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Lass dich berühren!

Nein, es geht nicht um Sex. Wir reden übers Kuscheln. Wann hat euch zuletzt jemand in den Arm genommen? Wen habt ihr vor kurzem liebevoll berührt? Manchen fällt die Antwort auf diese Frage gar nicht so leicht.

Von Claudia Unterweger

Streicheleinheiten sind meistens ausschließlich in der Partnerschaft, in der Familie oder im Freundeskreis erlaubt. Aber was, wenn das Display unserer Smartphones das Einzige ist, was wir streicheln? Schließlich ist Berührung außerhalb von Beziehungen meistens Tabu.

Manche haben gern und viel körperliche Nähe, andere weniger. Aber alle Lebewesen brauchen Berührung – das ist ein Bedürfnis wie Essen und Schlafen. Wo lernen wir also, zu berühren? Wie erfahren wir Körperkontakt in unserer berührungsarmen Gesellschaft?

Das *peppa Mädchenzentrum bietet einen geschützten Raum für Mädchen von 10 bis 20 Jahren. Sie erhalten dort kostenlos und vertraulich Lernhilfe, Gesundheitsberatung, Workshops und Ausflüge, einen Platz zum Spielen und Chillen.

Berührung außerhalb von Beziehung und Familie führt oft zu Irritation. Das weiß auch Jugendbetreuerin Karima Aziz. Sie arbeitet im *peppa-Mädchenzentrum in Wien und erinnert sich an ihre eigene Schulzeit: „Bei uns in der Klasse haben sich alle zur Begrüßung ein Bussi auf den Mund gegeben. Mädchen und Burschen. Aber das ist natürlich so eine Sache. Ich kann das in meinem Klassenkontext machen, doch wer beobachtet das aller in der Öffentlichkeit? Bekannte von meinem Vater hätten das sehen können. Und ich musste mir überlegen, ob ich immer eine Ausrede parat haben wollte. Gehe ich das Risiko ein, dass ich ertappt werde und mich dann rechtfertigen muss?“

Wer wen wie berühren darf, ist heikel. Gerade für Jugendliche ist der Umgang mit Einschränkungen, die Eltern und Gesellschaft ihnen auferlegen, ein Spießrutenlauf.

Dennoch sehnen wir uns alle - ab dem ersten Moment unseres Lebens - nach Nähe und Berührung. Im *peppa-Mädchenzentrum versuchen die Betreuerinnen daher, eine körperfreundliche Atmosphäre herzustellen, erklärt Teamleiterin Aziz. Capoeira, Selbstverteidigung oder Yoga stärken die eigene Körperwahrnehmung. So lernen die Jugendlichen, Vertrauen zu fassen.

„Bei der Begrüßung und beim Abschied kommen die Mädchen von selbst und umarmen uns Betreuerinnen ganz fest. Es gibt aber auch Mädchen, die das nicht wollen. Die holen sich Berührung und Nähe eher individuell - wenn es ihnen schlecht geht und sie in den Arm genommen werden wollen.“

Im Spannungsfeld von Nähe und Distanz ist es aber auch wichtig, Grenzen zu spüren und zu respektieren. Das gilt auch für die Grenzen der Betreuerinnen. Einige von ihnen versuchen, auf ganz eigene Art Brücken zu schlagen, schildert Aziz: „Eine unserer Kolleginnen macht lieber diese kreativen Handschläge. Die übt fist bumps und Ähnliches mit den Mädchen ein, weil sie selbst nicht so die Umarmerin ist.“

Die Art, wie Jugendliche Körperkontakt lernen, ist auch beeinflusst durch die digitale Welt. Cybermobbing, Sexting, Fatshaming prägen die Selbstwahrnehmung. Hinter der Angst vor Berührung und körperlicher Nähe steckt manchmal auch eine Verunsicherung darüber, ob der eigene Körper dem gesellschaftlichen Ideal entspricht.

Tanz-Workshops bietet Vera Rosner demnächst auch beim ImPulsTanz-Festival an. Ihre DanceAbility-Workshops stehen allen offen: erfahrenen und weniger erfahrenen Tänzer*innen und Menschen mit und ohne Beeinträchtigung.

