und es kamen immer mehr nagende, bohrende Selbstzweifel und Fragen.

Southgate probiert es nach der Quali (in Tests auch schon dazwischen) mit etwas Neuem: der Abkehr von der Viererkette, die so englisch ist wie die Frühstücksbohnen. Vielleicht waren es schlicht die zu wenig guten Außenverteidiger, vielleicht aber auch eine ganz prinzipielle Entscheidung, vielleicht hat aber auch das eine zum anderen geführt. Er spielt mit drei Innenverteidigern, zumindest einem sehr defensiven davor (Dier) zwei Außenspielern und manchmal einer, manchmal zwei Spitzen. Er ist also variabel, 3-1-4-2, 3-4-2-1, und kann vielseitig verwendbare Spieler auch vielseitig verwenden. Und das war nicht immer so, in englischen Mannschaften.

Southgate hat auch bei der Torwart-Position tabula rasa gemacht, Joe Hart gekillt und vergleichsweise junge Kräfte geholt (Pope, Butland, Pickford, alle unter 27). Überhaupt sind mit Ashley Young und Cahill nur zwei alte Socken dabei.

Southgate hat in jeder Formation Spieler, die erst aufgehen müssen, wie die Buchteln im Ofen, selbst im gut besetzten Angriff (Kane, Vardy, Rashford...), aber er hat eine Idee und die offenbar auch vermittelt. An eine Mannschaft, die nach so langen Jahren des Mitdümpelns bei großen Turnieren keinen direkten Druck mehr spürt.

Koninkrijk België - Royaume de Belgique

Die Rechnung war klar: wenn es unter dem Motivationskaiser Marc Wilmots, einem taktisch inkompetenten und unterkomplexen Teamchef eh schon so halbwegs funktioniert hat, dann wird ein richtiger Trainer doch mehr aus dieser historisch wirklich einmaligen Ansammlung an überdurchschnittlichen Spielern herausholen können. Und Belgien als veritable Einspringer für die Versager-Nachbarn in der Weltelite etablieren. Durch einen Erfolg, wie, sagen wir einmal: das Semifinale.

Das ist möglich (weil Potential), wird aber schwierig. Weil der nämliche neue Coach, Roberto Martinez, Spanier, aber in England ausgebildeter Spieler und Manager (dabei u.a. Cupsieger mit Wigan und Scharner), es mit dem Konzept „Sturheit“ probiert. Das fordert Opfer, etwa Radja Nainggolan, den Martinez nicht nominierte, weil er nicht ins System passe.

Martinez fährt ein alternativloses 3-4-2-1 mit offensiven Außenspielern und De Bruyne im offensiven Zentrum, also durchaus angriffslustig. Sein einziger Plan B hat viele Haare und hört auf den Nachnamen Fellaini. Es gibt also keine zweite Idee, sollte der Gegner Belgien irgendwie am Haken haben, ist es verloren.

Das ist also genau gar kein Fortschritt zur Ära Wilmots, wo man im (immer überrascht aufgenommenen) Fall eines Rückstands more-of-the-same probiert und auf die individuelle Klasse hofft.

Die ja existiert: Coutois, Kompany, Vermaelen, Vertonghen, Meunier, Carrasco, Witsel, De Bruyne, Mertens, Hazard, Lukaku... Zurecht ein Top-Five-Team der Weltrangliste. Die zentrale Frage steht bei meinen Notizen aber so kurz formuliert da: „Stars - Pfeil - Team - Fragezeichen“.

Ich schätz einmal, dass die Eliminierung von Nainggolan, den jeder Coach jedes Teams der Welt gern ins einem Kader hätte, weil er einen Ruck geben und einen Unterschied machen kann, genau darauf abzielt: Alle potentiellen Unruhe-Herde rausnehmen. Martinez begnügt sich aber damit, sein schwieriges (und auch noch intelligentes) Star-Ensemble ohne weitere Variablen seiner Spielidee aufs Feld zu entlassen. Und schafft somit wohl noch mehr Druck als ohnehin schon da ist. Sollte Belgien nicht ins Rollen kommen, wird das in einer Explosion enden.

