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Strike a Pose! Die Ballroom-Szene als TV Serie

„Pose“ lässt die New Yorker Ballroom und Vogueing Szene der 80er Jahre als TV-Serie wiederauferstehen. Is Paris still burning?

Von Martin Pieper

Der Serienmacher Ryan Murphy hat mit „Pose“ ein echtes Herzensprojekt verwirklicht. Der Erfinder von Glee, American Horror Story oder American Crime Story hat schon in seinen früheren Serien immer wieder sein großes Herz für Außenseiter bewiesen. Er ist sowas wie ein Serien-Aushängeschild für die amerikanische LGBTIQ Community geworden. In „Pose“ erzählt er jetzt die Geschichte der New Yorker Ballrooms der 80er Jahre. Es geht also um Drag, Vogueing, Disco und Glitzer, aber auch um Aids, Donald Trump und auch um identitätspolitische Fragen, die bis in die Gegenwart reichen.

Drag-Kultur im Mainstram-TV hat derzeit nur einen Namen: Ru Paul‘s Drag Race. Dort batteln sich gerade im Finale der 10.(!) Staffel die letzten vier Queens um den Titel von „Americas next drag superstar“ (Team Eureka!). Die Serie „Pose“ setzt ganze 30 Jahre früher an und zeigt eine andere Seite von Dragkultur. „Pose“ lässt mit großem Aufwand ein untergegangenes schwarzes, queeres New York wiederauferstehen, in dem die „Houses“ den Kern der sogenannten Ballroom-Scene bildeten. Diese Häuser waren Ersatzfamilien, die für schwule, trans- und queere Menschen - vor allem Schwarze und Hispanics - zu Zufluchtsorten wurden.

"Pose" Serie Filmstill

JoJo Whilden/FX

Deep in Vogue

Die Houses boten Unterstützung, Bildung und vor allem Commity, schließlich waren ihren Mitgliedern die Türen zur Mehrheitsgesellschaft von vornherein verschlossen. Sexarbeit, Drogen, Obdachlosigkeit waren ständige Begleiter dieser Szene, der die Dokumentarfilmerin Jenny Livingston schon 1990 mit dem Film „Paris is Burning“ ein Denkmal setzte. Nicht alle Darstellerinnen waren glücklich mit dem Ergebnis der legendären Dokumentation. Sie fühlten sich falsch repräsentiert , der Fame von „Paris Is Burning“ hätte vor allem der (weißen) Regisseurin genützt, der Cast von Paris Is Burning ist mittlerweile tot (Willy Ninja RIP) oder vergessen.

Das war aber noch nichts gegen die Kritik die wenig später Madonna einstecken musste, als sie mit „Vogue“ einen Welthit landete. Appropriation, eh schon wissen. Song und Video bezogen sich zwar stilistisch auf die Tänzer aus den Ballrooms, genützt hat das vor allem Madonna, die damit ihre lahmende Karriere wieder ankurbeln konnte.

Soviel Trans* wie nie

Ryan Murphy war sich der Fallstricke eines Projekts wie Pose sehr bewusst. In Interviews zur Serie betont er immer wieder, wie eng er mit Zeitzeuginnen zusammengearbeitet hat und wie wichtig es ihm war, die Story rund um das fiktive „House of Evangelista“ nicht weiß zu waschen. Noch nie haben soviele Trans*personen vor und hinter der Kamera einer so großen TV Produktion gearbeitet.

Ein guter Teil der Hauptdarstellerinnen steht für „Pose“ überhaupt zum ersten mal vor einer Kamera. Ein Risiko, dass sich ausgezahlt hat. „Pose“ überrascht mit neuen Gesichtern und Geschichten und tritt seinen Figuren mit großer Sensibilität gegenüber. Ein Umstand der überrascht, sieht man sich die bisherigen Arbeiten von Serienmacher Ryan Murphy an. Der neigt gerne zur Übertreibung, zur Ironie, zur ganz großen Oper – man denke an die späteren Staffeln von „American Horror Story“ (Lady Gaga!) oder das Turbo-Highschool Musical „Glee“.

Dass „Pose“ trotzdem nicht auf Spaß, Shade, Camp und große Kostüme verzichtet, liegt an der Community, die die Serie abzubilden versucht. Den Unterhaltungs-Profi Murphy bemerkt man am ehesten an den doch recht TV-kompatiblen Plots: Erste schwule Liebe, Aufnahmeprüfung in der Tanzschule – als große „Flashdance“-Referenz, und vor allem der Aufstieg des „House of Evangelista“ – against all odds - bilden die wichtigsten Handlungsfäden des Ensemblestücks.

Der Hintergrund für die schillernden Balls und Personen von „Pose“ ist trist: Die HIV/Aids-Krise wütet in der schwulen Community. New York verfällt. Die Kriminalität ist hoch, Rassismus- und Gewalterfahrungen gehören für die Kinder der Houses zum Alltag. Die Serie legt den Finger auch dorthin, wo gerne sonst gerne weggesehen wird, etwa wenn es um Transphobie und Rassismus innerhalb der weißen, schwulen Szene geht. Wenn man sieht, wie die Hauptfigur und Mother of the House of Evangelista Blanca versucht, einen Drink in einer Mainstream-Schwulen-Bar zu bekommen und dabei hochkant rausgeworfen wird, kann man erahnen, auf wie vielen Ebenen Ausgrenzung stattfindet.

In weiteren Rollen...

Prominentere Schauspieler sind in „Pose" nur in Nebenrollen zu sehen. James „Dawson’s Creek“ Van Der Beek ist als Paradeyuppie und Aufsteiger im neu errichteten Trump-Tower dämonisch. Der neue Aufsteiger im Team ist mit Evan Peters, bekannt aus „American Horror Story“, besetzt. Seine Liebe zur Sexarbeiterin und Ballroomqueen Angel führt vermutlich beide noch ins Verderben. Aber sicher ist das nicht. Wir stehen ja erst am Ende der dritten Folge von „Pose“.

Der amerikanische TV Sender FX hat bislang drei Folgen von Pose ausgestrahlt. Für die erste Staffel sind insgesamt acht Folgen geplant.

Besser als „The Get Down“

Baz Luhrmann ist mit seiner Netflix Hip Hop Operette „The Get Down“ trotz gigantischer Produktionsmittel grandios gescheitert. Zu bunt, zu viel, zu unentschieden zwischen den Stühlen Hip Hop Realness und Camp-Musical war sein Versuch die frühen Jahre des Hip Hop in einer Serie abzubilden. „The Get Down“ ist nach eineinhalb Staffeln abgesetzt worden.

„Pose“ ist in seiner Herangehensweise nicht so weit weg von „The Get Down“. Die persönliche Nähe von Ryan Murphy zu queerer Geschichte und Kultur und sein Vertrauen auf die Kraft authentischer Darstellerinnen machen „Pose“ aber zu diesem raren Regenbogeneinhorn, dass Drama mit Glamour, und Vogueing mit Herz verbindet.

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