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Beyoncé & Jay Z Video Apeshit

Still: The Carters - Apeshit

Beyoncé und Jay-Z packen aus

Zum dritten Mal veröffentlicht Beyoncé ganz überraschend ein Album. Diesmal ist es das lang ersehnte Kollabo-Album mit ihrem Ehemann Jay-Z. Wir haben „EVERYTHING IS LOVE“ angehört und uns Gedanken zum Album, dem im Louvre gedrehten „APESHIT“-Video und zur Beziehung der beiden gemacht.

Von Dalia Ahmed

Aktuell sind die Carters, also Beyoncé und Jay-Z (mit Tochter Blue Ivy im Schlepptau), auf Tour durch Europa. Vor zwei Tagen spielten sie im Zuge der „On the Run 2“-Tournee eine Show in London, an deren Ende riesig auf alle Leinwände „ALBUM OUT NOW“ projiziert wurde. Und umgehend war „EVERYTHING IS LOVE“ auch schon auf der von Jay-Z mitgegründeten Streaming-Plattform Tidal zu hören.

Sofort besorgte sich der Beyhive, also die Beyoncé-Fans, 30-Tage-Free-Trial-Mitgliedschaften für Tidal und hörten die 9 Tracks auf Dauerschleife.

Beyoncé & Jay Z Video Apeshit

Still: The Carters - Apeshit

„EVERYTHING IS LOVE“ ist ein HipHop-Album, auf dem Jay-Z stimmlich zwar nicht besonders auffällt, das aber den „Holy Grail Magna Carta“-Stempel ordentlich aufgedrückt hat. Dazu kommt Beyoncés Liebe zur Musik ihrer Heimat, dem Südstaaten-Trap. Und hier und da hört man auch Einflüsse von jamaikanischem Reggae, spezifisch dessen Rocksteady Spielart.

Das Album stellt den Abschluss einer Trilogie dar. Ein Zyklus, der mit Jay-Zs Untreue und Beyoncés „Lemonade“-Album seinen Anfang nahm. Da beschuldigte, beschimpfte und mahnte Bey den untreuen Gatten. Auf Jay-Zs Album „4:44“, das letztes Jahr erschien, entschuldigte sich Mr. Carter und gelobte Besserung und Treue. Und nun erzählen uns die beiden auf ihrem gemeinsamen Album von der Versöhnung und dem Neubeginn.

Während Beyoncés letzte LP „Lemonade“ ihre Wurzeln und die Geschichte der Afro-Amerikaner/innen hochleben lässt, geht es auf „LOVE IS EVERYTHING“ um die Gegenwart und ums Angekommensein. Die Texte sind prahlerisch, aber auch kritisch und stets politisch. Wenn Beyoncé auf „BOSS“ rappt „My great-great-grandchildren already rich. That’s a lot of brown children on your Forbes list“, dann ist das Angeberei, aber zugleich auch Empowerment.

Das größte, radikalste und sichtbarste „Fickt euch, wir sind jetzt da“-Statement ist dabei das Video zu „APESHIT“. Im Louvre, dem Epizentrum westlicher, kolonialistischer „Hochkultur“, stürmen die Carters die Galerien, in denen Gemälde und Skulpturen der Antike, Renaissance, des Barocks und des Klassizismus konserviert und zelebriert werden. Eine Transferierung der Macht. Vor den höchsten Kulturgütern des Westens dominieren da nun schwarze Körper. Beyoncé tanzt beispielsweise in einer Reihe mit schwarzen Frauen vor „Le Sacre de Napoléon“, Jacques-Louis Davids Gemälde der Krönung Josephines durch Napoleon. So wie einst Napoleon nimmt sich Beyoncé, was sie will. Doch während Napoleon die Sklaverei wieder einführte und für Angst und Schrecken in Europa, Afrika und Asien sorgte, blickt Beyoncé nach vorne, zur postkolonialistischen Utopie. Eine Utopie, in der schwarze Menschen sich vor der Mona Lisa ihre hartumkämpften Locken liebevoll mit dem Afrokamm frisieren.