الجمهورية التونسية

Im Windschatten der beiden großen europäischen Favoriten hat sich Tunesien unauffällig eingerichtet. Nabib Maaloul setzt ohnehin auf Ruhe und Stabilität. Und das passt zu den runden und unaufgeregten Performances, die das einzige als Demokratie zu bezeichnende arabische Land, seit jeher bei WMs (man kam zwar nie über die Vorrunde hinaus, aber ein Punkt war immer drin) oder Afrika-Cups (da hat es nach dem Titel 2004 nur noch zu Viertelfinals gereicht) abliefert. Das ist Fluch und Segen zugleich.

Blöd ist, dass der als tunesischer Messi gehandelte Jungstar Youssef Msakni, der den Unterschied hätte machen können, verletzt fehlt. Jetzt müssen Khazri von Rennes oder Skhiri von Montpellier einspringen. Übrigens: sieben der Nominierten spielen in Frankreich, aber immerhin sechs in der gar nicht so schlechten nationalen Liga. Und fünf in der saudischen Liga, wie Kapitän und Tormann Mathlouthi, der 2007 sein Debüt feierte. Mit einem 0:0. Übrigens gegen Österreich (wo kein einziger von damals mehr den Dress trägt).

Maaloul sagt, dass er ein 4-3-3 spielt, weil er so Spieler wie den Stürmer Sliti, seine deutlich schärfste Waffe, auf der Seite einsetzen kann. Zuletzt gegen Spanien war’s eher ein 4-2-3-1 mit Sliti im Zentrum, und zuletzt hat er auch genau so getestet. Seine Spieler sind aber auch flexibel genug, um auf eine Dreier-Abwehr umzustellen. Tunesien passt sich also gut an: ruhigbleiben, um die Chance zu nützen.

República de Panamá

Es ist völlig egal, wie die Canaleros abschneiden. Solange sie sich gut verkaufen, anständig mitspielen und Flagge zeigen, wird die Weltöffentlichkeit sie lieben. Die freut sich nämlich über Debütanten mit Wiedererkennungswert deutlich mehr als über brav-biedere Dauermitspieler, die ihr Heil im Ermauern von Alibi-Punkten suchen und keine Sehnsucht danach haben, selber zu gestalten und zu formen. Und davon gibt es diesmal (gefühlt) mehr als genug, ich zähle fast ein Dutzend dieser Teams, das ist ein Drittel der Teilnehmer.

Hernan Gomez, El Bolillo, der kolumbianische Coach, kommt aus einer 4-4-2-Grundordnung, hat es zuletzt aber mit einem 4-2-3-1 probiert, kann aber auch die Schildkröte, ich hab sie einmal in einem 5-2-2-1 gesehen.

Seine Mannschaft ist die mit Abstand starbefreiteste des Turniers, kein Spieler kommt über den Transferwert von, sagen wir, Thorsten Schick. Auffällig ist, dass die Abwehr fast komplett in der US-Liga MLS spielt, etliche der Mittelfeld-Spieler in südamerikanischen Ligen ihr Geld verdienen, während die Stürmer eher im benachbarten Mittelamerika aktiv sind. Die Korsettstangen sind Tormann Penedo, Kapitän Torres, die Mittelfeldspieler Gomez, Godoy und Cooper, sowie Tejeda und Blas Perez - und das schon seit Jahren. Nur der von Kevin Kuranyi vorgeschlagene Roberto Nurse ist nicht dabei. Panama kann also Team.

Panama hat in der Kontinental-Quali gegen Mexiko, Costa Rica und die USA übrigens Unentschieden gespielt und so Andi Herzog den Job gekostet.

Alle Tabellen und Spielpläne

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