Diesen Idealbildern und den Vorstellungen von körperlicher Unzulänglichkeit versucht Vera Rosner etwas entgegen zu setzen. Die Wiener Performerin bringt Leute mit und ohne Behinderung miteinander in Berührung. In Tanz-Workshops lehrt sie Contact Improvisation und DanceAbility. Langsame Annäherung, miteinander an einer oder zwei Körperstellen in Kontakt kommen, fühlen, was passiert, sich wieder entfernen - alles auf behutsame Weise.

„Das Tanzen eröffnet einen Raum, in dem man einfach probieren kann. Das macht Spaß. Auf der Straße können wir das ja nicht - einfach hingehen und schauen, wie nahe ich jemandem kommen kann. Aber in diesem geschützten Raum kann man spontan ausprobieren, was einem gefallen könnte. Vielleicht weiß man das noch gar nicht. Ich selbst wusste es anfangs nicht.“

Für Rosner bietet Kontaktimprovisation einen Weg, um das Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Nähe zu erfahren. Auf spielerische Weise. Einen solchen Moment hat die Performerin am Anfang ihrer künstlerischen Karriere auch selbst erleben dürfen - mit ihrem ersten Tanzpartner: einem 140-Kilo-Mann mit Lernschwierigkeiten. „Ich bin in meinem Rollstuhl gesessen und habe mich gefürchtet, dass sich dieser Mann vielleicht bei mir anlehnt oder so. Immer wenn ich mit ihm gesprochen habe, hat er in die Luft geschaut, er hat meine Worte nicht verstanden. Und dann hat die Musik begonnen. Und dieser ‚Bär‘ hat sich heruntergelehnt und hat mit mir einen so feinen Tanz gemacht, dass ich fast geweint habe. So sanft und liebevoll war das.“

Um liebevolle Kommunikation jenseits von Worten geht es auch heute, Dienstag, Abend ab 21 Uhr in FM4 Auf Laut. Professionelle Kuschler*innen von der Kuschel-Kiste werden zu Gast sein und erzählen: Wie Kuschelparties ablaufen, wie man eine klare Linie zwischen Sex und Kuscheln zieht und darüber, wie sich einander fremde Menschen gegenseitig berühren lernen.

FM4 Auf Laut: Lass dich berühren!

„Wir wünschen uns eine Umgebung, in der wir hemmungslos kuscheln können“, fordert Elisa Meyer. Seit eineinhalb Jahren bietet sie ein professionelles Kuschelservice an. Ein Scherz? Nein. Vielmehr ein Angebot an eine chronisch berührungsarme Gesellschaft.

Wie viel Körperkontakt ist im öffentlichen Raum, also abseits des ganz Privaten, erlaubt? Wo und wie lernen wir, zu berühren? Und was, wenn niemand da ist, der uns in den Arm nimmt? Elisa hat im Zuge ihres Germanistikstudiums viel über Körperidentität gelesen und begonnen, die Auswirkung von Berührung auf Menschen in ihrem Umfeld zu beobachten. Dann wollte sie nicht mehr zuschauen sondern anfassen und hat eine Webseite gegründet: cuddlers.net. Aus der digitalen Idee wurde der Verein „Kuschel Kiste“. „Wer viel kuschelt, genießt viele Vorteile“ lautet das Credo von Lisa und den anderen Profikuschler*innen, die in Wien und Berlin ihr Service anbieten. Und wer ist die Kundschaft?

In FM4 Auf Laut diskutiert Elisabeth Scharang am Dienstag, 4. Juli, ab 21 Uhr mit Elisa und ihrem Kollegen Sebastian, warum sich inzwischen ausgehend aus den USA eine ganze Kuschelbewegung formiert hat. Außerdem erzählen die beiden Profikuschler*innen wie Kuschelparties ablaufen, wer als professionelle/r Kuschler*in geeignet ist, wie man eine klare Linie zwischen Sex und Kuscheln zieht.

Du kannst ab 21 Uhr unter 0800 226 996 anrufen und mitdiskutieren!

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