Eine Utopie, die sich uns eröffnet, wenn Beyoncé im wallenden, weißen Gewand vor der Skulptur der Siegesgöttin Nike tanzt oder mit Ad-Lib-Unterstützung von Migos’ Quavo „I can’t believe we made it.
This is what we’re thankful for“ rappt. Beyoncé und Jay-Z sind am Olymp angekommen und zelebrieren das in den weiten Hallen der ehemaligen Residenz der französischen Könige.

Dabei vergessen sie aber auch nicht auf die Afro-Amerikaner/innen, die es „nicht geschafft“ haben. Im Video wird immer wieder auf die Darstellung von afrikanischen Sklaven in barocken Gemälden gezoomt, Gemälde mit revolutionären Akten wie Géricaults „Floß der Medusa“ - eines der wenigen europäischen Bilder der Zeit, das einen dunkelhäutigen Menschen heroisch darstellt - werden Einstellungen mit zeitgenössischen schwarzen Menschen gegenübergestellt. Putten vs. einem schwarzen Teenager mit Engelsflügeln, Speere vs. schwarze erhobene Arme und die Venus de Milo vs. einem Tänzer, der popped & locked. Und durch die „zusammengeklaute“ Sammlung ägyptischer Artefakte spazieren Bey und Jay-Z auch. Auf dem Track „BLACK EFFECT“ singt Beyoncé dazu „I will never let you shoot the nose off my Pharaoh“. Ein weiterer Seitenhieb Richtung Napoleon und Kolonialismus.

Beyoncé & Jay Z Video Apeshit

Still: The Carters - Apeshit

Doch auf „LOVE IS EVERYTHING“ übersetzen Beyoncé und Jay-Z nicht nur purpurne und Hermelin-Herrschermäntel und andere Insignien der „westlichen“ Macht in Richard-Mille-Uhren und Burberry Bodysuits, sie beziehen sich auch auf die HipHop-Historie. Da wird die von Jay-Z getextete „Still Dre“-Hook zitiert, Das EFX bekommen einen Shoutout, Commons „I Used to Love H.E.R.“ wird interpoliert und sogar die Kündigungsszene aus Dave Chapelles Kifferkomödie „Half Baked“ wird von Beyoncé aufgegriffen.

„LOVE IS EVERYTHING“ ist ein Album, auf dem sich Beyoncé voll und ganz ihrer Liebe zum HipHop, Trap und zum Derbsein hingeben kann. Früher musste sie noch die brave Pop/RnB-Prinzessin mimen, doch nun lässt Beyoncé alles raus. Seitdem Beyoncés Vater fremdgegangen ist und Tina Knowles ihn verließ, ist er nicht mehr Beyoncés Manager. Stattdessen managed sie sich via ihrer Firma Parkwood Entertainment selbst. In diesem neuen Kapitel ihrer Karriere sind drei Alben entstanden, auf denen sie sukzessive offener und darker wird. Auf dem selbstbetitelten „Beyoncé“-Album sang sie uns etwas von Blowjobs in Limousinen vor, auf „Lemonade“ besang sie die Negro Nose mit Jackson-5-Nasenlöchern und nun rappt Bey das N-Wort, erzählt vom Kiffen und fällt Jay-Z sogar ins Wort.

Auf dem Album liegt der Fokus natürlich auf Beyoncé, aber die Momente, in denen wir von der Beziehung der beiden erfahren, machen es noch spannender. Teilweise fühlt sich das Album wie eine Gossip Session mit guten Freunden an, die spätnachts anfangen, zu sehr aus dem Nähkästchen zu plaudern. Auf dem Abschlusstrack „LOVEHAPPY“ erfahren wir, dass Beyoncé Jay-Z verlassen hatte und er um sie kämpfen musste und dass Beyoncé und Becky with the good Hair - also die Frau, mit der Jay-Z sie betrogen hatte -, sich getroffen haben.

Spätestens jetzt ist wahrscheinlich klar, warum es zum Lift Incident mit Solange kam und das Kapitel über Jay-Zs Untreue kann nun geschlossen werden. Andere gehen für so etwas in Paartherapie; die Carters hauen ein ganzes Album raus und drehen ein Musikvideo im Louvre. Praise Bey!

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