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Blumenaus WM-Journal

Europa zeigt Stärke; auf Kosten der Kleinen...

... und andere Frontex-Geschichten. Außerdem: warum Tunesien - England ein taktisch so außergewöhnliches Spiel war.

Von Martin Blumenau

Mit den drei Siegen vom Montag ist klar: es ist die WM Europas. Bislang hat nur eine Mannschaft des alten Kontinents verloren, und das war der Titelträger, also Deutschland, also gilt das nicht, weil die ja trotzdem noch Weltmeister werden (oder gegen Schweden ausscheiden) oder so.

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Ansonsten: alles super; Portugal und Spanien einigen sich im bis dato besten Spiel und Island/Schweiz holen Punkte gegen die einzigen echten Konkurrenten, der Rest hat gewonnen. Vor allem gegen die Kleinen, die Drittweltler: Afrika, Asien, Mittelamerika.

Es ist also im Fußball so wie im aktuellen politischen Zeitgeist-Anspruch: Europa ist da wie dort was Besseres. Kein Zutritt für das Fremde, das Andere.

Tschutti Heftli Matchplakat Belgien Panama

Tschuttiheftli

Trifft vor allem auf die Afrikaner zu: die beutelt das Schicksal ordentlich durch. Ägypten und Tunesien verlieren eigentlich verdiente Punkte in der Nachspielzeit, Nigeria und Marokko scheitern an Eigentoren. Alle Hoffnung rieselt durch die Finger.

Gar nicht so wie im echten Leben: die Rolle Asiens im Weltfußball. Nämlich gar keine. Saudis, Koreaner und die mitgeschleppten Australier können genau nichts (sind für die Weltbühne allzu schwach), der Iran gewinnt ohne ein Tor zu erzielen, also versehentlich, auch nach mehr als bescheidener Leistung.

Und auch die Mittel-/Südamerikaner, die den Rest der Welt sonst rausreißen, haben das Hundstrümmerl am Fuß: Peru verschießt seinen Elfer, Costa Rica scheitert an einem Freistoß. Einzig WM-Klassiker wie Uruguay und Mexiko (und die beiden noch schläfrigen Riesen) halten aktuell mit den Europäern mit.

Illiberale Zustände

Und weil das ganze keine EM, sondern eine WM ist, gefällt mir das nicht. Ist schon okay, wenn das Pendel hin und her schlägt, aber diese Art von einseitig verteilten Ungerechtigkeiten finden nur Il- und Neoliberale cool; und die, die Alleinerzieherinnen und Kleinverdiener bewusst schlechterstellen.

Tschutti Heftli Matchplakat Schweden Südkorea

Tschuttiheftli

So kann es also nicht weitergehen.

Was nicht heißen soll, dass es einige der europäischen Teams nicht verdient hätten, einmal was vorzulegen. Wobei mir da bis auf die schon gelobten Iberer aber nur Belgien einfallen würde. Und auch das sah eine Halbzeit lang jetzt nicht wirklich intensiv durchdacht oder gar speziell geplant aus. Das war eher ein „wir gehen raus und schauen einmal“. Und das geht sich nicht einmal gegen den Underdog Panama aus. Von Schweden, die das Glück, das substanz- und selbstbewusstseinslose Südkorea in der Gruppe zu haben, nur knapp einlösen konnten, will ich erst gar nicht reden.

Und jetzt: eine Einzelspiel-Analyse

Gerne aber über das Spiel zwischen Tunesien und England; das in vielerlei Hinsicht ein Außergewöhnliches war.

Die erste Auffälligkeit: im Gegensatz zu praktisch allen anderen Teams, die defensiv mit eng geschnürten Ketten stehen (meistens in einem 4-4-2), die Räume eng machen, und die Gegner bis fast zum Strafraum vordringen lassen, änderten sowohl die Nordafrikaner als auch die Briten ihr normales System auch in der Rückwärtsbewegung nicht: Tunesien blieb im 4-3-3, England im 5-3-2 - und das auch nicht eng gestaffelt, sondern über eine erkleckliche Länge des Spielfelds.

Wo sich die allermeisten anderen Matches auf wenige Meter zusammenballen, war bei diesem Spiel immer über fast den gesamten Platz über Betrieb. Und eben nicht nur über die gesamte Breite (auch gerade sehr abgesagt: die Breite voll ausnutzen, einen Flügelspieler an jede Outlinie stellen), sondern eben auch zumindest 2/3 der Länge. Beide Teams operierten meist mit langen Bällen oder mit schnellen vertikalen Stafetten; und schoben dann nicht nach, sondern blieben in den Formationen.

Tschutti Heftli Matchplakat England Tunesien

Tschuttiheftli

So wie der Fußball früher - das Spiel müsste Prohaskas angesprochen haben. Nur: ich denke nicht, dass die Coaches die letzten 25 Jahre geschlafen hatten - es war wohl Absicht. Bei England ist es die aktuelle Spielanlage: die wollen so taktisch überlegene Gegner abfangen, quasi in die Watte des übergroß vorhandenen Raumes packen. Bei Tunesien war es eine Reaktion auf das Wissen um diese Spielanlage. Denn Tunesien konnte auch anders.

Coach Nabil Maaloul (übrigens nicht der Vater seines Linksverteidigers Ali) stellte in Halbzeit 2 auf ein 5-3-2, spiegelte seinen Kontrahenten also formationstechnisch und wurde zunehmend passiver. Nach einer vogelwilden 1. Halbzeit, wo die Bälle abwechselnd nur so in die Spitze flogen, die Packing-Raten (schön, dass dieses dummdreiste Geschäftemacher-Pseudo-Ding nach seiner kurzen Hype-Hausse niemanden mehr interessiert; hat jetzt auch der Letzte kapiert, dass solche Zahlen genau nichts aussagen) ins Dreistellige gingen, hatte Southgates Team in Halbzeit 2 bis Minute 90 keine einzige Torchance; Maalouls Dreh ging also fast auf.

Und es war eine gut geprobte Standard-Situation, die England den Sieg brachte. Auch okay, weil Southgate antizipiert hatte, dass bei dieser WM die Standards noch entscheidender sein werden als sonst.

Vor allem die 1. Halbzeit von Tunesien - England aber wird als das einzige Spiel dieser 1. WM-Runde verbucht werden, das sich den pragmatischen Zwängen des modernen Fußballs verschlossen hat. Ich meine das nicht wertend, ich streiche nur die Ausnahmestellung heraus. Auch wenn dieses Match schon übermorgen keine Sau mehr interessiert.

1. Runde
Belgien : Panama 3:0 Review
Tunesien : England 1:2 Review
2. Runde
Belgien : Tunesien 5:2
England : Panama 6:1
3. Runde
England : Belgien 0:1
Panama : Tunesien 1:2

Gruppe G

Belgien 3 0 0 9:2 9
England 2 0 1 8:3 6
Tunesien 1 0 2 5:8 3
Panama 0 0 3 2:11 0
Gruppe A Gruppe B Gruppe C Gruppe D
Russland Portugal Frankreich Argentinien
Saudi-Arabien Spanien Australien Island
Ägypten Marokko Peru Kroatien
Uruguay Iran Dänemark Nigeria
Gruppe E Gruppe F Gruppe G Gruppe H
Brasilien Deutschland Belgien Polen
Schweiz Mexiko Panama Senegal
Costa Rica Schweden Tunesien Kolumbien
Serbien Südkorea England Japan

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